Interview "Die Orte der Verbrechen müssen sichtbar werden": Leipziger Verlegerin Anne König über das Buch "Babyn Yar"

Das Massaker von Babyn Yar war eines der größten Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden wurden dort von der deutschen Wehrmacht ermordet. Der Leipziger Verlag Spector Books hat mit "Babyn Yar. Past, Present, Future" ein Buch über den Ort des Verbrechens herausgeben. Verlegerin Anne König hat mit MDR KULTUR über die umfassende Recherchearbeit, die Rolle der Forensic Architecture und den Bezug zu heutigen Kriegsverbrechen in der Ukraine gesprochen.

Ein Rabbiner steht in einer Kunstinstallation bei einer Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte Babyn Jar («Weiberschlucht») und hält sich die Hand vor die Augen.
Heute erinnert in Kiew eine Gedenkstätte an das Massaker von Babyn Yar, bei dem mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden von der deutschen Wehrmacht ermordet wurden. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: In diesem Jahr wurde das Buch "Babyn Yar“ von der Stiftung Buchkunst als schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet. Mit Blick auf den Inhalt ist 'schön' nicht unbedingt eine passende Beschreibung, denn es geht um das Massaker von Babyn Yar im Zweiten Weltkrieg. Wie ist das Buch entstanden?

Anne König: Das Buch ist gemeinsam mit dem Memorial Center von Babyn Yar entstanden. Babyn Yar ist mittlerweile ein Stadtteil von Kiew, aber 1941, als das Massaker stattfand, war es eine Schlucht. Babyn Yar heißt übersetzt Weiberschlucht. Das Massaker war eines der größten überhaupt und das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg. Heute gibt es an dem Ort eine U-Bahnstation und es stehen Häuser darauf. Doch es gibt auch eine Gedenkstätte. Zu dem Team, das an dem Buch gearbeitet hat, gehört auch ein Architekturbüro in Kiew, das mit den Mitteln der Forensic Architecture den Ort des Massakers, den es so heute nicht mehr gibt, rekonstruiert hat.

Mit der Forensic Architecture sollen also Szenen rekonstruiert werden, um dann genau nachvollziehen zu können, was an den Orten passiert ist?

Die Forensik ist ja eigentlich eine Methode der Kriminalistik. Im Fall von Babyn Yar hat das Team mit den Methoden der Forensic Architecture versucht, den Ort Babyn Yar zu rekonstruieren. Dabei wurde auf Fotos, Zeitzeugenberichte, alte Stadtpläne oder Grundrisse zurückgegriffen. In einem 3D Modeling wurde dann versucht, diesen Raum nachzubauen, um herauszufinden, wie das Massaker überhaupt stattgefunden hat.

Bei den Nationalsozialisten gab es ein Fotografieverbot, das Fotografieren stand sogar unter Todesstrafe. Trotzdem gibt es in dem Buch aber Fotografien von einem Pressefotografen der Wehrmacht, der unerlaubte Aufnahmen gemacht hat. Mittels dieser Bilder wurde versucht, den Raum zu rekonstruieren. Die Bilder zeigen aber nicht das Massaker, sondern wurden danach aufgenommen. Diese Fotografien sind ein Teil des Materials in dem Buch, ein anderer Teil sind Zeitzeugenberichte.

Präsentationsbild: Preis der Stiftung Buchkunst mit abgebildeten Büchern.
Das Buch "Babyn Yar. Past, Present, Future" ist im November 2021 bei Spector Books erschienen. Bildrechte: Stiftung Buchkunst

Der Gedenkort Babyn Yar war erst kürzlich durch russische Bomben gefährdet, die ganz in der Nähe einschlugen.

Ja, das stimmt, dort ist auch jemand ums Leben gekommen. Die Mitarbeiter des Architekturbüros, die die forensischen Untersuchungen für das Buch und das 3D Modeling gemacht hatten, konnten glücklicherweise aus der Ukraine fliehen. Das sind noch sehr junge Leute, die jetzt mit "Forensic Architecture" in London zusammenarbeiten. Sie haben mit Hilfe ihrer Daten und Informationen den Ort, an dem die Bombe in Kiew eingeschlagen ist, lokalisiert. Sie haben quasi gerade ihr Fach gewechselt und verwenden ihre Methoden dazu, die russischen Kriegsverbrechen aufzuklären. Sie machen gerade das, was Forensic Architecture immer macht, sie agieren sozusagen in die Gegenwart hinein. Sie sind auch an vielen anderen Stellen in der Ukraine und bereiten durch ihre Arbeit im Prinzip die Kriegsverbrecherprozesse mit vor.

Ist dieses Buch vielleicht der Beginn einer wichtigen Recherche- und Auflärungsarbeit zu Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg?

Das fände ich unglaublich gut. Ich glaube, dass in dieser Methode eine Zukunft für die historische Aufarbeitung der Massenverbrechen in Osteuropa liegt. Es gibt so viele Orte, an denen Kriegsverbrechen geschehen sind, die aber nicht gekennzeichnet sind. Hier fehlt das öffentliche Bewusstsein und die Beschäftigung mit diesen Orten fängt gerade erst an. Es ist natürlich auch immer eine Frage an die Deutschen, also die deutsche Schuld steht da ganz groß und in diesem Zusammenhang auch die Frage, inwieweit Deutschland stärker an der Aufklärung dieser Verbrechen teilhaben sollte. Es wäre unglaublich gut, wenn die Verbrechen vor Ort sichtbar wären. Ich bin beispielsweise in Litauen an einem Ort in der Nähe von Vilnius gewesen, an dem 100.000 Menschen innerhalb eines Jahres von 1941 bis 1942 umgebracht wurden, davon waren 79.000 Jüdinnen und Juden.

Es gibt die These, dass die Zahl der Opfer bei den Massenerschießungen viel höher war als in den Konzentrationslagern. Im Englischen spricht man in diesem Zusammenhang vom "Holocaust of the Bullets". Aber unsere Aufmerksamkeit liegt durch die Erinnerungsfähigkeit der Orte auf den Konzentrationslagern. Hier gibt es Gedenkstätten, aber bei den Massenexekutionen weiß man oft nicht genau, wo sie überhaupt stattgefunden haben. Das erschwert das Gedenken, da ist also noch viel Recherchearbeit notwendig.

Angaben zum Buch:

"Babyn Yar. Past, Present, Future"
Herausgeber: Nick Axel und Nicholas Korody
Design: Larissa Kasper, Rosario Florio, Samuel Bänziger
Spector Books Leipzig, November 2021
388 Seiten mit zahlreichen Illustrationen
Sprache: Englisch
ISBN: 9783959055062

Hinweis: Dieses Interview ist ein Ausschnitt aus einem längerem Radio-Interview mit Anne König in der Reihe MDR KULTUR trifft. Das Interview führte Vladimir Balzer.

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2022 | 11:00 Uhr

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