"Sind die Lichter angezündet" Welche versteckte Botschaft in DDR-Weihnachtsliedern steckt

"Leise rieselt der Schnee", "O du Fröhliche" oder "Stille Nacht" – Klassiker, die fast jeder kennt. Aber es gibt auch Weihnachtslieder, die nur im Osten gesungen wurden. "Sind die Lichter angezündet" intoniert sogar der Dresdner Kreuzchor bis heute beim Stadionkonzert. Die DDR hat sich ihre eigene Weihnachtsmusik geschrieben und dafür mit Hans Sandig oder Hans Naumilkat die besten Komponisten engagiert. "Sind die Lichter angezündet" und "Bald nun ist Weihnachtszeit" hießen die Platten, die im Advent rotierten. Die TU Dresden hat zu weihnachtlichem Liedgut aus der DDR geforscht und darin versteckte Botschaften entdeckt. Alexander Lasch, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachgeschichte an der TU Dresden, im Interview.

MDR KULTUR: Was haben Sie entdeckt? Wir erinnern uns ja an DDR-Wortschöpfungen wie die berühmte geflügelte Jahresendfigur, ansonsten bekannt als Engel?

Alexander Lasch: In einer Region, in der gern Weihnachten gefeiert wird, in der man an christliche Traditionen anschließt, braucht man idealerweise eigene Lieder, wenn man bestimmte Elemente der eigenen Ideenlehre weitertragen will. Und Staaten, die eine feste Ideenlehre haben, so wie einst die DDR, die verstehen sich auch sehr gut darauf, wie und wann man Menschen emotional packt. "Sind die Lichter angezündet" und "Bald nun ist Weihnachtszeit" sind dafür ideale Beispiele, an denen man zeigen kann, wie die Lieder eine christliche Tradition suspendieren und andere Werte in den Mittelpunkt rücken, die zwar Anleihen an die christliche Ideenlehre haben, aber anders codiert werden. Die Vorfreude, die Freude und der Frieden rücken in den Mittelpunkt. Aber damit ist nicht der christliche Weihnachtsfriede gemeint, sondern der gegen den Imperialismus zu verteidigende.

Um Licht und Frieden geht es auch in anderen bekannten Weihnachtsliedern. Was unterscheidet die "Stille Nacht", das als Weltfriedenslied gilt und Unesco-Weltkulturerbe ist, genau von den DDR-Liedern?

Das Licht in "Stille Nacht" ist ja gebunden an die Erscheinung von Jesus Christus. Der Stern von Bethlehem leuchtet und leitet die drei Weisen aus dem Morgenland zur Krippe usw. Das Ganze weicht, vor allem in "Sind die Lichter angezündet" einer ominösen Lichtquelle, die zwar um die Welt leuchtet und den Frieden und die Freude überall hinbringt, aber das ist nicht mehr das christliche Weihnachtslicht, was da leuchtet.

Und doch haben viele dieser Lieder eine Art Hit-Potenzial. Sie sind in Melodie, harmonischer Struktur und auch lyrisch auf hohem Niveau. Sie sind ja besonders angetan von "Sind die Lichter angezündet", was ist für Sie das Besondere an diesem Lied?

Im Museum der Burg im brandenburgischen Beeskow (Oder-Spree) hängt ein Weihnachtskalender aus der DDR-Zeit von 1980 vom Künstler Thomas Schallnau.
Ebenfalls neu interpretiert: Adventskalender aus DDR-Zeiten Bildrechte: dpa

Erika Engel-Wojahn hat 1950 das Gedicht "Sind die Lichter angezündet" geschrieben, aber auch "Vorfreude, schönste Freude". Das Besondere ist, vertont werden sie nicht von irgendwem, sondern von Hans Sandig, der "Sind die Lichter angezündet" komponiert, die "Vorfreude" nimmt sich Hans Naumilkat vor. Beide gehören zur Elite in der DDR, was Musik für Kinder- und Jugendchöre angeht. Sandig wird später Musikreferent des Mitteldeutschen Rundfunks und gründet den Rundfunk-Kinderchor Leipzig, dem er später auch das Lied "Sind die Lichter angezündet" widmet. Naumilkat kennt man von Liedern wie "Fröhlich sein und singen" oder "Soldaten sind vorbeimarschiert". Es ist also nicht irgendwer, der sich dieser Lieder annimmt, sondern es sind die prominentesten Komponisten der DDR.

Aber inwiefern schimmern da jetzt die DDR-Werte durch?

Es ist schlussendlich eine Idee von Frieden, die sich gegen andere absetzt. Es geht nicht um den Weihnachtsfrieden, der sich still ankündigt, wie in der christlichen Ideenlehre, und sich idealerweise ausbreitet unter den Menschen, sondern um den Frieden, den man bewahren muss gegen Aggressoren, die den Frieden bedrohen. Und das ist die überspannende Botschaft bei vielen dieser Lieder.

Bei der Verbreitung dieses Liedgutes waren ja nicht nur Rundfunk-Kinder- oder Jugendchöre wichtig, sondern auch die Thomaner oder der Kreuzchor haben das gesungen ...

Ja, sie stehen andererseits ja auch so stark in der christlichen Tradition, dass man die Abweichung kaum erkennt.

Wie erfolgreich war man denn, das christliche Weihnachtsliedgut in der DDR abzulösen?

Man hat die Besten daran gesetzt, um mit Kreuz- oder Thomanerchor konkurrenzfähig zu sein. Die Lieder sind immer noch stark verbreitet und werden wie selbstverständlich weitergegeben, sodass sie eigentlich nahtlos in die bestehende Tradition eingegangen sind. Und so funktioniert üblicherweise ein Wertetransport. Bei den Kindern anzusetzen, ist dabei das allergeschickteste.

Als politisches Liedgut habe ich das aber damals nicht aufgefasst ...

Das ist ja der Witz daran, es geht um den Transport von Leitvokabeln. Daneben bleibt man herrlich diffus und ambivalent. Man setzt an eine bekannte Liedtradition an und schreibt komplett neue Lieder. Zu sagen, die politische Botschaft ist bei mir nicht angekommen, das ist ja sogar der gewünschte Effekt. Denn es sollte ja gerade nicht wie "Soldaten sind vorbeimarschiert" sein. Mit langem Atem wollte man so eine Ablösung von der christlichen Tradition erreichen.

Das Interview führte Moderatorin Ilka Hein für MDR KULTUR.

Es weihnachtet bei MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Dezember 2021 | 16:15 Uhr

Abonnieren