Porträt Das Chemnitzer Label Noiseworks – der erste unabhängige Musikvertrieb der DDR

Die Schallplatten von Amiga und Eterna hat jeder schon einmal gesehen, zumindest auf einem Flohmarkt. Aber Platten von Noiseworks? Das kleine Label, gegründet vom Chemnitzer Karsten Zinsik, war der erste unabhängige Musikvertrieb der DDR, der bis 1990 illegal arbeitete. Ein Porträt.

Drei Personen im Büro vor einer Wand mit Plakaten. 8 min
Bildrechte: Karsten Zinsik
8 min

Amiga und Eterna waren in der DDR die bekanntesten Produzenten von Schallplatten. Doch in einer kleinen Nische im heutigen Chemnitz veröffentlichte das Label Noiseworks bis 1990 illegal ganz andere Musik.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.07.2022 06:00Uhr 07:42 min

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Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, sollte eigentlich eine sozialistische Utopie werden, ein physischer Beleg für "Auferstanden aus Ruinen". Doch zwischen schnörkellosen Neubauten und realsozialistischem Pathos fand sich eine kleine avantgardistische und widerständige Szene, die sich wesentlich von denen anderer größerer Städte der DDR unterschied. Hier entstand das Musiklabel Noiseworks, der erste unabhängige Musikvertrieb der DDR.

Der Sound von Chemnitz

"Karl-Marx-Stadt hatte zwar eine überschaubare, aber interessante, spezielle und verkopfte Szene", resümiert Karsten Zinsik. Für ihn war Chemnitz eine durch und durch proletarische Stadt. "Während man in Leipzig oder Ost-Berlin Kunst oder Geisteswissenschaften studierte, ging es bei uns um Maschinenbau und marxistische BWL", beschreibt Zinsik die Atmosphäre der Stadt. "Wir hatten keine Kunsthochschule, aber dafür die Technische Universität, und das konnte man schlussendlich auch in der Szene hören."

Personen posieren vor dem Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz
Die Stadt Chemnitz hat das Label Noiseworks und die Band Die Arroganten Sorben geprägt. Bildrechte: Karsten Zinsik

Die TU Chemnitz, beziehungsweise damals noch "TU Karl-Marx-Stadt", hat sich demnach maßgeblich auf den Sound der hiesigen Szene ausgewirkt, meint der Musiker und Labelgründer. Diesen Sound bezeichnet er gern als "Kunstkrach". Die Musik von Projekten wie Die Gehirne oder seiner eigenen Band Die arroganten Sorben könnte Zinsik zufolge besser mit ""Klang- und Krachwelten" bezeichnet werden. Sie verweigerten sich bewusst dem gängigen Pop- und Rockschema. Das führte aber auch zu einer gewissen Isolation: "Wir waren Fremdkörper, gefangen in dieser Stadt", errinert sich Zinsik.

Der Traum von der eigenen LP

Die ursprüngliche Motivation für Noiseworks war laut Zinsik eher praktischer Natur, ging es ihm anfänglich doch mehr um den Vertrieb seiner eigenen Musik. Erst mit der Zeit reifte die Idee zu einem umfassenderen Labelbetrieb – den er bis zum Sommer 1990 illegal führte. "Für uns war diese Nische damals leicht zu besetzen", erzählt Zinsik, denn Vergleichbares gab es in der ganzen DDR nicht.

Der musikalische Fokus des Labels wurde durch eine Nacht in West-Berlin definiert – und zwar durch das legendäre Konzert von Nirvana im West-Berliner Club Ecstasy am 11. November 1989. Neben "Kunstkrach" nahmen Zinsik daraufhin auch härtere Gitarrenmusik mit in den Katalog auf. An die behördliche Anmeldung im Sommer 1990 erinnert sich Zinsik eher mit Belustigung, denn "niemand wusste, was ich eigentlich wollte". Schlussendlich konnte er das Gewerbeamt Karl-Marx-Stadt aber mit einem Schein zur "Gründung eines unabhängigen Kassetten-Labels für junge DDR-Bands" verlassen. Mit der offiziellen Anmeldung kam auch Karsten Zimalla ins Label, der bis 1992 Co-Manager von Noiseworks war.

Logo "Noiseworks" in schwarz-weiß-violett: Ein großes N in einem Lobeerkranz. Darunter steht Noiseworks. 30 Years.
Inzwischen sitzt das Label Noiseworks in Luxemburg, aber hat immer noch Kontakte nach Chemnitz. Bildrechte: Karsten Zinsik

Aufbruch und Chaos nach dem Ende der DDR

Mit dem Ende der DDR kam eine undurchsichtige und chaotische Zeit, die geprägt war von Goldgräberstimmung: "Viele Leute haben sich damals verkalkuliert und sind in den Anfängen steckengeblieben", bewertet Karsten Zinsik die "spannende, aber unsichere Zeit". Der Anspruch an und die Hoffnung auf finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit erfüllte sich für viele nicht, zumal das Interesse an Musik aus der DDR nach dem Mauerfall rapide abnahm. Zinsik wiederum sah das gelassen: "Für uns stand der Spaß im Vordergrund. Geld verdienen wollten wir damit nie."

Diese andere Art der Unabhängigkeit ließ Noiseworks wachsen und erlaubte auch die Aufnahme von ausländischen Bands in den Katalog, unter anderem Yield 7 aus Australien und Lord Bishop aus den Vereinigten Staaten. Hinzu kam Zinsiks Radiosendung "Blue Monday", die den Bands des Labels und dem Label selbst eine größere Reichweite beschied. Auch konnte Zinsik diverse Sublabels wie Cassiber und Housemachine gründen, um die stilistische Bandbreite zu erweitern. Dennoch wurde Noiseworks immer bewusst klein und überschaubar gehalten, um aus der Berufung keine Verpflichtung zu machen.

Zwei Musiker am synthesizer
Auftritt von The Grouwen im Jahr 1990 Bildrechte: Karsten Zinsik

Von Chemnitz in die Welt

Das heißt wiederum nicht, dass Noiseworks keine Spuren hinterlassen hat. Im Gegenteil: Eine Reise nach Neuseeland 1994 motivierte Zinsik zu einer engen Zusammenarbeit mit dortigen Bands, die er auf dem Sampler "Noisyland – kiwihomegrown" dem heimischen Publikum präsentierte. Hinzu kamen viele erfolgreiche Festivals und Shows sowie Messeauftritte in Leipzig, Köln und dem tschechischen Tabor.

Nichtsdestrotz entschied sich Karsten Zinsik 2004, aus dem Label auszusteigen – aus persönlichen Gründen. Bis dahin hatte der Noiseworks-Katalog einen stolzen Umfang von mehr als 200 Veröffentlichungen. Mit einigen Unterbrechungen führt das Label aktuell der Luxemburger Giordano Bruno, und mit dem Wechsel in der Leitung zog Noiseworks nach Luxemburg um. Zinsik ist heute trotzdem noch musikalisch aktiv und hält das Erbe des Chemnitzer "Kunstkrachs" lebendig: "Noiseworks ist ein Stück Chemnitz, dass es ohne die Stadt so nie gegeben hätte."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juli 2022 | 06:15 Uhr

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