100. Geburtstag von Franz Fühmann am 15. Januar DDR-Literaten persönlich: Der Briefwechsel zwischen Franz Fühmann und Christa Wolf

Franz Fühmann und Christa Wolf gehörten zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR. Und sie verband eine Freundschaft. Zeichen dafür sind die Briefe, die sie sich zwischen 1968 und 1984 schrieben. In ihnen spiegelt sich die politische Lage in der DDR und der Umgang der beiden Intellektuellen mit den Verwerfungen, die beispielsweise durch Wolf Biermanns Ausbürgerung entstanden. Der Briefwechsel ist nun bei Aufbau in einer erweiterten Neuauflage erschienen. Ulf Heise stellt das Buch vor.

Christa Wolf, Franz Fühmann
Die Schriftsteller Franz Fühmann und Christa Wolf verband eine langjährige Freundschaft Bildrechte: IMAGO/dpa

Der Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Franz Fühmann begann zunächst verhalten. Die Schriftsteller kannten sich bereits seit den 1960er-Jahren flüchtig. Sie begegneten sich auf Kongressen oder bei Tagungen und tauschten ab und an kurze Nachrichten aus.

Der Schriftsteller Franz Fühmann

Franz Fühmann wurde am 15. Januar 1922 in Rokytnice nad Jizerou (Rochlitz an der Iser), Tschechoslowakei geboren. Er verfasste Erzählungen, Essays, Lyrik und Kinderbücher, übersetzte Werke aus dem Tschechischen und Ungarischen und zählte zu den bedeutendsten Autoren der DDR. Mit zunehmenden Alter sah er die Entwicklungen in der DDR sehr kritisch. 1965 erklärte er seinen Rücktritt aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes, dem er seit 1952 angehörte. Gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte er und war einer der Erstunterzeichnen eines Protestbriefes. Er starb am 8. Juli 1984 in Ost-Berlin, beerdigt ist er in Märkisch Buchholz.

Die Schriftstellerin Christa Wolf

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) geboren. Sie hat in Jena und Leipzig Germanistik studiert und war zunächst als Lektorin tätig. Ab 1962 arbeitete sie als freiberufliche Schriftstellerin. Ihr umfangreiches erzählerisches Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Sie zählte zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der DDR. Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011.

Merklich intensiver gestaltete sich ihr Kontakt allerdings nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Damals unterzeichneten beide den offiziellen Protestbrief gegen den Hinauswurf des Liedermachers, woraufhin sie heftig unter Beschuss durch DDR-Ideologen gerieten. Während die Attacken ihrem Höhepunkt zustrebten, schickte Christa Wolf im Herbst 1976 ein paar satirisch angehauchte und zugleich zornige Verse an Franz Fühmann:

 Auszug aus dem Briefwechsel "Im neblichten Monat November war’s,
die Blicke wurden trübe,
da ward eine Affaire zur Staatsaktion –
aus Furcht vor Trauer und Liebe.

Im schönen Monat Dezember war’s,
die Tage wurden kälter,
da küsste mancher manchem den Ars –
wir Kumpels werden halt älter.

Nun kömmt der frostklare Januar –
mit ihm die neuen Lieder.
Die Miserere ist vorbei.
Monsieur – wir finden uns wieder."

Franz Fühmann nimmt 1982 in München den Geschwister-Scholl-Preis für Literatur von Bürgermeister Winfried Zehetmeier entgegen.
Franz Fühmann (r.) nimmt 1982 in München den Geschwister-Scholl-Preis für Literatur von Bürgermeister Winfried Zehetmeier entgegen. Bildrechte: dpa

Franz Fühmann antwortete seiner mittlerweile engen Freundin prompt auf die bissigen, ja galligen Strophen, die sie ihm in Sachen Biermann übersandte: "Da ich doch kein Buch hab, das Du nicht hast (ich meine von mir) weiß ich nicht, wo ich Dir eine improvisierte Fortsetzung des Dichterliedchens reinschreiben könnte, so schicke ich Dir noch eine Geschichte, die letzte von drei mythischen. Ich glaub, die ist ganz realistisch, so geht’s zu, wenn man sich mit oben anlegt, aber es muss sein, man erfährt sich dann."

Solidarität nach Angriffen durch das SED-Regime

Der Shitstorm, der nach der Verbannung Biermanns über die nicht systemkonformen Autoren Ostdeutschlands hereinbrach, dauerte gefühlt eine Ewigkeit. 1977 verstieß man Christa Wolf deshalb aus dem Präsidium des Schriftstellerverbandes. Außerdem kassierte sie eine Rüge der sozialistischen Einheitspartei. Franz Fühmann, der sich ebenfalls von Ausgrenzungen betroffen sah, zeigte sich sehr solidarisch mit seiner Kollegin und versuchte ihr Trost zu spenden:

Auszug aus dem Briefwechsel "Deine Karte aus dem rauen Nordwesten kam wie ein Kiel durch eine schwappende Welle von Verleumdungen, denen dann noch Taten folgten. Hier im Kreis, wo ich lebe, versucht man uns beide zu verbieten. Ich habe beim Kulturminister interveniert und man hat mir Klarstellung versprochen. Ich kann Dir das ja mal erzählen, aber eigentlich hält es nur auf. Wir müssen weiter, nicht? Kommt Ihr mal hierher? Ich müsste es bloß ein bisschen vorher wissen. Ich habe Pirole und Amseln und Erdbeeren. Hoffentlich bis bald. Grüß Gerhard! Schreib, und schreib was ganz Ulkiges. Ahoi Franz!"

Psychische Krisen nach politischen Attacken

Obwohl Christa Wolf und Franz Fühmann in dieser heiklen Phase politisch motivierter Feindseligkeiten geistig wie zusammengeschweißt erschienen, stand es um die seelische Gesundheit von Christa Wolf schlecht. Die Anfeindungen hatten sie mental arg beschädigt und sie drohte zu resignieren.

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Christa Wolf hat 1984 die Trauerrede an Fühmanns Grab gehalten. Bildrechte: imago images / epd

Diesem beängstigenden Status verlieh sie in einer Botschaft an Franz Fühmann von 1979 Ausdruck: "Deinen Brief muss ein berittener Bote ohne auch nur einmal abzusteigen oder sonst ein Päuschen zu machen von Märkisch-Buchholz stracks nach Meteln in der Hand getragen haben. Heute früh war er hier. Danke! So sitzen wir auf unseren voneinander entfernten Liegenschaften und brüten über Briefen an den König. Ich bis jetzt nur im Geiste. Das Gefühl der Vergeblichkeit hat sich mir zu tief eingefressen. Die Sprache, die Du führst, hab ich schon verbraucht. Oder sie hat sich in mir verbraucht bis auf den Grund."

Christa Wolf hielt Trauerrede für Fühmann

Christa Wolf blieb bis zu Franz Fühmanns Krebstod in enger Verbindung mit ihm. Kurz bevor er stirbt, telefonierte sie lange mit ihm. Später hielt sie die Trauerrede an seinem Grab, die sich im Anhang des Briefwechsels findet. Selbst aus heutiger Perspektive wirkt diese Ansprache unglaublich erschütternd.

Buchcover: "Monsieur, wir finden uns wieder", Briefwechsel Christa Wolf und Franz Fühmann
Das Buch ist im Berliner Aufbau-Verlag erschienen. Bildrechte: Aufbau Verlag

Angaben zum Buch "Monsieur, wir finden uns wieder"
Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Franz Fühmann 1968 bis 1984
224 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN 978-3-351-03958-5
Aufbau-Verlag Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Januar 2022 | 11:15 Uhr

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