Buchempfehlung Ein Sachse mitten in Hongkongs Demokratiebewegung

Immer wieder versucht Peking, Einfluss auf das liberale Hongkong zu nehmen. Schriftsteller Marko Martin, der aus Burgstädt in Sachsen stammt, hat die "Sonderzone" Chinas oft besucht und als Insel der Freiheit kennengelernt. In seinem neuen Buch "Die letzten Tage von Hongkong" erzählt Martin atmosphärisch dicht von den Protesten der Hongkonger Demokratiebewegung 2019. Eine Buchkritik.

Hongkong gilt als der liberale Teil Chinas und kann weitgehend autonom von Peking agieren. Als die Regierung 2019 jedoch das "Gesetz über flüchtige Straftäter und Rechtshilfe in Strafsachen" vorschlug, gingen Millionen Menschen aus Protest auf die Straße: Das Gesetz hätte es ermöglicht, dass Häftlinge nach China hätten ausgeliefert werden können.

Die Protestierenden – gut ein Viertel der Bevölkerung – sahen das Prinzip "ein Land, zwei Systeme" und damit die Demokratie in Hongkong bedroht. Sie fürchteten, dass von nun an auch demokratische Aktivistinnen und Aktivisten an den autoritären Staat ausgeliefert werden könnten. Der Schriftsteller Marko Martin reiste um den Jahreswechsel 2019/2020 in die Region und schrieb ein literarisches Tagebuch, dass jetzt mit dem Titel "Die letzten Tage von Hongkong" erschienen ist.

Mitten in der Demokratiebewegung in Hongkong

Die fünf Forderungen der Demokratiebewegung lauten: "Five demands, not one less: Keine Auslieferungen an China. Keine weitere Kriminalisierung der Proteste. Sofortige Freilassung der Verhafteten. Einsetzung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Polizeigewalt. Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam und Implementierung eines allgemeinen Wahlrechts". Sie gingen seit Monaten um die Welt und brachten abertausende Demonstrierende auf die Straßen, als der Ich-Erzähler Marko Martin gemeinsam mit seinem Partner H. in Hongkong eintrifft.

Über den Autor

Marko Martin wurde 1970 in Burgstädt in Sachsen geboren und lebt heute in Berlin. 2019 stand seine kubanische Reisereportage "Das Haus in Habana. Ein Rapport" auf der Shortlist des Essayistikpreises der Leipziger Buchmesse.

Unzensierte Eindrücke

Eigentlich hatte sich Martin geschworen, keinen schriftlichen Bericht über seine Reiseerfahrungen anzufertigen: "Als bräuchten die Menschen hier, dank all der neuen Informationsmöglichkeiten, zumindest virtuell mit der ganzen Welt verbunden, ausgerechnet einen Reisenden aus Berlin, um gehört zu werden. Hybris, Engagement-Vorspiegelung und die obszöne Versuchung eines Kicks."

Marko Martin
Autor Marko Martin wurde 1970 in Burgstädt geboren und lebt heute in Berlin Bildrechte: Anke Illing

Im Gegensatz zu einigen seiner Bekannten, die bereits vorsichtiger in ihren öffentlichen Aussagen und Schriften agieren, legt es der Schriftsteller schließlich jedoch bewusst darauf an, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen und seine Eindrücke unzensiert zu dokumentieren: Er schreibt vom penetranten Geruch des Trockenfischs, von Besuchen in Museen und streng bewachten Tempelanlagen und spart auch explizite Beschreibungen des hedonistischen Nachtlebens nicht aus.

"We are Hongkong"

Außerdem erhalten Marko Martin und sein Partner einzigartige Einblicke ins Privatleben der Bewohnerinnen und Bewohner Hongkongs: "(...) ein paar Gesichter drehen sich zu uns um, überrascht, wie es scheint, und auch ein wenig spöttisch. 'Bad time for holidays, guys, sorry for that.' Es klingt jedoch gutmütig und freundlich – und ist dabei nicht einmal ganz falsch. Wir Urlauber, ausgestattet mit zwei EU-Pässen, der Zukunft in unserer Heimatdestination im Großen und Ganzen gewiss. Wir Beobachter, nicht das geringste riskierend. Westliches Privileg?"

Hongkong, Straßenmarkt in Kowloon
Ein Straßenmarkt in Kowloon, Hongkong Bildrechte: imago/Mehrdad Samak-Abedi

Athmosphärisch erzählt

Zusätzlich machen die ersten Berichte über eine mysteriöse Lungenkrankheit aus Wuhan die Runde. Einen Höhepunkt erreicht die Geschichte nach dem Jahreswechsel: Die Demokratiebewegung zieht zur Neujahrsdemonstration auf die Straße. Der junge Aktivist Joshua Wong und zahlreiche Gleichgesinnte protestieren für den Erhalt der Bürgerrechte und gegen die politische Einflussnahme des ökonomischen und militärischen Welthegemons. "Nein, hier sind jetzt nicht etwas Menschen auf der Straße – das ist eine Straße, die trotz der Ausdehnung die Menschen kaum zu fassen vermag, die laufen, nein strömen und ihre Forderungen rufen und dabei selbst zur Stadt werden. We are Hongkong."

"Die letzten Tage von Hongkong" fängt das Ende der Umbruchperiode ein, das Ende eines freien Landes. Der Roman zeichnet ein ganz persönliches, intimes Porträt, lässt Einzelschicksale sichtbar werden. Der Humanist Marko Martin resümiert in seinem literarischen Reisebericht über Themen wie Befreiung, Demokratie, über Unterdrückung und die Zukunft der Menschheit. Mit seinen klugen Impulsen gelingt es, eine Innenansicht des Aufbegehrens zu erschaffen, eine Atmosphäre, die mit jedem neuen Gerücht an Spannung gewinnt.

Hommage an eine freie Welt

Buchcover- Marko Martin: Die letzten Tage von Hongkong
Cover des Buches von Marko Martin: "Die letzten Tage von Hongkong" Bildrechte: Klett-Cotta/Tropen Verlag

Als Lesender beginnt man zu verstehen, weshalb die Hongkongerinnen und Hongkonger einerseits nur ängstlich hinter vorgehaltenen Händen flüstern, sich andererseits aber selbstbewusst organisieren und als starke Masse agieren. Marko Martin gelingt ein Spagat zwischen einem ganz persönlichen Journal mit präzisen Beobachtungen und einer distanzierten Darstellung des Geschehens, indem die Erzählperspektive immer wieder in die dritte Person wechselt.

"Die letzten Tage von Hongkong" ist ein intellektueller Monolog voller Verweise auf verwandte Literatur, auf antiautoritäre Theorien und philosophische Ansätze. Dabei beschreibt das literarische Tagebuch keinen Abschied von der ehemaligen Insel der Freiheit, sondern protestiert durch präzise Erinnerungen gegen diktatorische Strukturen. Eine Hommage an eine freie Welt.

Informationen zum Buch

Marko Martin: "Die letzten Tage von Hongkong"
Literarisches Tagebuch
erschienen im Verlag Tropen
320 Seiten, Gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-608-50523-8

Mehr Literatur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 08. Dezember 2021 | 18:40 Uhr

Abonnieren