Rockgeschichte Wie der Heavy Metal in den Achtzigern die DDR eroberte

Ab den 80ern tobte der Heavy Metal auch in der DDR, Bands wie Formel 1, MCB, Biest, Plattform oder Feuerstein spielten eigene Songs – oder die ihrer westlichen Idole Judas Priest, Iron Maiden oder Metallica. Die Szene blühte auf zwischen Rostock und Chemnitz, Magdeburg und Tambach-Dietharz. Und auch das Jugendradio DT 64 entdeckte die Musik. Das Ost-Plattenlabel Amiga hinkte hingegen – wie gewohnt – hinter dem Trend her. Ein Überblick zu dieser spannenden Zeit.

Konzert am Weissen Haus, 1988
Die Band Medusa bei einem Auftritt in Magdeburg 1988 Bildrechte: Mirko Stockmann

Zu Beginn der 80er-Jahre änderte sich das Bild des DDR-Rock entscheidend. Bands, die im Jahrzehnt zuvor große Erfolge feiern konnten, wurden durch junge Gruppen in den Medien bedrängt.

Die Hardrock- bzw. Heavy-Metal-Fraktion rekrutierte sich dabei u.a. aus Bands wie MCB, Formel 1, Babylon, Berluc, Biest oder Metall. Die sogenannten progressiven Bands wie Silly oder Pankow legten besonderen Wert auf ihre Texte, die eine wirklich neue Qualität erreichten. Und auch die Undergroundszene spielte in dieser Zeit in den Medien eine größere Rolle als bisher.

Menschen stehen zusammen, ein Mann zeigt zwei Stinkefinger
Die Fans von Heavy Metal waren zumeist etwas bodenständiger. Bildrechte: Mirko Stockmann

Radio DT 64 machte Szene DDR-weit hörbar

Auf dem Gebiet des Heavy Metal tat sich vor allem im DDR-Rundfunk der Sender Jugendradio DT 64 hervor. 1964 aus Anlass des Deutschlandtreffens als tägliche Sondersendung Jugendstudio 64 beim Berliner Rundfunk gegründet und letztlich weitergeführt, wurde ab 1986 ein eigenständiger Jugendsender durch die Fusion mit der Sendung "Hallo – Das Jugendjournal" von "Stimme der DDR" entwickelt.

Bildergalerie Heavy Metal in der DDR – Bands, Fans und Konzerte

Ein Gitarrist auf einer Bühne
Gitarren wie diese in typischer Heavy-Metal-Form waren eindrucksvoll für die Fans. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Gitarrist auf einer Bühne
Gitarren wie diese in typischer Heavy-Metal-Form waren eindrucksvoll für die Fans. Bildrechte: Mirko Stockmann
Heavy-Metal-Fans tanzen vor einer Bühne
Die Lautsprechtürme waren gigantisch und sorgten für die entsprechende mitreißende Soundkulisse. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein mit Schreibmaschine beschriebenes Dokument
Information über das Spielverbot der Band Prinzz im Kreis Worbis, datiert auf den 22. Februar 1989. Bildrechte: Kerstin Radtke
Eine Band bei einem Auftritt, alle haben lange Haare
Asathor bei einem Auftritt 1989 in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Bildrechte: Mirko Stockmann
Fünf Männer mit Gitarre und Bass
Feuerstein aus Halle hatten einen Trumpf mit ihrem Sänger, der ähnelte optisch und stimmlich Lemmy Kilmister, dem Sänger und Bassisten der britischen Kultband Motörhead. Bildrechte: Feuerstein, Tommy Silbersack
Blick von der Bühne auf das Publikum
Die Band Stellung 43 bei ihrem Auftritt am 1. Mai 1990 am Weißen Haus, Magdeburg. Auf dem T-Shirt steht der Name der westdeutschen Metal-Band Accept und darunter von Hand geschrieben "Commercial Shit". Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein selbstbemaltes Stofftransparent
Das Weiße Haus in Magdeburg war der Jugendclub der Bauarbeiter und bewarb so das Heavy-Metal-Open-Air vom 10. September 1989. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Bassspieler
Bassist Behle von der Band Stellung 43 im Jahr 1990. Die Band ist aus Asathor entstanden. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Gitarrist
Gittarist Poldi von Stellung 43 Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Schlagzeuger
Schlagzeuger Daniel Szwillus von Stellung 43 Bildrechte: Mirko Stockmann
Viele Mensche stehen herum
Das Publikum erschien zahlreich beim Heavy-Metal-Open-Air am 1. Mai 1990 am Weißen Haus, dem Magdeburger Jugendclub der Bauarbeiter. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein alter Mann steht fröhlich mit jungen Musikern auf der Bühne
Heavy Metal kann auch Generationen verbinden. (Auftritt 10. September 1989 am Weißen Haus, Magdeburg) Bildrechte: Mirko Stockmann
Blick von der Bühne auf das Publikum
Die Bühne am Weißen Haus war nicht sehr groß, der Kontakt zu den Fans sehr nah Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Bassspieler, hinter ihm Kinder
Bei den Open Airs am Weißen Haus Magdeburg saßen immer viele faszinierte Kinder sehr dicht an der Bühne. Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein erfreuter junger Mann mit einer Flasche in der Hand
Sonne, Bier und Heavy Metal Bildrechte: Mirko Stockmann
Ein Schlagzeuger
Drummer Sven Leuffert von Asathor Bildrechte: Mirko Stockmann
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Junge und gestandene Redakteure beobachteten die Szene und ermöglichten auch unbekannten Bands hier Präsenz zu zeigen. Sendungen wie "Tendenz Hard bis Heavy" oder die zur Metal-Hitparade umfunktionierte Wertungssendung "Beatkiste" waren Meilensteine in der medialen Popularisierung des DDR-Heavy-Metals. Vor allem Matthias Hopkes' (1957-2021) Engagement ist es zu verdanken, dass Heavy Metal im DDR-Rundfunk einen so hohen Stellenwert erlangte. Seit 1977 als Techniker angestellt, wurde er Mitte der 80er-Jahre Musikredakteur und Moderator.

Heavy Metal setzt sich durch

Mad, Heavy Metal, DDR
M.A.D. fand sich 1986 in Bad Dürrenberg zusammen. Bei einer staatlichen "Einstufung" ihrer Musik ordnete die Jury ihren Metalsound unwissenderweise als "Free Jazz" ein. Bildrechte: MAD

Mit der Präsentation von Bands wie MCB, Biest oder Metall erreichte das Genre einen großen Aufschwung, der sich schließlich auch in Rundfunk- und Plattenproduktionen niederschlug. Mit eigenen Titeln, die sich natürlich auch an internationalen Standards – in dieser Zeit vor allem der New Wave of British Heavy Metal – orientierten, gelang den Vertretern der Szene ein enormer Popularitätsschub. Analog der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR der späten 80er-Jahre erlangte auch die eigentlich in der Subkultur etablierte Metal-Szene große Aufmerksamkeit.

Neben neueren Bands wie Hardholz (Thüringen), Cobra (Berlin), Biest (Jüterbog), Plattform (Cottbus) oder Feuerstein (Halle) waren auch gestandene Vertreter der härteren Spielweise des Rock sehr erfolgreich.

Hier gehts zum Podcast:

Podcast: Iron East – Heavy Metal in der DDR

Podcast „IRON EAST – Heavy Metal in der DDR“
Bildrechte: MDR/ Privatarchiv Mirko Stockmann
Podcastcover "Iron East – Heavy Metal in der DDR", Episode 2
Bandmitglieder der Heavy Metal Band M.A.D. Bildrechte: MDR/Christian Ludwig /MAD
Alle anzeigen (10)

DDR-Label Amiga veröffentlicht Musik erst spät

So war Formel 1, hervorgegangen aus dem Anfang der 70er-Jahre sehr erfolgreichen Joco dev Sextett, die erfolgreichste Metalband in dieser Zeit. Obwohl die Mitglieder der Gruppe wesentlich älter als die Zielgruppe waren, erspielten sie sie sich mit Judas-Priest- und Iron-Maiden-lastigem, meist im Berliner Dialekt vorgetragenen Material eine riesige Fangemeinde. Ihr Album "Live im Stahlwerk" (1986) ist heute ein sehr begehrtes Sammlerstück.

Bildergalerie Heavy Metal in der DDR – Patches, die Aufnäher der Bands

Zwei Patches
Die Erfurter Band Macbeth wurde 1986 verboten, ein Jahr nach ihrer Gründung. Bildrechte: Macbeth
Zwei Patches
Die Erfurter Band Macbeth wurde 1986 verboten, ein Jahr nach ihrer Gründung. Bildrechte: Macbeth
Drei Patches
Berluc erreichten 1983 mit dem Song "No Bomb" den ersten Platz der DDR-Charts. Der Name Berluc steht für die Anfangsbuchstaben der Herkunftsstädte der Gründungsmitglieder BERlin und LUCkenwalde. Bildrechte: Berluc
Ein Patch
Feuerstein aus Halle/Saale waren ab Mitte der 80er-Jahre aktiv. Gitarrist und Sänger Sven "Lemmy" Büttner begeisterte die Fans mit seiner optischen Ähnlichkeit mit Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister. Bildrechte: Feuerstein
Ein Patch
Macbeth – Patch in Biker-Ästhetik Bildrechte: Macbeth Backshape Jinished
Vier Patches
Formel 1 sangen deutsche Texte in Berliner Mundart. Sie nahmen das erste Heavy-Metal-Album der DDR auf, das 1986 unter dem Titel "Live im Stahlwerk" erschien. Bildrechte: Formel 1
Vier Patches
Hardholz aus Tambach-Dietharz Bildrechte: Hardholz
Drei Patches
Die Berliner Band Metall spielte Power Metal. Bildrechte: Metall Final
Drei Patches
Macbeth ist im Metal-Bereich eine Kultband Bildrechte: Macbeth
Drei Patches
Panther aus Merseburg nahmen 1988 für den DDR-Rundfunk den Titel Höllenfeuer auf. Bildrechte: Panther
Fünf Patches
Rochus, eine Thrash Metal-Band aus Erfurt Bildrechte: Rochus Haunted
ein Patch
Argus aus Zwickau spielten zunächst gecoverte Blues- und Rockmusik, ab Mitte der 80er-Jahre jedoch Thrash Metal. Bildrechte: Argus
Drei Patches
Biest aus Jüterbog wurden in einer Umfrage 1986 zur "Besten Amateur-Heavyband der DDR" gekürt. Bildrechte: Biest - Grab im Moor
Vier Patches
Nach einem Auftritt der Band Macbeth wurde ihnen 1986 polizeilich verboten, eine Zugabe zu spielen, danach kam es zu Randale. Bildrechte: Macbeth
Drei Patches
Blackout aus Berlin erreichten eine offizielle Einstufung als "Amatuerband der Oberstufe". Bildrechte: Blackout
Ein Patch
Formel 1 legten Wert auf eine beeindruckende Bühnendekoration, beispielsweise als Tropfsteinhöhle oder Burg. Bildrechte: Formel 1
Zwei Patches
Ein Patch zum Hinweis auf die Webseite Ostmetal.de – Heavy Metal aus dem Osten Bildrechte: Ostmetal.de
Alle (30) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2022 | 18:00 Uhr

Das staatliche Plattenlabel Amiga erkannte den Trend erst spät und veröffentlichte einige Sampler, die hauptsächlich aus der Übernahme von Rundfunkproduktionen bestanden. So erschien zum Beispiel in der Reihe "Kleeblatt" 1987 eine Split-LP mit Aufnahmen der Bands Plattform, MCB und Cobra. Komplette Alben von DDR-Metalbands gab es hingegen kaum.

Aus dem reichhaltigen nun beim Deutschen Rundfunk Archiv angesiedelten musikalischen Fundus des DDR-Rundfunks entstanden hingegen seit den 90er-Jahren eine Vielzahl von Zusammenstellungen, die einen guten Überblick der in den Medien präsenten Interpreten verschaffen.

Heavy-Metal-Band bei Auftritt
Die Gitarre ist das wichtigste Instrument beim Heavy Metal. DIe Musiker und Fans lieben Designs u.a. in Blitzform. Bildrechte: Mirko Stockmann

Autor Götz Hintze im Kurzporträt

Der 1961 geborene Götz Hintze arbeitete seit 1983 im "DDR-Rundfunk" als Musikdokumentar. Er war dort bis 1991 verantwortlich für die Erschließung von DDR-Unterhaltungsmusik. Nach der Fusion von "Deutschlandsender Kultur" und "RIAS" ist er seit 1994 beim "Deutschlandradio" tätig. Hintze ist Autor des "Rocklexikon der DDR" sowie Autor und Herausgeber des "Munzinger Pop Archiv".

Redaktionelle Bearbeitung: op

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2022 | 18:05 Uhr

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