Nachruf "Mutter der Maus": Wie Isolde Schmitt-Menzel Generationen prägte

Dass eine Maus im Kinderfernsehen nicht grau, sondern orange sein muss, war Isolde Schmitt-Menzel sofort klar, als sie Ende der 1960er-Jahre den Auftrag für eine Illustration bekommt. Und das hängt wohl auch mit ihren biografischen und künstlerischen Anfängen in Eisenach und Halle zusammen. Ein Nachruf auf die "Mutter der Maus", die am 4. September 92-jährig gestorben ist.

Isolde Schmitt-Menzel zeigt 2010 frühe Entwürfe der Maus.
Isolde Schmitt-Menzel zeigt 2010 bei einer Ausstellung in Halle frühe Entwürfe der Maus. Die blieb im Kinderfernsehen zwar stumm, konnte aber hörbar mit den Wimpern klappern, den Mauseschwanz ablegen und beispielsweise als Springseil einsetzen. Bildrechte: dpa

Generationen von Kindern sind aufgewachsen mit der "Maus". Weniger bekannt war ihre Erfinderin Isolde Schmitt-Menzel. Die in Eisenach geborene Grafikkünstlerin starb bereits am 4. September im Alter von 92 Jahren im Kreis ihrer Familie, wie der WDR am Wochenende mitteilte. Für den Sender entstanden Anfang der 1970er-Jahre die ersten Maus-Animationen für die "Lach- und Sachgeschichten" im Kinderfernsehen. Schmitt-Menzel habe deren originellen und fantasievollen Charakter durch die ersten rund 100 von ihr kreierten Maus-Spots geprägt, würdigte sie der WDR.

Isolde Schmitt-Menzels Anfänge an der Burg Giebichenstein

In einem Nachruf trauert auch die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Dort hatte Schmitt-Menzel von 1948 bis 1950 Buch- und Schriftgrafik sowie Freie Keramik studiert. Bereits nach zwei statt der üblichen drei Jahre legte sie ihr Vordiplom ab. Zu einer Wiederbegegnung kam es aus Anlass ihres 80. Geburtstages im Jahr 2010, Studierende des Bereichs Lern- und Spieldesign planten eine interaktive Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg Halle und interviewten Isolde Schmitt-Menzel. Der Legende nach inspirierte ein Besuch im Hallenser Bergzoo sie zu ihrer ersten Maus, was sie damals "Unsinn" nannte. Sie sei schon als Kind viel in der Natur gewesen und habe Tiere gezeichnet, darunter auch eine Maus.

Die "Mutter der Maus", die Grafikerin Isolde Schmitt-Menzel, zeigt frühe Entwürfe der Kultfigur im Kunstmuseum Moritzburg in Halle.
"Urmäuse" von Isolde Schmitt-Menzel: Frühe Entwürfe der späteren Kultfigur im WDR-Fernsehen zeigte die Grafikerin 2010 im Kunstmuseum Moritzburg in Halle. Bildrechte: dpa

"Keine graue Maus!"

Bis zu deren erstem Fernsehauftritt war es noch ein weiter Weg. Schmitt-Menzel arbeitete als Keramikerin in einer Werkstatt in Bayern, bildete sich weiter aus an der Werkkunstschule Offenbach am Main. Ende der 1960er-Jahre zeichnete sie erste Bildergeschichten für den Hessischen Rundfunk. Wenig später entwickelte sie als Grafikerin für den Westdeutschen Rundfunk die Maus. Sie sollte für das Kindernfernsehen eine Geschichte der Kinderbuchautorin Ursula Wölfel illustrieren. Für Schmitt-Menzel stand gleich fest, dass "Die Maus im Laden" auf keinen Fall grau sein würde, wie sie 2021 in einem WDR-Interview zur Maus-TV-Premiere vor 50 Jahren sagte:

Die Maus ist nicht rot, die ist nicht gelb. Gelb steht ja für Intelligenz. Und Rot ist Energie. Die zwei Sachen zusammen(zubringen) in meiner Maus war mein Bestreben, denn ich bin genauso.

Isolde Schmitt-Menzel

Darüber hinaus war Orange damals als Modefarbe höchst angesagt. Fernsehpremiere für die orangene Maus war am 10. März 1971 mit der Bildergeschichte "Die Maus im Laden". Da lebte Schmitt-Menzel bereits in den USA, in Texas, arbeitete als Grafikerin und bildende Künstlerin und genoss den Freiraum, der ihr in Deutschland fehlte, wie sie in einem Zeitungsinterview mit der Frankfurter Rundschau erklärte.

Influencerin mit Reichweite: Kinderfernsehen, Samstagabendshow, auf ISS-Mission

Ab 1972 hießen die "Lach und Sachgeschichten" einfach nur noch "Die Sendung mit der Maus". Allerdings kamen über die Jahre noch ein paar andere Tiere dazu, im selben Jahr erstmal Zdeněk Milers auch im Osten berühmter kleiner Maulwurf, später der blaue Elefant. Der Vorspann wurde ab 1973 immer in einer Fremdsprache wiederholt. 1976 war erstmals Armin Maiwald als Sprecher zu hören, seine Stimme wurde schnell zum Markenzeichen der Sendung.

So wie die Maus all die Jahre stumm blieb, dafür hörbar mit den Wimpern klappert und den Mauseschwanz äußerst flexibel einsetzen kann, als Lasso oder zum Seilspringen nur beispielsweise. Diese Grundidee geht auf Schmitt-Menzel zurück und passt zum besonderen Blickwinkel, den die Sendung bis heute einzunehmen versucht. Geklärt wurde in der Sendereihe die Frage, wie die Löcher in den Käse kommen, wie in Bayreuth eine Oper entsteht oder 2011 nach Fukushima in einem Atom-Special, was eigentlich hinter den Türen eines AKW passiert. Inzwischen flog die Maus mit der MIR-92-Mission ins All und inspirierte Stefan Raab 1996 zum Hit "Hier kommt die Maus", wofür er eine Goldene Schallplatte bekam. Seit dem Sendestart ist "Die Sendung mit der Maus" jeden Sonntag um 11.30 Uhr auf dem KIKA zu sehen, präsent in der Samstagabendshow "Frag doch mal die Maus" und inzwischen auf Facebook, Twitter und Instagram. Und in der Altstadt von Erfurt, Sitz des KIKA, steht sie überlebensgroß.

Schmitt-Menzel: Freiheitsliebende Künstlerin

Auch im Schaffen von Isolde Schmitt-Menzel spielte die Maus weiter eine Rolle, sie brachte Bilderbuchgeschichten und Spiele mit ihr raus, illustrierte Kinderbücher, hatte in Deutschland aber auch regelmäßig Ausstellungen etwa mit ihren Skulpturen aus Bronze und Keramik. Sie lebte in Texas, aber auch Südfrankreich – und zog als Alleinerziehende drei Kinder groß. Bis ins hohe Alter reiste sie viel, gern bloß mit dem eigenen Zelt und scherte sich nicht viel, was andere über sie dachten, wie sie der Frankfurter Rundschau erzählte. Über ihre eigene Kindheit hat sie nicht groß öffentlich gesprochen. Aber betont hat sie einmal, zum 40. Geburtstag der Maus gegenüber der dpa, dass sie sehr viel Freiheit hatte. Und dieses Gefühl aus der Kindheit habe sie sich erhalten und der Maus mitgeben wollen.

(Quelle: WDR/KNA/dpa/FR/MDR; Redaktionelle Bearbeitung: ks)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2022 | 08:00 Uhr

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