NÄCHSTE GENERATION Schriftsteller Lukas Rietzschel räumt mit Ost-Klischees auf

Eltern schweigen über ihre Vergangenheit, die junge Generation versteht die Älteren nicht mehr. Dem 27-jährigen Görlitzer Autor Lukas Rietzschel gelingt mit seinen Bestseller-Romanen der Anstoß zum offenen Dialog. Bekannt wurde er mit "Mit der Faust in die Welt schlagen", zuletzt veröffentlichte er sein Buch "Raumfahrer". Empathisch zeichnet er ein neues Bild von Menschen, die durch das Ende der DDR ihren Halt verloren haben. Doch kann er diese Zeit als "Nachwendekind" überhaupt beurteilen?

Über das Format NÄCHSTE GENERATION:

Das dokumentarische Format "MDR KULTUR – Nächste Generation" nimmt die Arbeit junger Kuturschaffender aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Blick. Die Werke der Künstlerinnen und Künstler wollen Debatten anregen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft, wie Gleichberechtigung oder Klimakrise, kommentieren und gleichzeitig Ideen für die Zukunft entwerfen.

Mit seinem Debüt "Mit der Faust in die Welt schlagen" gelang ihm 2018 der Durchbruch. Lukas Rietzschel ist seitdem als junge, literarische Stimme des Ostens gefragt. 2021 hat er nachgelegt mit seinem zweiten Roman "Raumfahrer". Wieder eine Milieustudie der ostsächsischen Provinz. Dieses Mal springt er zwischen Zeiten und Generationen, zeigt mit frischem Blick auf Verletzungen der Vergangenheit und erzählt von gefallenen Kriegshelden und Wendeverlierern, die mit dem Alkohol hadern.

Wie gehen Menschen mit ihrer Vergangenheit um?

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel.
Gegen den Verfall - In seiner Wahlheimat Görlitz will er Leerstand mit Ideen füllen. Bildrechte: Patrick Schwarz

Warum ist das auch für Menschen spannend, die die DDR nicht miterlebt haben? Weil für Rietzschel die Geschichte nicht mit den historischen Umbrüchen endet. Für ihn sei das "Danach" aufschlussreicher: "Dann sehen wir, wie sich Menschen neu organisieren. Wie gehen die mit dem Erlebten und ihrer eigenen Vergangenheit um? Das ist ja das Spannende. Da wurden Erfahrungen gemacht, die wertvoll sein können für unsere Gegenwart. Und das muss man aufnehmen", sagt Rietzschel.

Ich glaube, das muss erzählt werden. Und das ist auch nur folgerichtig, dass das die Generation jetzt auch macht, weil es noch einmal befreiter ist.

Lukas Rietzschel, Schriftsteller

Kritik aus der Eltern- und Großelterngeneration

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel.
Bei Lesungen entsteht der meiste Austausch mit seinen Lesern. Immer öfter wollen Menschen ihr Erlebtes mit ihm teilen. Bildrechte: Franziska Hentsch

Bei seinen Lesungen schlagen ihm aber auch Skepsis und Verwürfe entgegen. "Ich glaube, viele Leute haben Angst davor wieder stigmatisiert zu werden, weil die kennen all diese Klischees, die über sie erzählt werden, das Lustigmachen, wie minderbemittelt sie im Osten sind." Wichtig ist ihm aber, nicht nur über Menschen zu schreiben. Denn der 27-Jährige ergänzt seine Texte durch seine eigenen Erfahrungen: dem Aufwachsen in der Lausitzer Provinz, und den Geschichten von Zeitzeugen, die ihr Erlebtes mit ihm teilen.

Wer ist Lukas Rietzschel?

Lukas Rietzschel, 1994 in Räckelwitz geboren, lebt und arbeitet in Görlitz. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement. Sein 2018 erschiener Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" wurde als Bühnenstück in Theatern gespielt. 2021 erschien sein zweiter Roman "Raumfahrer". 2022 wird Rietzschel Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles sein.

Was ich zeigen möchte: Das ist eine Perspektive von innen heraus, aus euch und aus mir heraus erzählt, und da wird niemand in die Pfanne gehauen. Es ist ein empathischer Blick.

Lukas Rietzschel, Schriftsteller
Der Schriftsteller Lukas Rietzschel.
Schriftsteller Lukas Rietzschel malt auch, sogar länger als er schreibt. Gelernt hat er das an der Fachoberschule für Gestaltung in Demitz-Thumitz. Sein jüngtes Buchcover hat er gemalt. Bildrechte: Patrick Schwarz

Manchmal braucht es etwas Überzeugungskraft im Gespräch mit seinem Publikum. Doch das wäre bereits fruchtbar. Das Reden über die DDR verändere sich, bemerkt Rietzschel. "Lange Zeit war es gar nicht möglich für meine Eltern oder Großeltern, DDR zu sagen, ohne sofort Unrechtsstaat oder Stasi hinterherzuschieben. Immer sofort musste man sich rechtfertigen. Und jetzt auf einmal ist auch die andere Perspektive möglich, auch vielleicht das Gute zu erzählen oder die geglückte Umbruchserfahrung und nicht immer nur der Untergang und das Schlimme. Und all das fließt gerade ein in diese Erzählung, was diese DDR-Zeit eigentlich gewesen ist. Und das ist so vielstimmig."

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