Buchvorstellung Leipziger Autorin Kaśka Bryla fesselt mit neuem Roman-Kunstwerk

Ihr Debütroman "Roter Affe", der im Jahr 2020 erschien, wurde von den Kritikern in Deutschland und Österreich hochgelobt. Philosophisch hintergründig schreibe die Leipzigerin Kaśka Bryla, hieß es. Sie erzähle rasant und habe ein Gespür für poetische Sprache und gesellschaftlich brisante Themen. Das kommt auch in ihrem neuen Buch "Die Eistaucher" zum Tragen. Nach einer mitreißenden Road Novel legt sie nun einen Coming-of-Age-Roman vor, der alles andere als gewöhnlich ist.

Autorin Kaska Bryla 4 min
Bildrechte: Carolin Krahl

Bereits das Inhaltsverzeichnis überrascht. Das erste Kapitel ist nämlich nicht mit einer 1, sondern einer 9 überschrieben. Kaśka Bryla hat sich also entschieden, die Geschichte rückwärts zu erzählen. Könnte man meinen. Doch die 1 über dem zweiten Kapitel weist auf einen Kunstgriff der Autorin hin, der "Die Eistaucher" schon formal zu einem auffälligen Buch macht: Die Lesenden betrachten die Geschehnisse – kapitelweise abwechselnd – aus zwei unterschiedlichen Erzählperspektiven. Zunächst scheinen auch die Handlungsstränge voneinander unabhängig zu sein. Mit fortschreitender Lektüre offenbaren sich jedoch Überschneidungen.

Nicht nur formal hebt sich der Roman von Kaśka Bryla von anderen ab. Auch ihre Protagonistinnen und Protagonisten sind in ihrem Umfeld ziemliche Außenseiter: drei Jugendliche, die sich zu Beginn des neuen Schuljahres in derselben Klasse eines katholischen Privatgymnasiums wiederfinden.

"Die Eistaucher" ist ein Roman mit Alleinstellungsmerkmalen

Iga, die in der Schule häufiger fehlt als anwesend ist, deren Leistungen darunter jedoch nicht leiden; Jess, die nach Anerkennung lechzt und in Liebeskummer um eine Verflossene aus den Sommerferien ihre Identität sucht; Ras, der eine Stimme hört, die sonst niemand hört und überallhin von einem imaginären Müllhaufen begleitet wird – Kaśka Bryla schafft eine Konstellation, die einer gewissen Skurrilität nicht entbehrt.

Doch so wenig die drei Figuren auf den ersten Blick gemeinsam haben, so stark ist doch die Verbindung, die zwischen ihnen wächst. Sie alle ringen um Gerechtigkeit.

Unbestreitbar war jedoch, dass diese Ungerechtigkeit nicht einfach hingenommen werden durfte. (…) Es war Zeit, dass sie in Erscheinung traten. Die Welt sollte mitbekommen, dass es sie gab.

Aus "Die Eistaucher" von Kaśka Bryla, Seite 259

Kaśka Bryla, Leipziger Autorin
Die Leipziger Autorin Kaśka Bryla auf einem Longboard – ein solches Gefährt spielt auch in ihrem neuen Roman "Die Eistaucher" eine Rolle. Bildrechte: Carolin Krahl

Das Buch von Kaśka Bryla ist philosophisch und poetisch

Das Erleben von Ungerechtigkeit setzt Kaśka Bryla als ein zentrales Thema. Ob im Elternhaus, in der Schule oder in Beziehungen – weder die Haupt- noch die Nebenfiguren kommen in dieser Geschichte umhin, sich mit Grundsatzfragen von Ethik und Moral auseinanderzusetzen.

Mehrere Szenen verwendet die Autorin dafür, vor allem das gemeinschaftliche Diskutieren ihrer Figuren zu Schauplätzen zu machen, an denen früher oder später die Solidarität als Siegerin von dannen zieht.

Die Frage ist doch: Welcher Mensch möchte ich werden? Das ist doch die Frage, die wir am Ende dieser Zeit hier beantworten können sollen.

Aus "Die Eistaucher" von Kaśka Bryla, Seite 266

Ein Roman voller Tempo

Kaśka Bryla: Die Eistaucher
"Die Eistaucher" ist der zweite Roman von Kaśka Bryla. Bildrechte: Residenz Verlag

Aus einer rasanten Mischung aus jugendlichem Idealismus und durchaus dynamischen Gefühlswirklichkeiten der Figuren verbindet Kaśka Bryla impulsive und reflexive Äußerungen zu buchstäblich philosophischen Erkenntnissen. Dank ihrer Formulierungen wirken sie stellenweise wie Aphorismen, geradezu poetisch.

Dass die Autorin die beiden Erzählstränge einander chronologisch entgegenlaufen lässt, erzeugt unterdessen ein erhebliches Tempo, das sie zwischendurch allerdings zu brechen weiß. Dazu dient insbesondere ein Requisit, das in beiden Strängen auftaucht: Igas Longboard, das Loaded Dervish Sama. Es scheint Zeitreisen in die Vergangenheit zu ermöglichen. Den Gedanken, auf diese Weise die Geschehnisse zu beeinflussen, nutzt Kaśka Bryla als weiteres Beschleunigungsmoment, das eine Atmosphäre produziert, die zwischen Dringlichkeit und Unausweichlichkeit oszilliert – spannend!

Kaśka Bryla lebt in Leipzig und Wien

Sicherlich ist es kein Zufall, dass Kaśka Bryla – wenn auch in literarischer Form – hochpolitische Fragestellungen aufgreift. Zwischen Wien und Warschau aufgewachsen, studierte sie doch zunächst Volkswirtschaftslehre in Wien und danach literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Hier gründete sie 2015 gemeinsam mit anderen die Literaturzeitschrift und das Autorennetzwerk PS – Politisch Schreiben. Mit ihrem Roman "Die Eistaucher" präsentiert sie nun ein gleichermaßen künstlerisches wie politisches Buch.

Angaben zum Buch und Termine für Lesungen in Leipzig

Kaśka Bryla: "Die Eistaucher"
Residenz Verlag, 2022
320 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3-7017-1751-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2022 | 18:40 Uhr