Clubkultur Kassablanca in Jena: Wo die Thüringer Subkultur zuhause ist

Ob Clueso, Reinald Grebe, René Marik – so manche erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler machten ihre ersten Schritte im Kassablanca in Jena. Dabei versteht sich der Club, der von seinen Fans liebevoll "Kassa" genannt wird, weniger als Talentschmiede, sondern vor allem als Ort der Teilhabe.

Club Kassablanca in Jena
Trotz Corona-Krise steht das Kassablanca in Jena nicht kurz vor der Schließung Bildrechte: Thomas Sperling

Ein alter Wasserturm und ein ehemaliger Lokschuppen, umringt von Waggons und alles übersäht mit leuchtend-bunten Graffiti. Das ist er: Der Ort, der auf die mitteldeutsche Subkultur wirkt wie ein Magnet – und so natürlich auch auf ihre Fans: "Für mich gab’s eigentlich nur zwei Gründe, nach Jena zu gehen. Das war entweder zum Fußball oder ins Kassa", berichtet der in Zwickau geborene Christian Gesellmann. Was ihn immer wieder nach Jena tingeln ließ – Ende der neunziger Jahre –, das war der Hip-Hop. Dafür sei das Kassablanca nämlich die erste Adresse gewesen: "Wenn man irgendwas hören wollte, was gerade wirklich cool und angesagt und noch nicht Mainstream war, dann ist man ins Kassablanca gegangen."

Trutzburg gegen Rechtsextreme

Club Kassablanca in Jena
Die Waggons vor dem Kassablanca werden regelmäßig mit neuen Graffiti geschmückt Bildrechte: Thomas Sperling

Heute ist Christian Gesellmann Journalist – und wieder zieht es ihn ins Kassablanca, diesmal mit Stipendium als sogenannter Stadtschreiber. Seine Aufgabe: Interviews mit Zeitzeugen über das Kassablanca führen und diese in einem Blog veröffentlichen. Dabei taucht er tief in die Geschichte des Clubs ein, auch in die düsteren Jahre nach der Wende, als Jena noch nicht die fröhlich-bunte Studentenstadt war, als die man sie heute kennt. Dabei sei ihm bewusst geworden, "wie sehr alles alternative Leben in Gefahr war". Rechtsextreme hätten regelmäßig Häuser und Menschen auf der Straße überfallen. Das Kassablanca wirkte ihm zufolge als "Trutzburg, in der sich Leute verschanzen konnten und Sicherheit gefunden haben".

Der perfekte Rahmen für Newcomer

Dieses Jahr feiert das Kassablanca Geburtstag: 30 Jahre ist es nun schon. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die mittlerweile recht erfolgreich sind, haben hier ihre ersten Schritte getan. Christian Gesellmann hat ein paar von ihnen getroffen und glaubt zu wissen, warum gerade das "Kassa" zur Startrampe wurde. So seien Künstler wie Clueso oder Reinald Grebe zwar eher lose mit dem Club verknüpft gewesen, trotzdem seien sie dort oft aufgetreten. Für sie sei es der perfekte Rahmen gewesen, denn:

Dort kann man außerhalb aller Konventionen denken und bekommt einfach Platz und Zeit und die Ansage: 'Macht mal, das wird schon werden.‘

Christian Gesellmann, Journalist

"Sozial" wird hier großgeschrieben

Thomas Sperling
Thomas Sperling aka "Spatz" Bildrechte: Privat

Thomas Sperling ist Kassa-Mitarbeiter seit fast der ersten Stunde, mittlerweile ist er auch Geschäftsführer der Betreiber-GmbH. Der Musikproduzent, den hier alle nur "Spatz" nennen, hat wesentlich dafür gesorgt, dass das Haus auch für elektronische Musik eine Landmarke ist. Doch statt sich im eigenen Renommee zu sonnen, betont er lieber den soziokulturellen Ansatz im Kassa. Hier wird jedem die Möglichkeit geboten, mitzumachen, zum Beispiel "indem man Veranstaltungsreihen gemeinsam entwickelt oder lokale Bands auf die Bühne stellt, Workshops entwickelt". Jugendliche können hier einen Bundesfreiwilligendienst machen oder auch eine Ausbildung, junge Straftäter können ihre Sozialstunden ableisten.

Blanke Kasse, wieder einmal

Der Name Kassablanca kommt übrigens von der 'blanken Kasse'. Denn bei der Gründung musste der Club noch ohne Fördermittel auskommen. Da war das Geld häufig knapp. Die blanke Kasse droht dem Kassablanca nun wieder. Die Stadt Jena will ihren maroden Haushalt sanieren, berät über Kürzungen. Für freie Kulturträger könnte das heißen: 20 Prozent weniger städtische Fördermittel. "Happig" findet das Thomas Sperling. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden nicht nach Tarif bezahlt. Wenn man die Stellen halten solle, würde es höchstwahrscheinlich zu weiteren Lohnkürzungen kommen.

Immerhin: Das Kassablanca steht nicht unmittelbar vor der Schließung: Kurzarbeit, staatliche Corona-Hilfen und Spenden halten den Club zur Zeit am Leben.

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