Neuer Roman von Bettina Wilpert "Herumtreiberinnen": Drei Schicksale, verbunden durch eine Leipziger Straße

Was wäre, wenn Orte ihre Geschichte erzählen könnten? Die Schriftstellerin Bettina Wilpert hat sich eine Leipziger Straße genommen und deren Geschichte aus der Perspektive dreier Frauen verschiedener Generationen erzählt. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein – und dennoch eint sie die weibliche Sicht der "Herumtreiberinnen". So hat Wilpert ihr Buch auch genannt. Die Autorin ist am Donnerstag auch zu Gast bei "Unter Büchern", MDR KULTUR sendet live aus der Alten Handelsbörse in Leipzig.

Bettina Wilpert 4 min
Schriftstellerin Bettina Wilpert macht in ihrem Roman "Herumtreiberinnen" eine Straße in Leipzig zum historischen Schauplatz. Bildrechte: Nane Diehl

Die Lerchenstraße in Leipzig ist ein weitläufiges Gelände, auf dem vier Häuser stehen, ein großes und drei kleinere, die eher Baracken sind. Über dem Eingang zum Hauptgebäude ist das Bild eines Ritters auf seinem Pferd, der ein Schwert hebt. Das ist der Ort, an dem sich Bettina Wilperts Protagonistinnen über weite Strecken aufhalten. Nicht alle gleichzeitig, denn sie leben zu unterschiedlichen Zeitepochen in Leipzig.

Drei Frauen, ein Ort in Leipzig

Lilo, die eigentlich Lieselotte heißt, wird in den 1940er-Jahren in der Lerchenstraße festgehalten, weil sie mit ihrem Vater für den kommunistischen Widerstand gearbeitet hat.

Gut vierzig Jahre später lernt Manja, 17 Jahre alt, die Einrichtung als "Tripperburg" kennen, offiziell eine geschlossene Venerologische Station. Manja steht unter Verdacht, eine Geschlechtskrankheit zu haben. Sie muss sich täglichen, vorwiegend gynäkologischen Untersuchungen unterziehen.

Stichwort: "Tripperburg"

"Tripperburg" - so hießen die geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten zu DDR-Zeiten kurz und derb im Volksmund. Es gab sie nicht nur in Rostock, sondern auch in Berlin, Leipzig, Halle oder Erfurt. Zwangseingewiesen wurden Frauen, deren Lebensstil nicht DDR-konform war, die als "Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern (HwG)" und "Arbeitsbummelantinnen" denunziert worden waren. Landen konnten dort aber auch schon zwölfjährige Mädchen, die von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen waren. Die Polizei lieferte sie als "Herumtreiberinnen" ein.

Was Manja und ihren Mitpatientinnen zur Zeit des Kalten Krieges in der Lerchenstraße geschieht, ist 2015 Geschichte. Inzwischen befindet sich hier eine Flüchtlingsunterkunft, in der die junge Robin als Sozialarbeiterin tätig ist.

Bettina Wilpert live aus der Alten Handelsbörse

Bettina Wilpert 29 min
Bildrechte: Nane Diehl

Prägung durch verschiedene politische Systeme

Auf den ersten Blick scheinen Lilo, Manja und Robin wenig gemeinsam und sehr unterschiedliche Prägungen zu haben: Sie leben im Dritten Reich unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, im Sozialismus der DDR und schließlich im wiedervereinten Deutschland in einer freien Demokratie. Den Handlungsort in der Leipziger Lerchenstraße nutzt Wilpert, um das Schicksal ihrer Figuren zu verbinden.

Außerdem bedient sich die Autorin sprachlicher Mittel, die sowohl inhaltlich als auch formal Zusammenhänge schaffen. So beendet sie etwa eine Passage mit Begriffen, die sie im nächsten Abschnitt wieder aufgreift, obwohl sich Ort und Zeit verändert haben.

Regionale Bezüge zum Wiedererkennen

Die Straßennamen, Beschreibungen der umgebenden Landschaft sowie Erwähnungen kultureller Einrichtungen stellen einen klaren Bezug zu dem realen Vorbild des Handlungsortes her. Offensichtlich hat Wilpert nicht nur in dieser Stadt studiert, sondern sich auch umfassend und tiefgreifend mit dem beschäftigt, was sie schildert. Wer Leipzig ein wenig kennt, erkennt es beim Lesen wieder. Umso bedrückender wirken die Erlebnisse der Protagonistinnen.

Bei aller Schaurigkeit, die ihnen anhaftet, gelingt es der Autorin allerdings, die jungen Frauen für sich sprechen zu lassen und somit auf offenes Be- oder Verurteilen zu verzichten. Der Fokus liegt offensichtlich auf Wahrnehmung und Perspektive der Figuren.

Cover des Buches von Bettina Wilpert, kein Bild, es steht nur der Autorinnenname, der Buchtitel "Herumtreiberinnen" und "Roman" darauf.
Das Cover des Buches ist sehr schlicht gehalten. Bildrechte: Verbrecher Verlag

Das zeigt sich nicht zuletzt darin, wie Sprache und Inhalt ineinandergreifen. Die Lesenden werden nicht nur zu Beobachterinnen und Beobachtern dessen, was sie lesen. Vielmehr nehmen sie durch diese Verquickung selbst am Geschehen teil. Wo jemand nachdenklich ist, Gedankensprünge oder Fantasien hat, sind die Sätze lang. An anderen Stellen generieren mehrere aufeinanderfolgende, kurze Sätze eine gewisse Atemlosigkeit, die ebenfalls zum Getriebensein der Figuren passt.

Vermeintliche "Herumtreiberinnen"

Und ehe man sich versieht, befindet man sich wieder in der Lerchenstraße und fragt sich, wie und vor allem warum man eigentlich hierhergekommen ist. Antworten gibt Wilpert nicht. Vielmehr verleiht sie den Fragen genau das Maß an Ratlosigkeit und Verzweiflung, das die Bedrängnis der Frauen noch unterstreicht: Ihre einzige Schuld besteht darin, dass sie "Herumtreiberinnen" sind. Und solchen hat sich anscheinend noch kein Gesellschaftssystem souverän zu stellen vermocht.

Informationen zum Buch Bettina Wilpert: "Herumtreiberinnen"
266 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-95732-513-6
Verbrecher Verlag

Veranstaltungshinweis: Bettina Wilpert ist am Donnerstag, den 17. März zu Gast bei MDR KULTUR "Unter Büchern" live aus der Alten Handelsbörse in Leipzig. Das Gespräch findet von 20:35 bis 21 Uhr statt und wird live bei MDR KULTUR – das Radio übertragen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2022 | 12:10 Uhr

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