"Spyderling" Keine Durchschnittsware: Leipziger Autor erzählt die Welt als Brettspiel

Schon mit seinem Debütroman "Der Krieg im Garten des Königs" konnte Sascha Macht überzeugen. Zuvor studierte der Autor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zwischenzeitlich war er Burgschreiber in Beeskow und las um den Bachmannpreis. Nun legt er mit "Spyderling" seinen zweiten Roman vor. Darin erfindet er eine skurriel Situation und findet überraschende Ideen.

Sascha Macht, Leipziger Autor
Der Leipziger Autor Sascha Macht Bildrechte: dpa

Die Welt in ihren politischen, ökonomischen und kulturellen Strömen ist kaum noch zu durchschauen, sie schwitzt und dröhnt und ist sowieso kaum noch zu retten. Gespalten war diese Welt schon immer, aber zumindest waren gewisse Gegensätze und Paarbeziehungen doch klar zu benennen: der Westen und der Osten, die Diktaturen und die Demokratien, die Originale und die Kopien, die Heimat und die Fremde, die Dinge und ihr Wert und so weiter.

Diese festen Zuschreibungen haben sich in den letzten Jahrzehnten verflüchtigt. Die Gesetze der Gesellschaft scheinen sich beständig zu ändern und eher dem Zufall zu folgen als den Konzepten der Menschen. Dann wäre das Leben also ein Spiel und der Umgang mit Würfel und Ereigniskarte, mit Spielfigur und Spielbrett wäre das perfekte Abbild gegenwärtiger Zustände.

Leipziger Autor überrascht mit riskanten Einfällen

Dieses Motiv nun hat Sascha Macht aufgenommen in seinem neuen Roman "Spyderling". Das Spiel wird zum konkreten Thema wie auch zum Bild für die Zustände im Großen und Ganzen. Eine Romananordnung, die dem Leipziger Autor allerlei Pirouetten, schräge Dialoge und immer neue Teilgeschichten und Abschweifungen erlaubt. Diese Möglichkeit reizt er aus bis in den letzten Winkel seines Buches.

Ein älterer Mann steht in einem Lager voller Brettspiele und betrachtet eines in seinen Händen näher.
In Altenburg unweit von Leipzig wurden zahlreiche Spiele gesammelt und erforscht. Bildrechte: MDR/Kathrin Welzel, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter MDR-Sendung bei Nennung

Eine Gruppe von (Brett)Spiele-Entwicklern ist von einem Unbekannten namens Spyderling zu einem Treffen nach Moldawien eingeladen worden, wohl zu so etwas wie einem Kreativworkshop. Es wohnt sich angenehm dort, in einem Gästehaus mit Pool und Rundumverköstigung, mit Bibliothek und Spielothek auf der Etage. Die Spiele-Entwickler spielen die alten Spiele und tüfteln an neuen herum, und sie liefern nebenher die Philosophie des Lebens und des Spielens ab.

Auszug aus "Spyderling"

Die US-Amerikaner spielen so, wie sie ihre Kriege führen: Sie ignorieren, dass sie schon längst am Verlieren sind und machen einfach immer weiter, als sei nie etwas geschehen. Die Deutschen spielen auf eine langsame, traurige Art und Weise. Die Mexikaner spielen, als würden sie sich auf einer postapokalyptischen Atomwüste befinden. In El Salvador wird nur nach Sonnenuntergang gespielt. Die Finnen singen, während sie spielen. Die Ukrainer weinen, während sie spielen. Die Vietnamesen beten, während sie spielen. Die Haitianer zünden während des Spielens kleine Schalen voll Kaffeepulver an. In Uganda sollte ein Spielbrett immer im Schatten ausgebreitet werden, ansonsten fängt es nämlich an, ein Eigenleben zu führen.

Welt und Geschichte auf dem Spielbrett

Buchcover von "Spyderling" von Sascha Macht: In der Mitte blickt ein Auge aus einem Rhombus, eckige Linien darum erinnern an Spinnenbeine.
In "Spyderling" will ein mysteriöser Auftraggeber das ultimative Brettspiel. Bildrechte: Dumont Verlag

Alles ist ein Spiel in diesem Roman, von der großen Politik bis hinein in die erotischen Verhältnisse zwischen den Menschen. Die literarische Form dafür ist die Groteske, die stetige Übertreibung. Und also dreht und heizt Sascha Macht weiter und weiter, was durchaus komisch ist, manchmal allerdings auch ein wenig zur Masche wird. Allerlei skurrile Spielideen packt der Leipziger aus, und natürlich wird auch der ganze Second-Hand-Markt der postsowjetischen Geschichte – der Roman, wie gesagt, spielt in Moldawien – lustvoll durchwühlt.
In Moldawien nun haben sich im kleineren Maßstab ja schon ähnliche Konflikte abgespielt, die jetzt in der Ukraine in so bedrückender Weise zum Vorwand für eine militärische Aggression geworden sind. Sascha Machts Roman, der von den Unwägbarkeiten aller politischen und künstlerischen Entwürfe handelt, ist nun praktisch selbst in eine solche Zufallsschleife geschleudert worden und erzählt von einem Randgebiet, das in diesen Tagen ganz real im Zentrum der Welt steht. Überall kann sich jederzeit ein Abgrund öffnen, und jedes Spiel kann umschlagen in eine Tragödie.

Auszug aus "Spyderling"

So viel ist in den letzten Jahren geschehen, und so viel ist von mir vergessen worden, und so viel habe ich mir im Laufe der Zeit ausgedacht, bis ich glaubte, dass es mir wirklich passiert sei. Auch das Erzählen ist ja immer ein Ritt auf einen Abgrund zu, der gar kein Abgrund ist, sondern eine sanft abfallende, unbegrenzte, mit Steinen in allen Farben und Größen übersäte Ebene, die nur noch die Ahnung eines Abgrundes in sich birgt, und man sitzt dabei auch nicht auf einem Pferd, einem Yak, einer Kragenechse oder einer riesenhaften Gottesanbeterin, sondern auf dem Traum eines längst verstorbenen Menschen oder auf seinem eigenen Traum, der von einem verstorbenen Menschen handelt.

Ungewöhnlicher und herausfordernder Roman

Der Traum und der Ritt auf den Abgrund zu könnten als erzählerische Prinzipien auch des Leipzigers Sascha Macht benannt werden. Er riskiert einiges mit seinem Roman "Spyderling", mit diesem satten Aufblättern von Groteske und ewigem Verwirrspiel, mit seinen comic-haften Bildern und den breit ausgerollten Situationen, die manchmal einfach ins große Nichts führen. Ein Buch für Menschen, die von einem Roman nicht zuerst die übersichtliche Entwicklung von Story und Figur erwarten und die mit Kategorien wie Gut und Böse oder Wahr und Falsch nicht mehr allzu viel anfangen können. Ein ungewöhnlicher Roman, eine Herausforderung, und ganz sicher keine Durchschnittsware.

Informationen zum Buch "Spyderling" von Sascha Macht
Erschienen im Dumont Verlag
480 Seiten, 25 Euro
ISBN-978-3832181918

Die Buchpremiere ist am 9.3.2022 in Leipzig.
20 Uhr im Neuen Schauspiel im Rahmen der Literatur-Show: "Die schlecht gemalte Deutschlandfahne"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2022 | 15:45 Uhr

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