Interview Musikerin Alin Coen sorgt sich um die Zukunft der Clubs

Clubs sind von der Corona-Krise stark getroffen. Sie waren zuerst geschlossen. Welche Bedingungen nötig sind, um sie zu öffnen, zeigte jüngst das Modellprojekt im Leipziger Techno-Club Distillery. Aber es geht um mehr, als nur Tanzen ohne Abstand. Musikerin Alin Coen erklärt im Interview, warum Clubs für junge Musikerinnen und Musiker so wichtig sind.

Alin Coen
Die Leipziger Liedermacherin Alin Coen ist mit der Clubszene gut vernetzt. Bildrechte: Sandra Ludewig

MDR KULTUR: Es kommt einem schon weit weg vor, Konzerte vor Publikum zu spielen und ohne Maske in deren Gesichter gucken zu dürfen, oder?

Alin Coen: Es ist auch ziemlich weit weg. In meinem Fall ist es tatsächlich zwei Jahre her, dass ich das letzte Clubkonzert gespielt habe. Ich konnte im Sommer 2020 draußen zwei Open-Air-Konzerte spielen. Aber das ist trotzdem was anderes, also auch die Distanz, die dort eingehalten werden musste. Das war halt noch ziemlich frisch, dass überhaupt mal Clubs beziehungsweise Bühnen geöffnet worden sind und man auftreten konnte. Und da waren alle sehr, sehr vorsichtig, mit fünf Metern Abstand zwischen den Stühlen. Und trotzdem hatten Bekannte von mir Angst, auf dieses Konzert zu kommen, weil eben halt eine Pandemie ist.

Den Clubbetreibern ging es vermutlich mit am schlechtesten in der gesamten Kulturszene. Sie waren die ersten, die schließen mussten und sind die letzten, die wieder auf vollen Betrieb gehen können. Sie haben ja einigen Kontakt zu Clubbetreibern und Clubbetreiberinnen in der Region. Was hören Sie von denen, wie ist die Stimmung? Ist da ein bisschen Aufbruch?

Ja, gerade ist tatsächlich ein bisschen Optimismus vorhanden. Es ist von Bundesland zu Bundesland, glaube ich, auch ein bisschen verschieden. [...] Tatsächlich ist zumindest bis Dezember so ein Aufatmen, eben weil Konzerte und Tanzveranstaltungen draußen stattfinden können. Aber man muss natürlich auch darüber nachdenken, was dann ab September passiert. Wie man die Clubs so aufrüsten kann, dass da auch über die Wintermonate was stattfinden kann.

Was kann man da tun?

Eine entsprechende Belüftungsanlage und […] Testen ist, glaube ich, ein wichtiges Stichwort. Und dass man dann auch wieder genehmigt, Veranstaltungen stattfinden zu lassen. Dass man nicht getestet sein und dann noch Maske tragen muss und Abstände einhalten. Diese Abstände führen natürlich dazu, dass die Kapazitäten viel, viel geringer sind als vorher. Und Clubs mit einer Auslastung von 25 Prozent können sich halt nicht über Wasser halten. Selbst wenn 70 Prozent der Gäste nur kommen – das reicht nicht, um die Kosten, die diese Clubs haben, zu tragen.

Die Unsicherheit gerade, wenn wir von dieser Delta-Variante hören, dass die Zahlen im Herbst doch wieder hochgehen könnten – es braucht ja eine Perspektive. Das kann ja jetzt nicht jahrelang so weitergehen mit den Clubs. Heißt das am Ende, die können kommerziell gar nicht eigenständig existieren? Müssen Clubs tatsächlich gefördert werden wie Theater und Konzerthäuser?

Ich glaube, einigen Clubs ist es ganz, ganz wichtig, frei zu sein und nicht irgendwelchen Regelwerken entsprechen zu müssen, um bestimmte Förderungen zu kriegen. Ich sehe es schon auch als wichtig an, dass es unabhängige Clubs gibt, die einfach ihr eigenes Ding machen können und nicht irgendwelche bestimmten Förder-Grundsätze erfüllen wollen. Aber, ja, mal schauen. Es gibt es immer diejenigen, die kreativ sind und sich Lösungen für solche Situationen ausdenken.

Auf der anderen Seite kann es natürlich passieren, dass Newcomer jetzt einfach viel, viel schlechtere Karten haben als vorher, weil einfach jetzt mehr Leute gebucht werden – wenn überhaupt – die ein größeres Publikum ziehen. Ich habe da nicht die Durchsicht, muss ich zugeben.

Ich weiß einfach selber aus der Perspektive einer Musikerin, wie wichtig diese Clubs sind, um sich überhaupt eine Laufbahn aufbauen zu können, um überhaupt gehört zu werden.

Alin Coen

Für mich hat mein Musikerin-Dasein definitiv in den Clubs angefangen. Einfach vor 20 Leuten spielen, und dann sagen die all ihren Bekannten Bescheid, dass dieses Konzert toll lief. Und ein Jahr später kommt man wieder in die Stadt und plötzlich sind statt 20 Leuten 150 Leute da.

Es wäre fatal für alle Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusiker, wenn die Clubs sagen, 'ja, das können wir uns nicht mehr leisten, sondern wir machen jetzt nur noch geschlossene Gesellschaften oder Tanzveranstaltungen'. An der Stelle, denke ich, müssen wir sagen: Wir wollen nicht, dass Nachwuchs hier komplett vernachlässigt wird. Wir machen Nachwuchsförderung, und genau solche Konzerte sollten dann unterstützt werden.

Das Gespräch führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juni 2021 | 08:10 Uhr

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