Buchempfehlung "Heimliche Reisen": Schriftstellerin Helga Schütz schreibt Erinnerungsbuch

Helga Schütz wurde 1937 in Niederschlesien geboren, wuchs in Dresden auf und wurde in der DDR eine renommierte Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Zuletzt sind ihre Erzählung "Die Kirschendiebin" und ein Buch über ihre Leidenschaft fürs Gärtnerns erschienen. Nun hat Helga Schütz ein neues Werk vorgelegt: Ein Erinnerungsbuch mit dem Titel "Heimliche Reisen".

Helga Schütz 4 min
Bildrechte: Gaby Waldek

Man kann sein ganzes Leben woanders verbringen, doch der Ort der Kindheit verlässt einen nie. Das erfährt die Schriftstellerin Helga Schütz einmal mehr, als sie den 80. Geburtstag ihrer Mutter feiert und die plötzlich in die Runde fragt, wie weit es wohl sei von Potsdam bis ins Riesengebirge. Eine Frage, die nicht unbeantwortet bleibt. Denn die Mutter, so scheint es, ist auch im hohen Alter noch eine Autorität, auch wenn sie dem Künstlerinnenleben der Tochter nicht so recht zu trauen scheint.

Auszug aus "Heimliche Reisen" Meine Mutter nahm Anteil an meinem Leben, auf manches machte sie sich einen Reim, aber manches konnte sie sich nicht erklären, zum Beispiel wie man ohne Gardinen an den Fenstern leben konnte, oder auch, warum man sich sehenden Auges in Schwierigkeiten manövrierte. Das galt für meine Beziehung zu komplizierten und praktischen Männern und zur Politik. Ich hängte mich ihrer Ansicht nach an Egoisten und häusliche Faulpelze. Ich stritt mich unnötig mit Führungskräften im Bezirk. Auch meine Schreiberei, meine Geschichten, konnte sie im tiefsten Herzen nicht akzeptieren. Ich schwindelte, sobald ich an der Schreibmaschine saß, aus einem Birnbaum machte ich einen Apfelbaum, ich phantasierte über eine Begebenheit, die sie in anderen Zusammenhängen, unter anderem Namen kannte, sie zweifelt an meinem Gedächtnis, sie fürchtete um eine Zurechnungsfähigkeit, trotzdem hielt sie zu mir.

Aufbruch in die Vergangenheit

Helga Schütz
Helga Schütz wurde 1937 im schlesischen Falkenhain geboren. Bildrechte: Gaby Waldek

Also brechen die Frauen auf, gemeinsam mit Helga Schütz‘ Sohn Robert, der die beiden chauffiert, nach Neukirch und Falkenhain, wo die Schriftstellerin 1937 zur Welt kommt, bevor die Familie während der Kriegsjahre nach Dresden flüchtet. Auch für Helga Schütz bedeutet diese Reise ein Eintauchen in die früheste Kindheit, so, wenn sie sich an die Waschküche der Großmutter erinnert, die im herrschaftlichen Schloss diente.

"Ausflüge und Stationen", so hat Helga Schütz die Kapitel von "Heimliche Reisen" überschrieben und in der Tat ist sie viel unterwegs in diesem Buch, räumlich genauso wie zeitlich. Mal beschreibt sie eine S-Bahn-Fahrt von Potsdam, wo sie lebt, nach Berlin, auf der sie einem kleinen verwahrlosten Jungen begegnet. Mal reist sie zurück ins Jahr 1962, in dem sie ein Haus unweit der Mauer bezieht, auf Potsdamer Seite, und jeder sie für verrückt erklärt, weil sie im Grenzgebiet keiner besuchen kann.

Reise nach Schlesien, Italien und in die USA

Doch sie ist eine junge, zupackende Frau, zum zweiten Mal schwanger und mit ersten Drehbuch-Aufträgen der DEFA. Ein Stück Leben, zu dem auch gehört, dass das Kind in ihrem Bauch nur zwölf Jahre alt wird. Doch Helga Schütz‘ Tonfall ist weder pathetisch noch sentimental. Ihr Schreiben ist wie ein ruhiger Fluss, der durch die unterschiedlichsten Landschaften fließt und selten über die Ufer steigt. Während die zeitlichen Reisen mal mehr, mal weniger weit zurückreichen, führen die tatsächlichen nicht nur nach Schlesien, sondern auch nach Italien und in die USA. Und einmal auch zum Klassentreffen nach Dresden. Nach 50 Jahren treffen sich 30 rüstige Damen im Ratskeller von Alt-Trachau, jede mit eigenen Geschichten im Gepäck, die selbst nach Jahrzehnten noch die Gemüter erhitzen. 

Auszug aus "Heimliche Reisen" Während wir wieder im Ratskeller am Tisch saßen, wo nun die kalten Platten herum gereicht, die Gläser mit Rotkäppchen-Wein gefüllt wurden, wo wir eigentlich guter Dinge sein wollten, spürte ich einen kalten Hauch, den Geist, die Bitternis der Kindertage. Geschichte. Wir waren damals fast ohne Arg gewesen, versöhnungsbereit, friedenssüchtig, gläubig - Nie wieder ein Gewehr in deutscher Hand! - sollten wir uns jetzt wegen der Nazi-Mütter in die Haare kriegen. Sie hatten, wie die meisten Mütter, alles getan, um ihre Kinder durch die eisigen Nachkriegswinter zu bringen. Also versuchten wir nach fünfzig Jahren, grauhaarig, hüftoperiert, als gnädig spät genug Geborene Kriegsgeneration letzter Kriegsväter die Stimmung hoch zu halten. Der Sachse, vor allem der Dresdner, ist darin besonders tüchtig. Er umschifft die schärferen Klippen, im Strom, nimmt einen sicheren Bogen, munter, illusionslos, mit leicht gepfeffertem Witz.

Hin und wieder ist von diesem Witz auch bei Helga Schütz etwas zu spüren, so schwer die Zeiten mitunter waren, die sie durchlebt hat, ihren wachen und hin und wieder amüsierten Blick auf das komplizierte Weltgeschehen hat sie sich bewahrt.

Leises Buch in lauten Zeiten

"Heimliche Reisen" ist ein sorgfältig formuliertes Erinnerungsbuch, in dem sich die Autorin allerdings jederzeit bewusst ist, wie trügerisch diese Erinnerungen doch sein können. Während ihre Mutter im Schlesien ihrer Kindheit wandelt, sitzt Helga Schütz an einem Acker und denkt für sich: "Wenn ich einmal behaupten würde, dass ich die Wahrheit sage, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, dann ist es mit mir vorbei, von da an habe ich kein Gedächtnis mehr."

"Heimliche Reisen" ist ein zartes, ein leises Buch, dem man wünscht, dass es in diesen lauten Zeiten nicht überhört wird.

Helga Schütz: Heimliche Reisen
Bildrechte: Aufbau Verlag

Angaben zum Buch Helga Schütz: "Heimliche Reisen"
380 Seiten, Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03892-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. November 2021 | 14:15 Uhr

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