300 Jahre "Das Wohltemperierte Klavier" Von Mozart bis Helene Fischer: Wie Bachs größter Erfolg die Musikwelt bis heute prägt

Von Pavarotti über Helene Fischer bis Deep Purple Gitarrist Richie Blackmoore bedienten sich hunderte Musikerinnen und Musiker aus Johann Sebastian Bachs "Das Wohltemperierte Klavier". Mit dem vor 300 Jahren veröffentlichten Werk, das 24 Präludien und Fugen über alle Tonarten hinweg umfasst, revolutionierte Bach die Musikgeschichte und schuf 1722 einen Welthit.

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Mit seinem "Wohltemperierten Klavier" setzte sich Johann Sebastian Bach ein musikalisches Denkmal. Bildrechte: Bachhaus Eisenach

Es ist das "Werk aller Werke" urteilt Robert Schumann. Und der Dirigent Hans von Bülow erhob es Ende des 19. Jahrhunderts gar zum "Alten Testament eines jeden Klavierspielers". 150 Jahre später hat sich an der Wertschätzung nichts geändert: "Kein Werk hat die Musikgeschichte so beeinflusst" urteilt Jörg Hansen, der Leiter des Bachhauses Eisenach.

"Das Wohltemperierte Klavier": Komponiert im Knast?

Bach hat seine eigenhändig in Schönschrift geschriebenen 24 Präludien und Fugen mit der Jahreszahl 1722 versehen. Wann er aber genau den Plan dafür fasst, rätseln die Bachforscher bis heute. Nur eine etwas kryptische Andeutung hinterlässt er Jahre später als Thomaskantor: Er habe das Werk aus "Unmut und Langeweile" geschrieben, an einem Ort, wo er keinen Zugang zu musikalischen Instrumenten hatte. In Frage kommt vor allem ein Ort: das Weimarer Stadtgefängnis. Bach sitzt im November 1717 vier Wochen wegen "halsstarriger Bezeugungen" ein. Er hat ohne Erlaubnis des Weimarer Herzogs schon einen Vertrag mit dem Köthener Hof geschlossen.

Denkmal des Komponisten Johann Sebastian Bach auf dem Thomaskirchhof in Leipzig.
Das Bachdenkmal auf dem Thomaskirchof in Leipzig. Bildrechte: imago/epd

Bach erweckt die Tonarten zum Leben

Die Cembalo, Clavichord- und Spinettspieler stehen zu Bachs Zeiten vor einem Problem. Mit den seit der Renaissance gebräuchlichen 12 Tönen einer Oktave geht der Quintenzirkel nicht mehr auf. Nach der Theorie sollte am Ende der Grundton wieder erreicht sein. Tatsächlich ist dieser Ton jedoch um ein geringes höher als die entsprechende Oktave des Grundtones. Die Folge: Die Quinte klingt unsauber, "sie heult wie ein Wolf". Also verändern die Musiker die Quinten ein klein wenig. Bevorzugt die in eher ungebräuchlichen Tonarten, während häufig benutzte weiter rein gestimmt wurden. Bachs große Leistung ist es, urteilt Bernhard Klapprott, Professor für historische Tasteninstrumente an der Musikhochschule Weimar, dass "die entlegenen Tonarten wie Cis-Dur, Fis-Dur und so weiter auch noch gut klingen."

Bach hat letztlich den Tonarten Leben eingehaucht.

Jörg Hansen, Leiter des Bachhauses Eisenach

Seit dem "Wohltemperierten Klavier" ist es für Pianisten und Orgelspieler kein Problem mehr, beim Improvisieren von einer Tonart in eine andere zu wechseln. Und die Ohren der Zuhörer haben sich längst an die nicht ganze reine, die wohltemperierte Stimmung der Instrumente gewöhnt. Mit dem "Wohltemperierten Klavier" setzt sich Bach gegen konkurrierende Ideen durch. Der Titel sei dabei zugleich Provokation und Statement sagt Michael Maul, der Leiter des Leipziger Bacharchivs.

Das ist schon ein Statement. Das sagt ja auch zugleich: 'Leute! Ich bin der Herr über den Quintenzirkel!'

Michael Maul, Leiter des Bacharchivs

Eine Frage aber beantwortet Johann Sebastian Bach in seinem "Wohltemperierten Klavier" nicht: Wie hat er seine Clavichorde oder Cembali gestimmt, um von einer Tonart in die andere wechseln zu können? Die heutige gleichschwebende Stimmung ist es garantiert nicht gewesen. Michael Maul ist überzeugt, dass Bach einen Trick hatte, wie "jede dieser 24 Präludien und Fugen annehmbar, wenn nicht sogar gut klingen": "Aber das Geheimnis dazu, wie die einzelnen Schwingungsverhältnisse waren, das hat er mit ins Grab genommen."

In Schönschrift und barocker Weitschweifigkeit schrieb Johann Sebastian Bach 1722 den Titel seines erfolgreichsten Werkes nieder
In Schönschrift und barocker Weitschweifigkeit schrieb Johann Sebastian Bach 1722 den Titel seines erfolgreichsten Werkes nieder Bildrechte: Bachhaus Eisenach

Inspirationsquelle für Musiker von Mozart bis Helene Fischer

"Das Wohltemperierte Klavier" gerät im Gegensatz zur "Matthäuspassion" oder dem "Weihnachtsoratorium" nie in Vergessenheit. Die 24 Präludien und Fugen über alle Tonarten hinweg inspirieren Musiker über die Jahrhunderte hinweg zu eigenen Kompositionen. Mozart arrangiert sie fürs Streichquartett, Franz Liszt schreibt eigene Präludien ebenso Dimitri Schostakowitsch. Und Charles Gounod macht aus dem C-Dur-Präludium den größten Klassikhit. Er fügt eine Cellostimme hinzu und legt den Text des Ave-Maria darunter. Maria Callas, Luciano Pavarroti und Jose Carrereas sangen es, ebenso Shirley Bassey, Zarah Leander und Helene Fischer.

Foto: Gounod als junger Mann
Charles Gounod versah Bachs C-Dur Präludium mit Cellostimme und dem Text des Ave Marias und schuf damit einen Klassikhit. Bildrechte: Bachhaus Eisenach

(Redaktionelle Bearbeitung: Hartmut Schade / Rebekka Adler)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "Weltgeschichte vor der Haustür" | 04. September 2022 | 16:10 Uhr

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