Thüringen Wie der Generationenwechsel in einer Ilmenauer Buchhandlung gelingt

Was tun, wenn die Kinder den Familienbetrieb nicht übernehmen wollen? Die "Ilmenauer Bücherstube" wurde mehr als 30 Jahre lang von Familie Kreibich geführt und hat ihn jetzt an eine junge Chemnitzerin übergeben – und das noch vor dem Ruhestand.

Luise Merkel und Helena-Maria Kreibich vor der Ilmenauer Bücherstube.
Luise Merkel und Helena-Maria Kreibich vor der "Ilmenauer Bücherstube". Bildrechte: Ole Steffen/MDR

Es gibt Menschen, denen merkt man ihre Zufriedenheit mit dem, was sie tun, schon ab der ersten Sekunde an. Ein Blick, ein Lächeln, eine Ausstrahlung. Bei beiden Frauen, die ich in Ilmenau getroffen habe, war diese Art von Ausstrahlung zu spüren. Das Nichthadern, das positive Selbstbewusstsein. Eine dieser beiden Frauen ist Luise Merkel, ursprünglich aus Chemnitz.

Sie ist 26 Jahre alt, gelernte Buchhändlerin. Als ein weiterführendes Studium sich für sie doch als falscher Weg herausstellt, kommt ihr die "Bücherstube" in Ilmenau wieder in den Kopf. Sie hatte die Buchhandlung einmal mit der Mutter ihres Freundes besucht. Helena-Maria Kreibich war damals noch die Besitzerin. "Und dann habe ich mich erinnert, dass mir dieser Buchladen hier einmal angeboten wurde", sagt Luise Merkel, "und ich habe dann einfach mein Schicksal in die Hände genommen und habe mich entschieden, das zu machen und das hat alles ganz wunderbar funktioniert." Das war im Oktober 2020.

Buchhandel nach der Wende in Ilmenau

Helena-Maria Kreibich hatte die Buchhandlung 1990 gemeinsam mit ihrer Mutter gegründet – in einem mittlerweile restaurierten, wunderschönen Stadthaus aus dem Jahr 1750. Ihre Mutter hatte zuvor in der DDR in einer Volksbuchhandlung gearbeitet. Helena-Maria Kreibich kündigt ihren Job als Sekretärin bei der Arbeitsschutzinspektion, steigt in das Geschäft mit der Mutter ein.

Die urige Atmosphäre der Ilmenauer Bücherstube.
Die urige Atmosphäre der "Ilmenauer Bücherstube". Bildrechte: Ole Steffen/MDR

"Wir haben begonnen mit der ersten gesamtdeutschen Messe und eingekauft für die 'Ilmenauer Bücherstube'", erinnert sie sich. Drei Jahre nach der Gründung geht die Mutter in den Ruhestand und sie "fährt das Schiff" vorerst alleine weiter, wie sie sagt, bis nach weiteren vier Jahren auch ihr Mann in den Betrieb einsteigt. Weil keines ihrer Kinder die Buchhandlung übernehmen möchte, ist 32 Jahre nach der Gründung Luise Merkel für sie ein Glücksfall. Die beiden erzählen davon, wie der Wechsel in der Bücherstube Ilmenau vonstattenging.

Gedanken über die Zeit des Inhaberinnenwechsels

Luise Merkel erzählt, wie sie drei Monate im Laden hospitiert und die Kunden kennengelernt hat. Sie lernte, wie alles funktioniert und tickt. "Dann war der große Schlüsseltag, aber, da ich vorher schon viel da war, bin ich nicht so reingefallen. Und es war noch mal komplett anders. Es wechselt ja die Verantwortung. Vorher war ich halt nur dabei und danach war ich es, die die Verantwortung hatte. Wir haben ja auch die Rollen getauscht."

Die 26-jährige Buchhänderlin Luise Merkel.
Die 26-jährige Buchhänderlin Luise Merkel. Bildrechte: Ole Steffen/MDR

Helena-Maria Kreibich ist seit Juni 2021 nicht mehr die Chefin der "Ilmenauer Bücherstube", sondern für einen Tag in der Woche im Buchladen angestellt. Immer montags ist sie da, damit ihre Nachfolgerin nicht die lange Fünfeinhalb-Tage-Woche hat. "Da mussten wir uns erst einmal finden, dass das funktioniert", erzählt Luise Merkel. "Es war schon eine Herausforderung. Und ich war auch anfangs überfordert." Manche Veränderungen haben ihr sehr gefallen, andere wiederum nicht, so Helena-Maria Kreibich, "aber in dem Moment, wo ich was abgebe, ist der andere verantwortlich. Es war ja mit mir und meiner Mutter sicherlich ganz genauso."

Lernen, die Selbstständigkeit zu managen

Helena-Maria Kreibich weiß, wie viel Zeit die Selbstständigkeit beansprucht. Dass sie einen Tag in der Woche helfen möchte, entlastet die junge Chefin. Sie muss die Buchhaltung, das Bücher-Angebot zu kuratieren, Kundenbetreuung, Bücher auszufahren und vieles mehr unter einen Hut bringen. Und für ihre Vorgängerin ist es eine Möglichkeit, noch ein bisschen im Laden mitzuarbeiten.

Die 26-Jährige habe sich bewusst für eine Buchhandlung mit einer Vorgängerin entschieden. Sie schätze, brauche und möchte deren Einschätzung. "Da ist jemand, der hat ganz viel Erfahrung", sagt sie, "aber wir sind da nicht immer einer Meinung und häufig geht es eher um die Gestaltungssachen". In solchen Momenten könne die Übernahme auch eine Herausforderung sein.

Frau Kreibich und Luise in der Ilmenauer Bücherstube.
Helena-Maria Kreibich und Luise Merkel in der "Ilmenauer Bücherstube". Bildrechte: Ole Steffen/MDR

Wenn es um die Bestellung von neuen Büchern geht, teilen sie aber den Geschmack, sagt Luise Merkel. Der Generationenwechsel war für die Kundschaft daher kein Bruch. Ohnehin hat sich Frau Kreibich darum bemüht, Luise zu vermitteln, wie wichtig die Stammkundschaft ist; wie wichtig es ist, mit ihnen ein gutes Verhältnis zu haben. "Mitunter habe ich manchmal das Gefühl gehabt, man hätte auch eine Couch in die Buchhandlung stellen können", sagt die knapp über 60-jährige Vorbesitzerin. Viele, gerade ältere Menschen, teilten häufig auch Sorgen und Gedanken beim Bücherkauf mit.

Zwischen Loslassen und Verantwortung übernehmen

Man merkt Helena-Maria Kreibich an, dass sie mit ihrer Entscheidung, den Buchladen zu verkaufen, kein bisschen hadert. Schon früh hat sie sich darauf eingestellt, dass der Moment kommen wird, an dem sie ihre Buchhandlung übergeben möchte. Für sie ist vor allem das gedankliche Loslassen – am besten schon Jahre vorher – der Schlüssel für den Generationenwechsel gewesen.

In einem Haus erbaut im Jahr 1750 befindet sich die Ilmenauer Bücherstube.
In einem Haus erbaut im Jahr 1750 befindet sich die "Ilmenauer Bücherstube". Bildrechte: Ole Steffen/MDR

"Man muss einfach demjenigen, der neu anfängt, zugestehen, dass er es macht, wie er es machen will. Und dann muss man dafür sorgen, dass er es auch finanziell auf die Reihe kriegt. Das ist auch eine ganz wichtige Geschichte. Da darf man nicht zu hoch pokern", sagt Kreibich.

Ich wundere mich manchmal, dass die Leute bis 70, 80 irgendwo sitzen bleiben und dann kann es nicht funktionieren. Man muss es wirklich da abgeben, wo man eigentlich noch die beste Zeit hätte. Aber da muss man es loslassen.

Helena-Maria Kreibich, Buchhändlerin

Ein Plakat zur Begrüßung der neuen Chefin

Als Luise Merkel den Laden übernommen hat, hat Helena-Maria Kreibich gemeinsam mit ihrem Mann ein Banner an dem Haus befestigt. Darauf stand: "Auf dem Weg in die Zukunft – Generationenwechsel – bitte kommen sie mit". Zu sehen war ein Foto von ihr und ihrem Mann und ein Foto von Luise Merkel. "Das hat viel ausgemacht. Das war eine sehr, sehr gute Idee", sagt Kreibich rückblickend. So konnten sich die Ilmenauer und die Stammkundschaft peu à peu an die neue Chefin gewöhnen.

Wenn Helena-Maria Kreibich nicht am Montag im Laden steht, wandert sie nun gerne mit ihrem Mann in den umliegenden Thüringer Wäldern. Und Luise Merkel – sie will irgendwann die Buchhandlung um ein Café erweitern. Die Bücherstube soll noch lange ihre Schatztruhe in Ilmenau sein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 26. Februar 2022 | 18:00 Uhr

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