Festival-Start im Netz Wie das Kurt Weill Fest zur Filmkulisse wird

Dieses Jahr ist alles anders beim Kurt Weill Fest: Es wird zweigeteilt. Während man hofft, den zweiten Teil im August mit Open-Air-Konzerten und Live-Auftritten in Dessau feiern zu können, stehen im ersten Teil, der am Freitag beginnt, fünf digitale Konzerte auf dem Programm, die mit viel Aufwand gedreht wurden.

Jasmin Tabatabai, 2012
Jasmin Tabatabai tritt dieses Jahr beim Kurt Weill Fest online auf Bildrechte: dpa

Eine Herausforderung: Das Kurt Weill Festival ohne Live-Konzerte zu veranstalten. Nun finden die Auftritte digital statt, aber immerhin live aufgezeichnet, wie Intendant Gerhard Kämpfe dennoch frohlockt. "Das heißt, es wird nicht geschnitten", erklärt Kämpfe. "Was die Künstler jetzt produzieren wird, so wie es ist, aufgezeichnet und dann am vorgesehenen Zeitpunkt gesendet. Wenn wir diese fünf Konzerte an den jeweiligen Tagen jeweils gemacht hätten und dann direkt live gesendet hätten, hätten wir jedes Mal aufbauen müssen, abbauen müssen, Hygienemaßnahmen, Tests und so weiter. Das hätte den Etat gesprengt."

"Nicht einfach nur ein Live-Stream"

Menschen bauen eine Bühne auf
Das Kurt Weill Fest arbeitet diesmal mit Kameras Bildrechte: MDR/Sandra Meyer

So sieht die Bühne im Bauhaus Dessau bereits eine Woche vor dem Festival aus wie ein Filmset – allein fünf Kameramänner hat das Leipziger Aufnahmeteam mitgebracht. "Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass das nicht einfach nur einen Live-Stream wird, sondern besonders aussieht", erklärt Kämpfe. "Deswegen haben wir so etwas wie einen Kamerakran oder einen Kamera-Dolly dabei. Oder verschiedene Kameras, die auch sonst er im Kinobereich verwendet werden."

Und wie beim Film ist auch der Ablaufplan getaktet, Aufbau, Catering, "Lüften" und natürlich die Proben der Musiker und Moderatoren. Denn um überhaupt ein Feeling für eine Festivaleröffnung vermitteln zu können, braucht es jemand der durchs Programm führt – und mehr. Vor dem Konzert gibt es ein Grußwort des Ministerpräsidenten. "Und das Orchester hat sich was ausgedacht", kündigt Kämpfe an. "Sie haben eine kurze 'Weill-Musik' sozusagen aufgenommen, einzeln. Das wird zusammengeschnitten, und Markus Frank, der Chefdirigent, wird ein paar Worte sagen, wie bedauerlich es ist, dass das Orchester nicht live dabei sein kann." Zudem werde der Dirigent mit den Künstlern Katharine Mehrling und Klaus Hoffmann Gespräche führen.

"Weill macht die Nase frei"

Klaus Hoffmann ist allerdings schon ein bisschen skeptisch, denn das Digitale ist so gar nicht seine Welt. "Also ich bin froh, dass wir es machen", sagt Hoffmann. "Aber mir fehlt das  Publikum – sogar die Leute, die zu spät kamen, werden mir plötzlich angenehm. Man hat die absolute Lücke."

Doch die Corona Lücke hat er, so scheint´s, mit Weill gefüllt, denn obwohl Klaus Hoffmann seit Jahren Jaques Brell zum Besten gibt, hat er nun auch etwas Weill einstudiert, zum Beispiel den Kanonensong aus der Dreigroschenoper. "Erst dachte ich, nein, das kannst du nicht", sagt Hoffmann. Es erinnere ihn an die Kriegszeit. "Aber das hat schon einen eigenen Sog", findet Hoffmann. "Und ich bin jetzt überzeugt, warum amerikanische Songwriter wie Nick Cave oder Sting immer wieder an diesen Weill rangingen: Der macht einfach die Nase frei."

Festival-Motto "Wo ist Heimat"

Wie Hoffmann haben sich die meisten Interpreten den Evergreens von Kurt Weill gewidmet, der "Bilbao-Song" und auch "Youkali" tauchen sogar doppelt im Programm auf – ansonsten gibt es viele französische Chansons und Lieder der Zwanziger Jahre. Der Pianist und diesjährige Artist in Residence Frank Dupree allerdings spielt Raritäten des in Dessau geborenen Komponisten und Vladimir Korneev widmet ihm einen ganzen Abend. "Als ich über sein Leben gelesen habe, fand ich es sehr inspirierend, was sich ähnlich an Struktur aus der Geschichte in unserer jetzigen Zeit wiederholt, und wie sehr es mich als Mensch in meiner jetzigen Generation in meiner Zeit emotional bewegen kann, seine Biografie zu lesen", sagt Korneev.

Gerhard Kämpfe
Intendant Gerhard Kämpfe Bildrechte: dpa

Von all dem wird er auch im Konzert erzählen, so will man auch den Bezug zum Festival-Motto "Wo ist Heimat" herstellen. Auf eben diese Weise füge sich auch Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabei ins Festival, die eigentlich ihre jüngste CD präsentiert. "Jasmin ist ja iranischer Abstammung und engagiert sich sehr für Menschen, die nach Deutschland kommen und hier eine neue Heimat suchen", sagt Kämpfe. Zu dem Thema werde es auch ein Interview mit ihr geben, kündigt der Intendant an. "Das heißt die Menschen haben schon entschieden mehr, als wenn sie sich eine CD auflegen würden."

Durch die Kamera sei man sogar noch näher am Künstler, findet Kämpfe. Dass man 24 Stunden Zeit habe, das Konzert online abzurufen, motiviere hoffentlich noch viele zum Ticketkauf.

Mehr zu Festivals in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2021 | 06:15 Uhr

Abonnieren