Musikgeschichte Wie in Leipzig die Geschichte der DDR-Folkszene begann

Jürgen B. Wolff ist Grafiker, Musiker, Autor, Kopf der Folkländer und einer der Mitbegründer der DDR Folkszene und maßgeblicher Gestalter des Tanz-und Folkfestes Rudolstadt – mittlerweile das größte Weltmusikfestival Europas. Im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt er, wie die staatlich tolerierte DDR-Folkszene in Leipzig begann und wie man damals kämpfte, dass Folk als eigenständiges Genre anerkannt wurde. Am 21. August erscheint – 40 Jahre nach der ersten und einzigen Folkländer-CD – das neue Folkländer-Album "So viele Wege Vol. 1". Bei den Leipziger Liednächten wir die Band am Samstag live im Innenhof des Grassimuseums zu erleben sein.

Jürgen B. Wolff
Jürgen B. Wolff Bildrechte: Silvia Hauptmann

MDR KULTUR: Hätten Sie damals gedacht, dass sich mit ihrem Projekt, das 1976 im Studentenkeller der Hochschule für Grafik und Buchkunst entstand, ein solches Universum auftun würde? Was hat Sie damals angetrieben, die Folkländer zu gründen?

Jürgen B. Wolff: Es lässt sich heute kaum mehr vermitteln, wie sehr diese völlig ungewohnte aber effektvolle Art des Musizierens mit akustischen Instrumenten wie Gitarre, Banjo, Mandoline, Geige, Flöten, Akkordeon u.s.w. uns damals elektrisierte. Die Rockmusik der 60er-Jahre kam ja hauptsächlich mit E-Gitarren, Bass und Schlagzeug aus – und Liedermacher begleiteten sich mit einer einsamen Konzertgitarre, während hier mit exotischen Klängen unglaublich die Post abging. Und das rein akustisch, ohne Verstärker, für die wir damals sowieso weder Geld noch Beziehungen gehabt hätten.

Diese Art des Musizierens, das vor allem aus Irland herübergeschwappt kam, traf den Nerv des Zeitgeistes gleichermaßen im Westen wie im Osten. Zunächst spielten ja auch fast alle Bands englischsprachige Folksongs. Die Tatsache, dass wir im sozialistischen Staat auf eine Bühne kletterten und statt artiger Agitpropsongs irische Rebellenlieder sangen, empfanden wir regelrecht als Akt künstlerischer Selbstbefreiung. Das Schönste war, dass das Publikum, das zuvor beim Singeklub davongelaufen war, uns plötzlich feierte, obwohl wir grade erst mit Mühe ein paar Mandolinen- oder Banjogriffe gelernt hatten. 

Was genau waren die DDR offenen Folkwerkstätten und was sollte damit erreicht werden?

Die Gruppe Folkländer war geboren, durfte aber eigentlich nicht auftreten. Denn dafür brauchte es eine sogenannte Auftrittspappe. Solche Erlaubnisscheine waren aber an ein Genre gebunden: Singegruppe oder Rockband oder Tanz-Ensemble. Wir wollten aber weder eine Singegruppe sein, weil wir da automatisch dem Jugendverband FDJ unterstanden hätten, und wir verstanden uns auch nicht als kostümiertes Volkskunst-Ensemble. Daher war es das wichtigste Anliegen unserer ersten Werkstatt im Herbst ’76, zu erreichen, dass man die neuen Folkbands als eigenständiges Genre akzeptierte. Was ziemlich verwegen war, da es ja zu dem Zeitpunkt kaum mehr als ein Dutzend Gruppen gab.

Immerhin gelang es dank der Werkstatt und des Strategiepapiers, das wir gemeinsam entwarfen, einen nebulösen Status zu bekommen, nach dem die sogenannten Stadt- und Kreiskulturkabinette für die Folkloristen zuständig waren. Dafür erfanden die Behörden dann den nur in der DDR gebräuchlichen Begriff "Musikfolklore" – den die Folkies selber nie benutzten. Leipzig wurde somit zur Geburtsstunde einer staatlich tolerierten DDR-Folkszene. Und nur dank unseres Sonderstatus’ konnten wir zumindest in den ersten fünf Jahren beinahe unbehelligt machen, was wir wollten. In den 80er-Jahren änderte sich das, aber das ist ein anderes Kapitel.

Das Quintett Gabi Lattke, Ulrike Triebel, Manfred Wagenbreth, Uli Doberenz und Jürgen B. Wolff spielten 1981 die LP "Wenn man fragt, wer hat's getan" ein, die erste komplette LP einer Ostfolkband bei Amiga ein. Wie wurde das Repertoire für die Band gefunden?

In der DDR war die Musikproduktion ja staatlich gelenkt. Man konnte nicht einfach wie im Westen sagen, jetzt nehmen wir eine Platte auf. Das ging nur, wenn ein Funktionär oder ein Produzent – was quasi dasselbe war – sich dafür stark machte. Und dann dauerte es nochmal zwei Jahre, von 1979 bis 1981, bis endlich eine Folkländer-LP im Produktionsplan von AMIGA bilanziert war. Wir hatten damals haufenweise Material und waren ein gut eingespieltes Quintett. Unser Problem war nicht, was drauf sollte auf die Platte, sondern eher, was wir schweren Herzens weglassen mussten, um einen möglichst repräsentativen Querschnitt zu bieten. Denn klar war ja auch: Gab es erstmal eine Platte, wäre mit einer zweiten allerhöchstens nach vier bis fünf Jahren zu rechnen gewesen. 

Sie durften in den Achtzigern ins nichtsozialistische Ausland reisen und am Festival des politischen Liedes (1982) teilnehmen. Wie gelang ihnen dieser Spagat oder die "Flucht" aus der geistigen Enge der DDR?

Die Enge fühlte sich ja von innen anders an als von außen. Das haben wir den DDR-unerfahrenen Westkollegen immer wieder versucht zu erklären. Wir haben geprobt, gespielt, getrunken, Nächte durchdiskutiert und uns mit Witzeerzählen bei Laune gehalten, die vielzitierte innere Freiheit eben. Wenn uns Westmusiker besuchten, waren die am ersten Abend noch paralysiert wegen der eben erst überstandenen Schikanen an der Grenze, aber am nächsten Tag tauchten sie ins Bläschen-Universum der Folkszene ein, und der Budenzauber ringsum ward vergessen oder zumindest verdrängt. Wenn wir irgendwo spielten und es sich ein bisschen heikel anfühlte, dann wurde halt mal eine knifflige Ansage oder ein Song weggelassen. Biermann hätte uns vermutlich Opportunismus vorgeworfen, aber wir wollten spielen und nicht verboten werden und hatten keine Väter in den DDR-Chefetagen sitzen.

Es hieß ja permanent auszuloten, wie weit man es treiben konnte. Ein DDR-spezifisches Katz-und-Maus-Spiel. Kleinste Zungenschläge wurden auf die Goldwaage gelegt und konnten Daumen nach unten zur Folge haben. Unser liebstes Argument war, dass das, was wir sangen, überliefertes Liedgut sei. Und Erbepflege war damals das Zauberwort. Historiker durften in den späten 70er-Jahren mit einem Mal wohlwollend über Bismarck reden, und unter den Linden saß plötzlich der Alte Fritz wieder hoch zu Ross. Putzig, wenn die Zensur dann aus einer völlig unvermuteten Ecke kam. So durften wir in den 80er-Jahren ein Lied nicht beim Rundfunk einspielen, weil es die Zeile "Am Rhein, am Main und auch am Neckar" enthielt. Dabei war das Stück bereits auf unserer AMIGA-LP enthalten. Ja, wurden wir belehrt, AMIGA sei ein selbständiger VEB-Betrieb, der könne sich sowas erlauben, der Rundfunk aber war in SED-Besitz. Da blieb dann nur die Alternative Achselzucken oder Kopfschütteln.

Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Einflüsse, Etappen oder Ereignisse, die die Folkbewegung im Osten in ihrer Entwicklung bis heute vorangebracht haben?

Bernhard Hanneken, der Programmchef des Rudolstadt-Festivals, hat vor wenigen Wochen ein Buch über die deutsch-deutsche Folkszene veröffentlicht, und darin hat er festgestellt, dass es im Osten eine homogene und gut vernetzte Folkszene gab, im Westen hingegen viele regionale Szenen, die alle vor sich hinbrödelten und irgendwie ihr Ding machten. Das lag an der Größe respektive Kleinheit der DDR und daran, dass wir, egal ob wir in Erfurt, Plauen, Berlin oder Leipzig wohnten, alle die gleichen Probleme hatten. Das fing beim trickreichen Umgang mit Behörden an und hörte bei der Beschaffung von Instrumenten, Zubehör, Verstärkern oder Bandautos auf.

Als sich 1990 Vertreter der Folkszene West und Ost in Bad Hersfeld trafen, um sich sozusagen wiederzuvereinigen, kam der praktischste Impuls vom Folkländer-Bassisten Uli Doberenz – nämlich die Offerte, das gemütliche DDR-Tanzfest in Rudolstadt in ein modernes deutsch-deutsches Folkfestival zu verwandeln. Das hat über drei Jahrzehnte die gesamtdeutsche Folkszene zusammengebracht wie kaum eine andere Initiative. Und dass Rudolstadt als Festival funktioniert hat und sich langsam aus den Kinderschuhen herausmanövrieren konnte, war in den ersten Jahren vor allem den teamgeist-geübten Ossis zu verdanken. Behaupte ich zumindest.

Nach dem Ende der Folkländer und der Folksession-Band gründeten Sie 1986 gemeinsam mit Dieter Beckert das Duo Sonnenschirm. Trotzdem haben Sie jetzt Ihre alte Folkländer-Truppe wieder für ein Revival zusammengetrommelt, wie kam es dazu?

Beim Rudolstadt-Festival 2019 saß ich nach unserem Woodstock-Gedenkkonzert, das ich mit meinem Sonnenschirm-Kollegen Beckert angezettelt hatte, mit ein paar Folkies der ersten Stunde beim Wein, als die Schnapsidee aufkam, ein Wiedersehen der alten Folkfreunde aus den 70ern zu organisieren, was auch ein kleines Folkländer-Revival bedeutet hätte. Wegen Corona musste das sogenannte "Altenheimspiel", das im Plauener Malzhaus stattfinden sollte, jedoch ausfallen. Worüber alle, die das Treffen vorbereitet hatten, ziemlich enttäuscht waren.

Da kam mir die Idee, mit den Ex-Kollegen von Folkländer den trostreichen Song "May we all some Day meet again" von den Fureys aufzunehmen, zu dem ich einen deutschen Text gezimmert hatte. Den Song einzuspielen, wurde nicht weniger schwierig, da wir uns abstandshalber nie im Studio treffen konnten und jeder seine Stimmen zu Hause einspielen und per Mail nach Leipzig schicken musste. Erst als die Aufnahme fertig war und alle einigermaßen zufrieden damit, trafen wir uns, und da hieß es plötzlich: Warum nicht nochmal einen Versuch wagen? Und das war just 40 Jahre, nachdem wir 1981 in derselben Besetzung unsere einzige Folkländer-LP "Wenn man fragt …" aufgenommen hatten.

Das neue Folkländer-Album "So viele Wege Vol. 1" erscheint am 21. August. Die Folkländer sind live am Samstagabend bei den Leipziger Liedernächten im Innenhof des Grassimuseums zu erleben. Was erwartet die Besucher an diesem Abend?

Es werden natürlich Songs von der neuen CD zu hören sein, aber auch ein paar Stücke von früher, von denen einige ja heute beinahe Evergreens sind. Mit dem Abend sind aber noch ein paar Sub-Jubiläen verbunden, denen es zu huldigen gilt. Vor 45 Jahren organisierte die Band im Grafikkeller der HGB das eingangs erwähnte erste Treffen der Ostfolkszene, und einer der Weggefährten von damals, Peter Schultze aus Berlin – besser bekannt als Schottenschulle – wird mit zu Gast sein. 1981 – vor 40 Jahren – begann dann meine produktive Zusammenarbeit mit Dieter Beckert und mit Jens-Paul Wollenberg, als wir eine sogenannte Folk-Oper einstudierten, deren Aufführung von den Kulturwächtern 1982 verboten wurde. Auch diese beiden werden mit dabei sein. Und wir erwarten Ben Sands von der legendären irischen Sands Family, die ich 1974 beim Festival des politischen Liedes in Berlin erleben durfte und deren Auftritt an unserer Folkbegeisterung beträchtlichen Anteil hatte. Und – nicht zu vergessen – die Kinder- oder beinahe Enkel-Generation, in der sich seit kurzem ein neuartiges Interesse für Folkmusik regt, was uns alte Säcke gleichermaßen mit Staunen und Freude erfüllt. Der archivierte deutsche Volksliedschatz gilt als der umfangreichste weltweit, und landläufig bekannt ist ein verschwindend kleiner Bruchteil davon. Es gäbe also zu tun und zu tun und zu tun.

Das Gespräch führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 19. August 2021 | 18:05 Uhr

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