Buchtipp Sachbuch: Was uns an Nerds wie Harry Potter oder Steve Jobs fasziniert

Computer-Pioniere wie Bill Gates und Serien wie "The Big Bang Theory" haben den Nerd populär gemacht. Wie sich die Streberfigur im Lauf der Zeit zum modernen Helden entwickelt hat, beschreibt die Leipziger Medientheoretikerin Annekathrin Kohout mitreißend in ihrem aktuellen Sachbuch "Nerds. Eine Popkulturgeschichte" – und erklärt darin, warum Nerds wie Harry Potter in Zukunft überflüssig sein werden.

Daniel Düsentrieb, Mark Zuckerberg und Harry Potter haben etwas gemeinsam. Auf sie alle trifft in gewisser Weise der Begriff "Nerd" zu: Sie werden als Eigenbrötler wahrgenommen, manchmal verspottet und fallen durch besondere Interessen auf. In dieser Form gibt es den Nerd seit den 1960er-Jahren. Da trat er zum ersten Mal in Teenager-Komödien auf und wurde als Gegensatz zum meist sportlichen und beliebten Helden in Szene gesetzt.

Die Leipziger Autorin Annekathrin Kohout hat die Entwicklung des Nerds in ihrem jüngsten Buch nachgezeichnet. "Für mich ist der Nerd eine Figur, die sich in der Populärkultur entwickelt hat", sagt sie. "Sie weist aber auch auf ältere Typen zurück. Zum Beispiel auf das Genie oder den verrückten Professor."

"Unter Büchern" mit Katrin Schumacher

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Sachbuch erzählt die Technik- und Internetkultur neu

Autorin Annekathrin Kohout beschreibt den Nerd als Sozialfigur und diskutiert an ihr unser Verhältnis zur Technik- und Internetkultur. Dass der Begriff heute positiv besetzt ist, dafür haben vor allem die frühen Computer-Genies wie Bill Gates gesorgt. "Eine dieser Facetten ist schon etwas Visionäres, was vorher nicht im Nerd angelegt war", erklärt Kohout. Der Nerd, wie er in ihren Buch beschrieben wird, ist eine Figur des Übergangs. Er weist den Weg ins Informationszeitalter.

Autorin Annekathrin Kohout
Die Medientheoretikerin Annekathrin Kohout betreibt einen Blog über Popkultur, Internetphänomene und Kunst. Bildrechte: Verlag C.H.Beck/Valentina Seidel

Wie Apple-Produkte den Blick auf Nerds veränderten

Durch den Siegeszug des Computers sind neue Erzählungen entstanden, die Annekathrin Kohout in ihrem Buch beleuchtet: So wurden PCs und das Internet schnell als Werkzeuge gesehen, um mehr Selbstverwirklichung und Freiheit zu erreichen. Und aus dem verspotteten Nerd ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden.

Dass das Nerd-Sein in den Nullerjahren in der Jugendkultur ankommt, hängt auch mit dem klugen Design von Apple-Produkten zusammen, sagt Kohout: "Dieses Genie-Motiv, das durch die Silicon-Valley-Figuren in den Nerd kam, hat sich auf die Produkte übertragen. Und diejenigen, die diese Produkte benutzen, haben eine Art kreative Aura bekommen."

Der Nerd in Zeiten von Rassismus- und Sexismus-Kritik

Annekathrin Kohout begleiten Nerd-Figuren seit ihrer Kindheit. Ihr Buch hat sie mit viel Sympathie für sie begonnen, diese hat mit dem Schreiben aber merklich nachgelassen. Denn angesichts der Diskussionen um Rassismus und Sexismus sind auch Nerds in Verruf geraten.

Dem Stereotyp folgend sind Nerds noch immer männlich, weiß und mitunter ziemlich frauenfeindlich. Es brauche den Nerd dennoch, findet Kohout. Denn er beschreibt etwas Wichtiges: "So eine Wissenskultur, in der wir uns befinden. Da greift ein Motiv des Nerds, dieses Hyperfocusing, dass man eine Leidenschaft hat, der man übergeordnet nachgeht."

Ein Sachbuch, das man gelesen haben sollte

Kohouts Buch ist parallel zu ihrer Doktorarbeit entstanden und liest sich für ein populäres Sachbuch anspruchsvoll. Wer diese Hürde nimmt, wird aber belohnt: Denn in ihren Überlegungen gelingt es Kohout immer wieder, analytische und erzählerische Funken zu schlagen. Sollte der Nerd eines Tages von einer anderen Figur abgelöst werden, dann hat Annekathrin Kohout ihm ein kluges und poppig schillerndes Denkmal in Buchform geschaffen.

Angaben zum Buch

Cover von Annekathrin Kohout Buch "Nerds: Eine Popkulturgeschichte"
Buchcover Bildrechte: C.H.Beck

Annekathrin Kohout: "Nerds - Eine Popkulturgeschichte"
Verlag C.H. Beck
272 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-406-77446-1

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2022 | 08:10 Uhr

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