Interview Leipziger Karl-May-Expertin über kulturelle Aneignung

1912 starb Karl May, doch die erschaffenen Helden des Schriftstellers, allen voran Winnetou und Old Shatterhand, leben mit ihren Abenteuern bis heute fort und mit ihnen ein großer Mythos. Lange herrschte der Glaube, seine Erzählungen würden authentisch das Leben Indigener beschreiben. Dem derzeit kontrovers diskutierten Begriff der "Kulturellen Aneignung" nähert sich MDR KULTUR in seiner Podcast-Serie "Winnetou ist kein Apache" und befragt zahlreiche Menschen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur dazu, darunter Jenny Florstedt: Sie ist Co-Redakteurin der Zeitschriften "Karl May & Co" und "Karl May in Leipzig", sowie seit 2000 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Karl-May-Hauses in Hohenstein-Ernstthal.

Jenny Florstedt
Jenny Florstedt gehört zu den Initiatoren der Karl-May-Bücherdatenbank, der Karl-May-Hörspieldatenbank und des Karl-May-Wikis. Bildrechte: Sabrina Seifert

MDR KULTUR: Wie gehen Sie in der wissenschaftlich interessierten Karl-May-Szene mit den Dingen um, die in den letzten Jahren in der Debatte um kulturelle Aneignung heikel geworden sind?

Jenny Florstedt: Wir versuchen natürlich einen Kompromiss oder eine Lösung zu finden. Wir sehen das Problem und nehmen es auch sehr ernst. (...) Der Wunsch der Indigenen, sich korrekt dargestellt zu sehen, ist ein völlig berechtigter Wunsch, ein Wunsch den man als Veranstalter der Festspiele sehr ernst nehmen sollte.

Aber Karl May hat ja keine Sachbücher geschrieben, er hat eine Fiktion erschaffen, und wir genießen einfach eine kontrafaktische Darstellung von einer Pseudo-Historie. Diesen Anspruch muss es auch geben: Es ist Unterhaltung und diesen Spagat abzubilden, eine Lösung zu finden, die beiden Seiten gerecht wird, die den Leuten nicht den Spaß an Karl May verdirbt und gleichzeitig aber noch die völlig berechtigten Interessen von Indigenen berücksichtigt – das ist spannend und noch nicht ausdiskutiert, wie wie das in der Praxis dann aussehen soll.

Wie stark sind Sie mit Kritik konfrontiert? Wie stark ist denn das Interesse von der indigenen Seite überhaupt an Karl May?

Ich kann es ganz schlecht sagen, weil die Debatte hier in Deutschland sehr oft von Leuten geführt wird, die gar nicht persönlich betroffen sind, sondern sich mit von Wissen losgelösten moralischen Ansprüchen in diese Debatte einmischen – was dann vielleicht wieder eine Form von Aneignung ist, wenn sie sich den Standpunkt von Indigenen zu eigen machen, um hier in Deutschland aus einer linksidentitären Sicht solche Debatten zu führen. Aber das ist jetzt nur so eine These.

Die Indigenen, mit den wir persönlich im Karl-May-Haus in Hohenstein-Ernstthal in irgendeiner Form zu tun hatten, sind meines Erachtens alle sehr tiefenentspannt. Sie freuen sich, dass sich hier Leute für sie und ihre Kultur interessieren. Da habe ich eigentlich nie irgendwelche Befindlichkeiten wahrgenommen. Aber anders ist es natürlich bei einer Adaption auf der Bühne, wenn da irgendein Fake-Medizinmann seltsame Tänze tanzt – dass sich da jemand verletzt fühlt, für den das ein Teil seiner Kultur ist, das ist völlig nachvollziehbar. Aber ich weiß nicht, wie viele Indigene tatsächlich von dieser Darbietung hier in Deutschland wissen.

Was haben Sie für ein Bild von Karl May?

Ich finde ihn unglaublich spannend. Er ist wirklich jemand, der sich aus reinem Ehrgeiz hochgearbeitet hat. Er wurde in einer bettelarmen Weberfamilie geboren, seine Geschwister sind großteils schon vor dem ersten Lebensjahr an Mangelernährung gestorben. Und er hat sich hochgestrampelt. Ja, er hat Mist gebaut, er hat seinen Job verloren. Er wurde zum Lehrer ausgebildet, hat aber eigentlich nie als Lehrer arbeiten können, weil er sehr zeitig auf die schiefe Bahn geriet.

Aber er hat sich hochgestrampelt und ist als reicher Mann in seiner eigenen Villa gestorben. Und das hat er sich selbst erarbeitet. Und dass so ein Mann wahrscheinlich nicht die einfachste Persönlichkeit hatte – er war wahrscheinlich großzügig und sehr umgänglich, wenn er sich gut gefühlt hat und seine Freunde um ihn waren, und er konnte gemein und grausam und ungerecht sein, wenn er sich schlecht behandelt fühlte. Ich glaube nicht, dass ich mit ihm persönlich befreundet gewesen wäre. Aber faszinierend ist er schon.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Juni 2022 | 11:05 Uhr

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