Kreuzchor-Alltag in der Pandemie Alles anders: Letzte Adventszeit für Dresdner Kreuzkantor Kreile

Eigentlich wäre Kreuzkantor Roderich Kreile jetzt in den Proben fürs große Adventskonzert im Dresdner Dynamo-Stadion: "Es ist quasi Kult geworden, unsere Jungs singen das ausgesprochen gern", sagt er über den ungewohnten Einsatzort des altehrwürdigen Kreuzchors und bedauert die coronabedingte Absage. Vieles ist anders, auch im Advent 2021. Kreile, der am 17. Dezember 65 wird, bedauert dies besonders, weil es seine letzte Adventszeit als Kreuzkantor ist. Zu tun gibt es trotzdem genug, versichert er.

Roderich Kreile (ausgebreitete Arme, bei Dirigieren) mit dem Dresdner Kreuzchor im Stadion
Kantor Roderich Kreile mit dem Dresdner Kreuzchor beim Stadionkonzert, das 2021 coronabedingt erneut abgesagt wurde. Bildrechte: imago/Andreas Weihs

Zum Jahresende ist das Programm für den Dresdner Kreuzchor besonders umfangreich. Normalerweise. Kreuzkantor Roderich Kreile spricht über die "sehr vielen und sehr schönen Pläne": "Wir wären jetzt auf Tournee mit einem adventlich-weihnachtlichen Programm, hätten in Magdeburg, Köthen und Bad Elster gesungen – und dann im Konzerthaus Berlin. Die Auftritte dort sind ja bereits eine gute Tradition. Wir hätten mit dem Konzerthausorchester ein schönes Programm realisiert: die erste Kantate aus Bachs Weihnachtsoratorium, Mendelssohns 'Vom Himmel hoch' sowie Händels 'Halleluja' und weitere A-cappella-Werke.“

Corona: ZDF-Adventskonzert ohne Publikum

Kreile spricht im Konjunktiv, denn vieles findet pandemiebedingt gar nicht statt. Und das ausgerechnet im letzten Amtsjahr als Kreuzkantor, seit 1997 wirkte Kreile als Chef des weltberühmten Dresdner Chores mit der 800-jährigen Tradition. Immerhin konnte Kreile das ZDF-Adventskonzert in der Dresdner Frauenkirche noch realisieren, wenn auch ohne Live-Publikum.

Mehr über Roderich Kreile

*Geboren am 17. Dezember 1956 in München
*Studium der Kirchenmusik und Chorleitung in München, wo er von 1989 bis 1996 auch an der Muskhochschule lehrte.
*1990 - Ernennung zum Kirchenmusikdirektor
*Ab 1994 - Arbeit mit dem Philharmonischen Chor München
*Ab 1997 - Kreuzkantor in Dresden.
*2010 - Berfung zum Mitglied in der Sächsischen Akademie der Künste
*2012 Sächsische Verfassungsmedaille
* Kreile ist stellvertretender Vorsitzender der Neuen Bachgesellschaft und Mitglied im Beirat der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft.
*Tourneen führten den Chor unter seiner Leitung durch Deutschland und das europäische Ausland bis in die USA, nach Südamerika, Südkorea und Japan.

Kruzianer proben trotz fraglicher Auftritte

Dresdner Kreuzchor
Neun bis 19 Jahre alt sind die jungen Sänger des Dresdner Kreuzchores. Bildrechte: IMAGO / epd

Das alles hat für den Knabenchor weitreichende Konsequenzen, wie Kreile betont. Schließlich entgingen den Kruzianern jetzt nicht nur diverse Auftrittsmöglichkeiten: "All dies bedeutet natürlich eine Repertoireverengung für unseren Kreuzchor", so Roderich Kreile, "obwohl wir jetzt alles so arbeiten, als würden die Aufführungen stattfinden."

Wir machen das dann für uns hier im Hause, und sei es nur mit Klavier, um die Werke wenigstens uns selber zu Gehör bringen.

Roderich Kreile Kreuzkantor

Warten auf die nächste Corona-Schutzverordnung

Für den Kreuzkantor, der in wenigen Tagen seinen 65. Geburtstag begeht, ist dies ein Trostpflaster, aber keine Perspektive: "Wir werden sehen, welche Regularien nach dem 12. Dezember (mit der nächsten Corona-Schutzverordnung) greifen. Aber wenn man die augenblicklichen Entwicklungen hochrechnet, dann ist nicht unbedingt mit einer Verbesserung der Gesamtsituation zu rechnen." Kreile bemüht sich dennoch um Zuversicht:

Der Kreuzchor in der Kreuzkirche in Dresden.
Die Kruzianer beim Auftritt in der Dresdner Kreuzkirche Bildrechte: IMAGO

Wir hoffen, im Januar wieder eine Normalität zu haben. Ob man daran innerlich zweifelt oder nicht: Wir arbeiten so, als könnten wir auftreten.

Roderich Kreile Kreuzkantor

Kein Advent im Dynamo-Stadion, Brahms-Requiem als Trostpflaster

Der Dresdner Kreuzchor lädt auch in 2018 zum größten Weihnachtskonzert unter freiem Himmel. Bei dem riesigen Event vor 25.000 Zuschauern im Stadion von Dresden singt ganz Mitteldeutschland die schönsten Weihnachtslieder.
Der Dresdner Kreuzchor 2018 beim Adventskonzert unter freiem Himmel. 25.000 Zuschauern strömten ins Stadion. Bildrechte: MDR/Michael Schmidt

Natürlich sei die Traurigkeit bei den Jungs sehr groß. Dennoch gibt es aus seiner Sicht auch Anlass zur Freude: "Wir alle sind sehr dankbar, wenigstens das Brahms-Requiem in diesem Jahr wieder aufgeführt zu haben. Das ist schon ein erster Trost." Die zwar erwartete, aber schmerzliche Absage des sogenannten Stadionkonzertes – ein weihnachtliches Potpourri im Dynamo-Fußballstadion – kann das aber offenbar nicht aufwiegen: "Das Stadionkonzert hatte ja in den vergangenen Jahren einen ganz breiten Anklang gefunden. Es ist quasi Kult geworden, unsere Jungs singen das ausgesprochen gern. Zu schade, dass es jetzt wieder nicht stattfinden kann."

Krisenfest und die Nachfolge im Blick

Im Sommer 2022 endet Roderich Kreiles Amtszeit als Kreuzkantor. Seinen Abschied vom Chor hätte er sich gewiss gern anders gewünscht: "Natürlich habe ich mir das ganz anders vorgestellt. Doch andererseits bin ja nun in vielerlei Hinsicht, nicht nur musikalisch, sondern auch in der Führung eines solchen Hauses, ein erfahrener Mann." So kann Kreile der Situation noch Positives abgewinnen:

Vielleicht ist es nicht so schlecht, dass ich in einer solchen Krise noch da bin und zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versuchen kann, das Schiff durch diese Krise zu steuern.

Roderich Kreile Kreuzkantor

Kreile möchte, dass seinem Nachfolger "ein wirklich ein gut und freudig arbeitender Chor zur Verfügung steht. Das ist auch unser aller Ziel, das werden wir bestimmt auch erreichen".

Mehr über den Kreuzchor

Der Dresdner Kreuzchor ist einer der ältesten Knabenchöre der Welt. Auch nach 800 Jahren besteht seine wichtigste Aufgabe darin, die Vespern und Gottesdienste in der Kreuzkirche am Dresdner Altmarkt musikalisch zu gestalten. Nicht nur an hohen kirchlichen Feiertagen, sondern über das gesamte Kirchenjahr hinweg bestreiten die Kruzianer die Hälfte aller liturgischen Dienste in dem Gotteshaus am Altmarkt.

Berühmte Namen des europäischen Musiklebens finden sich unter den Kreuzkantoren: der Bach-Schüler Gottfried August Homilius, Rudolf Mauersberger oder Martin Flämig. Der namhafte Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz stand in engem Kontakt sowohl mit den Kreuzkantoren als auch mit den Kreuzorganisten seiner Zeit. Hieraus ergibt sich die intensive Schützpflege bis heute. Seit 1997 wirkt Roderich Kreile erfolgreich als Kreuzkantor.

Der Alltag der 9 bis 19-jährigen Kruzianer spielt sich normalerweise zwischen Alumnat, Schule, Proben und Konzerten, weltweiten Tourneen und CD-Aufnahmen ab. Seit Corona ist das anders. Es gibt auch Nachwuchssorgen. Dabei gingen aus den Reihen des Kreuzchors später berühmte Namen hervor, dazu gehören Theo Adam und Peter Schreier oder der spätere Dirigent Hans Christoph Rademann, die ihre Ausbildung hier begannen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2021 | 15:15 Uhr

Abonnieren