Romanvorstellung Martin Beckers "Kleinstadtfarben": Ein tröstliches Buch über Tod und Trauer

Er frisst, er säuft, er quarzt und er ackert. Das ist Pinscher. Der übergewichtige Polizist und Einzelgänger wird in eine Kleinstadt versetzt und fällt sofort wegen seines rüden Verhaltens auf. Doch nach und nach werden die Leserinnen und Leser Zeugen, wie Pinscher anfällig wird für Glück und Zufriedenheit. Mit dem Roman "Kleinstadtfarben" ist dem in Halle lebenden Autor und Journalisten Martin Becker ein warmes, tröstliches und versöhnliches Buch gelungen. Eine Buchkritik.

Martin Becker 4 min
Bildrechte: imago images/Manfred Segerer

Die Helden in den Büchern von Martin Becker kommen nicht los von ihrer Herkunft, nicht von der Kleinstadt und nicht vom Arbeitermilieu mit der Neigung zum Alkohol. Die jungen Männer haben es versucht, sind weggegangen aus dem Reihenhaus in der Provinz, doch immer kehren sie zurück.

Noch einmal die Kleinstadt Mündendorf

In "Marschmusik", dem vorherigen Roman Beckers, besucht ein junger Radiojournalist eine Stadt namens Mündendorf am Rande des Ruhrgebiets, in der er aufgewachsen ist. Nun, in "Kleinstadtfarben", wird Peter Pinscher, ein kleinwüchsiger, übergewichtiger Polizist um die 40, der in einer Stadt am Rhein lebt, versetzt in eben dieses Mündendorf, das er vor Jahren verlassen hat. Pinscher ist ein Einzelgänger, dessen unberechenbarer, aufbrausender Eigensinn für seine verständnisvolle Chefin untragbar geworden ist.

Aus dem Buch "Kleinstadtfarben"

Du hast gestern auf offener Straße einen Bürger Sarggeburt genannt, nachdem du ihm vorher den Weg abgeschnitten hast. Als Sarggeburt! Leute haben angerufen und sich beschwert. Du hast einem Behinderten die Luft aus dem Rollstuhl gelassen, nachdem du ihn vorher fast überfahren hast. Auch das haben Leute gemeldet. Der war ein Nazi, der ist einfach auf die Straße gerollt. Der Nazi hat dich angezeigt, sagt seine Chefin, ihre Lippen zittern.

Dass hinter Pinschers resoluter Robustheit eine noch größere Angst steckt, lässt sich gar nicht überlesen, dafür sorgt Becker.

Pinscher ist ein Spezialist für Leichen

Martin Becker: Kleinstadtfarben
Martin Becker: "Kleinstadtfarben" Bildrechte: Luchterhand

Weil der eigenwillige Polizist immer mit dem Schlimmsten rechnet, ist er ein Spezialist für Leichen geworden. Er wird immer dann gerufen, wenn jemand gestorben und die Todesursache zu klären ist. Pinscher sammelt regelrecht die Toten, er ist süchtig nach den bedrückenden Aufträgen. Keiner kennt die Verwesungszustände des menschlichen Körpers besser, und keiner kann den Angehörigen bedachter in ihrer Trauer beistehen.

Doch in seiner eigenen bodentiefen Traurigkeit steckt er schon lange fest, sein Aktionismus ist fortwährende, fehlgeleitete Trauerarbeit. Der Vater ist früh an Krebs gestorben, die Mutter nach einem Hirnschlag nie wieder ganz auf die Beine gekommen, nun lebt sie im Altersheim.

Pinscher will und muss sich wappnen, für das, was kommt, was unvermeidbar ist. Begonnen hat er damit bereits als Halbwüchsiger.

Aus dem Buch "Kleinstadtfarben"

Schon als kleines Kind, wenn du zwischen den Eltern liegst. Nie das Vertrauen, dass schon alles gut werden wird. Immer die Gewissheit, dass die Dinge ein schlechtes Ende nehmen. Denn das nehmen sie. [...] Erst die verkrampfte Mama auf dem Küchenboden, Hirnschlag, der Speichelfaden daneben als letztes Zeichen aus einer ab diesem Augenblick erloschenen Mamawelt. Später dann der tote Papa.

Mit der Rückkehr nach Mündendorf gelangen eine ganze Reihe von solchen verdrängten und bedrückenden Erinnerungen an die Oberfläche. Die schwierige, krisenhafte Konfrontation mit der Vergangenheit hat indes befreiende Wirkung. Pinscher wird empfänglicher für Momente des Glücks und der Zufriedenheit.

Ein Buch, das vom Sterben und Abschiednehmen erzählt

Überdies sammelt er als Bezirksdienstbeamter nun keine Toten mehr, sondern kümmert sich um die Lebenden. Es sind einsame, beschädigte Menschen, denen die Welt abhandengekommen ist. In dem vordem zu cholerischen Ausfällen neigenden Polizisten finden sie ein verständiges Gegenüber, einen Experten für Ängste aller Art, für Fluchtwege aus der entzauberten Wirklichkeit. Pinscher selbst ist nicht länger auf der Flucht, sondern – zumindest momenthaft – einverstanden mit der eigenen Geschichte.

Aus dem Buch "Kleinstadtfarben"

Warum bist du zurückgekommen? Die Frage der Fragen. Aber jetzt, vom Standpunkt der Gegenwart aus, kennt Pinscher die Antwort recht präzise: Ich bin zurückgekommen, um das Ende dieses Films zu sehen. Um das kleine Verschwinden dieser kleinen Familie, die meine eigene ist, aus nächster Nähe zu erleben.

Beckers Roman, der überwiegend aus einer personalen Perspektive vom Sterben und Abschiednehmen, von der Abwehr und vom Zulassen der Trauer erzählt, ist zuweilen ein lustiges, vor allem aber – und das ist ein kleines Wunder – ein warmes, tröstliches und versöhnliches Buch.

Der Autor Martin Becker
Martin Becker wurde 1982 geboren und ist im Sauerland, am Rande des Ruhrgebiets, aufgewachsen. Sein Vater war Bergmann – wie schon dessen Vater und Großvater. In Leipzig hat er am Deutschen Literaturinstitut studiert. Die Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, das Milieu des Ruhrpotts haben den Autor geprägt. Seine Bücher, darunter die Romane "Der Rest der Nacht" und "Marschmusik", geben darüber Auskunft. Außerdem arbeitet Becker als Journalist für den Hörfunk und hat auch einige Projekte mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš realisiert.

Angaben zum Buch Martin Becker: "Kleinstadtfarben"
286 Seiten, Luchterhand Verlag
ISBN: 978-3-630-87637-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2021 | 11:15 Uhr