Verlängerter Corona-Lockdown Weimars Musikhochschulpräsident: Konzerte sollten möglich sein

Der Corona-Lockdown wurde verlängert – auch für die Kultur. Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, hat dafür wenig Verständnis, da selbst Wissenschaftler Veranstaltungen unter bestimmten Bedingungen für ungefährlich halten. Stölzl fordert im Interview mit MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch zudem von den Kulturschaffenden, stärker darauf zu drängen, dass sie genau so ernst genommen werden wie die Wirtschaft.

Konzert mit Maske
Wenn es Infektionslage und Schutzmaßnahmen erlauben, sollten Kulturveranstaltungen wie hier in Russland stattfinden, sagt Stölzl Bildrechte: MAGO / ITAR-TASS

MDR KULTUR: Herr Stölzl, was machen Sie, wenn Sie es satthaben, daran zu denken, was alles seit einem Jahr nicht mehr geht?

Christoph Stölzl: Dann denke ich, dass meine Luxus-Schmerzen, dass ich nicht mit anderen gemeinsam in einer Oper sitzen kann, viel weniger wichtig sind, als die Sorgen von denjenigen, die täglich Kunst machen, wie Sänger, Künstler, Tänzerinnen und Drehbuchautoren. Die müssen erst mal weiterleben, auch wenn ihr Geschäft zurzeit ruht. Also entscheidend ist, dass der Kern der Kultur, nämlich die Menschen, die Kultur machen, ohne Sorgen durchhalten können, auf eine zurzeit unabsehbare Zeit.

Es wird  ja überall und dauernd  gesagt, wie schlimm es ist. Die Argumente sind doch inzwischen alle schon zehn Mal auf dem Tisch. Oder ist es noch schlimmer?

Flügel und Orgel stehen auf Bühne
In der Musikhochschule wird derzeit auf Sparflamme gekocht Bildrechte: MDR/Theresa Köhler

In der Demokratie muss man eben so lange hartnäckig an die Tür klopfen, bis einem aufgetan wird – auch vom Staat. Ich finde, das ist sehr schwer zu sagen, wie lange sowas dauert. Aber wir müssen unsere Demokratie in die Pflicht nehmen, dass die Basis des Kulturbetriebs, die Häuser, die Apparate und vor allem die Menschen, dass die durchhalten – egal ob der Tänzer jetzt auftreten kann oder aber zuhause übt. Das ist höchst schmerzlich, wenn es nicht öffentlich ist, aber wenn jemand seinen Beruf wechseln muss, weil es nicht weitergeht, ist es noch schmerzlicher. Wir haben an den Musikhochschulen hier ein einziges Prinzip, nämlich: Auf Sparflamme weitermachen, damit die Semester nicht verloren gehen und die jungen Leute nicht vor dem Nichts stehen.

Was steht denn aus ihrer Perspektive auf dem Spiel?

Auf dem Spiel steht natürlich die Gewöhnung, dass man sagt: Naja, Kultur ist eigentlich nur eine Information. Ich hole mir eine CD mit der Callas, die singt auch sehr schön, ist zwar schon tot, aber es ist auch ein Kulturgenuss. Das Gefühl dafür, dass lebende Menschen unter einem Dach live gemeinsam erleben, etwas einzigartiges, das ist wichtig. Ich bin aber nicht so pessimistisch, dass ich denke, dass die Menschen das vergessen. Also ich glaube, wenn, so Gott will, die Impfungen stattgefunden haben und man in einem Jahr tatsächlich wieder gemeinsam etwas machen kann, dann werden die Menschen nicht vergessen haben, wie wunderbar und einzigartig diese Erlebnisse gewesen sind. Da bin ich nicht so skeptisch.

Aber das muss vorbereitet sein, man muss präpariert sein. Die Spielpläne müssen vorbereitet werden. Die Stücke müssen geschrieben werden. Die Chöre müssen üben. Das können sie auch einsam und allein in großen Hallen, aber es muss weitergehen. Das ist die entscheidende Frage. Damit man sich nicht daran gewöhnt, dass man sowas nicht braucht. Denn die einzigartige Ausstattung Deutschlands als Kulturstaat, als Live-Kulturstaat, ist ein Wunder, ein Geschenk, etwas ganz Einzigartiges und – da muss man die großen Worte gar nicht scheuen – bietet auch die Verständigung über gemeinsame Ideale. Die sind nicht nur in Gesetzesparagraphen geschrieben. Dass der Mensch hilfreich und gut sei, dass er empathisch ist, dass er Mitleid hat, dass er sich mit anderen freuen kann, das übt man eben in dieser gemeinsamen Kultur.

Welche Alternativen ignorieren die aktuellen Entscheidungen?

Der Historiker Prof. Dr. Christoph Stölzl
Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt, Weimar Bildrechte: imago/Lars Reimann

Wir sind enttäuscht, dass die sehr genauen Erforschungen – beispielsweise zuletzt des Fraunhofer-Instituts im Konzertsaal in Dortmund, bei denen ja ganz präzise gemessen wurde, was man mit FFP-Masken machen kann und dass man tatsächlich Konzerte ohne Gefährdung von Besuchern unter bestimmten strikten Voraussetzung machen kann – dass das überhaupt keine Rolle gespielt hat bisher. Das finde ich merkwürdig. Wir können doch erforschen, was möglich ist, auch virologisch. Und das, was möglich ist, sollte machbar sein. Ich bin gegen diese Solidaritätsidee, dass wenn die eigene Branche zusperren muss, die anderen auch zusperren müssen. Das ist doch unsinnig. Kulturereignisse, die gefahrlos möglich sind, sollten auch stattfinden dürfen.

Sie sind selbst Politiker gewesen. Sie waren Kultursenator, sie waren kurz CDU-Landesvorsitzender in Berlin. Ich würde Ihnen Verständnis für die Zwänge der Politik, für Staatsraison zutrauen.

Dieses Verständnis habe ich schon. Wer öffentlich gegen alle anderen Interessengruppen verteidigen muss, was man beschlossen hat, kann natürlich weniger offen sprechen als jemand von außen wie ich, der das jetzt sozusagen als demokratischer Bürger, aber nicht als verantwortlicher Politiker sieht. Aber umgekehrt im Spiel der demokratischen Rede und Widerrede dürfen wir Kulturleute auch dringlich Dinge einfordern: Erstens, dass die materielle Basis des privaten Lebens bei den Künstlern genauso ernst genommen wird wie bei den Leuten, die Reisebüros betreiben oder Firmen haben. Ich finde, das ist eine Selbstverständlichkeit. Und da haben wir noch längst kein Ideal erreicht. Sie wissen, dass das alles überhaupt noch gar nicht richtig funktioniert.

Zum anderen dürfen wir einfordern, dass die Wissenschaft sich anstrengt und dass die Gesundheitspolitiker tatsächlich ernst nehmen, was die Wissenschaft über neue Möglichkeiten herausfindet. In Russland zum Beispiel hat man die Museen erst mit 50 Prozent der Besucher erlaubt, dann mit 25, je nach Infektionslage. Dass jetzt ein Museum mit riesigen Kubikmeter-Hallen etwas anderes ist als eine S-Bahn, wo man dicht gepackt drinsteht, ist doch eine Binsenweisheit. Man muss eben maßgeschneiderte Öffnungsmöglichkeiten tatsächlich bedenken und dann auch erlauben.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2021 | 07:10 Uhr

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