Von den Anfängen der Musikkritik Scheibe vs. Bach: Der erste barocke "shitstorm"

Der 1708 in Leipzig geborene Johann Adolf Scheibe war nicht nur Musiker, sondern auch Musikkritiker: Ein Beruf, der Anfang des 18. Jahrhunderts gerade erst erfunden wird. Denn mit der Aufklärung entsteht Musik um ihrer selbst willen – und damit auch die Kritik an ihr. Johann Adolf Scheibe gilt als einer der ersten publizierenden Musikkritiker. Als er allerdings einen ziemlich bekannten Komponistenkollegen attackiert, ereilt ihn ein kleiner, barocker "Shitstorm". Vor 245 Jahren starb Scheibe, am 22. April 1776.

Symbolbild Shitstorm, Auszug aus der 28. Auflage des Duden
Was genau brachte Johann Adolf Scheibe den vielleicht ersten "shitstorm" der Musikgeschichte ein? Bildrechte: imago images/U. J. Alexander

Sachsen ist mein Vaterland und das berühmte Leipzig, meine Geburtsstadt. Da selbst bin ich im Jahr 1708 im Anfange des Maimonats geboren worden.

Johann Adolf Scheibe, Autobiographie, 1740

Johann Adolf Scheibe – sterben wird er fern seiner 'berühmten' Geburtsstadt, 1776 in Kopenhagen. Ein deutsch-dänischer Komponist, der aber vor allem als – im Wortsinne – kritischer Musikus bekannt wird. Musik tönt von Anfang an in das Leben Johann Adolf Scheibes. Der Vater ist ein bekannter Orgelbauer, dem überdies die Pflege sämtlicher Leipziger Orgelwerke anvertraut ist.

Mein Vater sandte mich in meinem elften Jahre in die Schule zu Sankt Nikolai, die ich denn sechs Jahre besuchte. Bei meinen Nebenstunden aber übte ich mich sehr fleißig auf dem Klavier.

J. A. Scheibe, Autobiographie, 1740
Johann Adolf Scheibe
Johann Adolf Scheibe wird am 5. Mai 1708 in Leipzig geboren. Bildrechte: Johann Adolf Scheibe

Indes: Der erste Versuch, beruflich in der Musik Fuß zu fassen, endet 1729 mit einer Kränkung. Auch weil der 21-jährige Scheibe vermeint, gute Karten zu haben für die Organisten-Stelle an der Thomaskirche. Steht doch der dortige Kantor Johann Sebastian Bach mit seinem Vater in freundschaftlichem Kontakt. Doch den Posten bekommt ein anderer. Scheibe ist tief enttäuscht.

[Ich] beschloss nun mehr den Organisten gar zu vergessen und mich in der Komposition und überhaupt in der Musik desto fester zu setzen.

J. A. Scheibe, Autobiographie, 1740

Es folgen einige Jahren als schlecht bezahlter Musiklehrer und Gelegenheitskomponist, befristete Jobs in Prag und Gotha, vergebliche Bewerbungen als Kapellmeister in Sondershausen und Wolfenbüttel. 1736 dann wechselt Scheibe nach Hamburg. Hier lernt er bald einflussreiche Freunde kennen: Georg Philipp Telemann und Johann Mattheson – Komponisten beide, Mattheson zudem Pionier der Musikkritik. Sie ermutigen Scheibe, ab März 1737 eine Zeitschrift herauszubringen, den "critischen Musicus".

Der gute Geschmack, der uns allein die Schönheit begreiflich machet und beurteilen lehret, muss auch in der Musik eben diese Wirkung tun.

J. A. Scheibe, Critischer Musicus, 1740
„Bach Portrait“: Johann Sebastian Bach, Kopie eines unbekannten Künstlers nach Elias Gottlob Haußmann, vermutlich Mitte 19. Jh.
Bachs Musik wird von Scheibe als künstlich und überladen kritisiert. Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig

Nachhaltige Bekanntheit erlangt Scheibe dann wegen der Kritik an einem alten Leipziger Bekannten: Bach. Wobei Scheibes Urteil durchaus differenziert ist. Er schätzt Bach als Komponisten hoch, ebenso als "außerordentlichen Künstler auf dem Clavier und der Orgel". Aber so klagt Scheibe 1737:

Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte. (…) Alle Stimmen sollen miteinander und mit gleicher Schwierigkeit arbeiten, und man erkennet darunter keine Hauptstimme.

J. A. Scheibe: Critischer Musikus, 1737

Zu künstlich, zu verworren, zu überladen in der Stimmführung, moniert Scheibe. Nicht wie es der von ihm verfochtenen Musikästhetik der Aufklärung entspricht: schlicht und natürlich.

Doch Bach wird verteidigt. Der Leipziger Rhetorik-Dozent Johann Abraham Birnbaum springt ihm bei. Sein Fazit: Bach finde Beifall bei allen, "deren musikalisches Gehör durch – ich weiß nicht was vor einen – neumodischen Geschmack nicht verderbt ist."

1740 wird Scheibe als Kapellmeister und königlicher Hofkomponist nach Schloss Christiansborg in Kopenhagen geholt. Er schreibt Werke für Hof, Bühne und Kirche, gründet eine Musikgesellschaft, wirkt zudem als Musikpädagoge und Übersetzer. Die produktivste Zeit Johann Adolf Scheibes. Doch viele Zeugnisse davon gehen verloren, als 1794 die königliche Musikbibliothek auf Schloss Christiansborg brennt. Von dem, was erhalten geblieben ist, von Scheibes Kompositionen, wird manches seit einiger Zeit (wieder)entdeckt.

Ehrenhof von Schloss Christiansborg
Schloss Christiansborg in Kopenhagen: Hier verbrachte Johann Adolf Scheibe die produktivsten Jahre seiner Musikkarriere. Bildrechte: imago images/Peter Schickert

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2021 | 06:40 Uhr

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