Interview Wie DJ Mira ihre Techno-Anfänge in Leipzig und Halle erlebte

In Ostdeutschland als Tochter einer bekannten Fotografin und eines klassischen Musikers geboren, begann Mira 1996 mit dem DJing und wurde Teil der wachsenden Underground-Techno-Szene rund um Leipzig und Halle. Im Interview mit MDR KULTUR erinnert sie sich an die Anfänge ihrer Karriere und gibt Tipps für Newcomerinnen in der Techno-Szene.

DJ Mira
DJ Mira erlebte die Anfänge des Techno in Halle und Leipzig. Bildrechte: Carolin Saage

MDR KULTUR: Du hast Ende der 90er-Jahre angefangen, im Raum Halle/Leipzig aufzulegen. Kannst Du Dich noch daran erinnern, was das für ein Moment war, in dem Du gesagt hast: 'Das will ich jetzt professionell machen'?

DJ Mira: Ich habe angefangen, Schallplatten zu kaufen, weil man damals relativ wenig downloaden konnte, gar nichts eigentlich. Es gab CDs, und man konnte auf Kassette aus dem Radio mitschneiden oder sich eben Schallplatten, Alben oder auch Maxi-Singles kaufen. Elektronische Musik gab es in dem Stil, wie ich sie mochte, tatsächlich eben nur auf Schallplatte. Freunde von mir haben in Halle einen Plattenladen aufgemacht und da habe ich angefangen, meine Lieblingsmusik zu kaufen.

Nach einem halben Jahr dachte ich mir, dass es irgendwie auch total doof ist, die Musik immer nur alleine zu hören, weil sie ja eigentlich zum Tanzen ist und, dass ich gerne lernen würde, wie man auflegt. Und mein damaliger Freund, Ronny Bürger, hat mir dann, weil wir uns Plattenspieler nicht leisten konnten, in einem Jugendclub beigebracht, wie man mixt, mir Tipps gegeben und Kniffe gezeigt. Dann habe ich ein halbes Jahr geübt. Und danach habe ich das erste Mal vor Menschen gespielt, das war 1996 im Frühjahr.

DJ Mira 7 min
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DJ Mira hat in Leipzig und Halle Ende der Neunziger mit dem Auflegen angefangen. Im Interview spricht sie über Partys in alten Fabriken, die Rolle des Ostens für die Technoszene und das familiäre Gefühl in Berlin.

MDR KULTUR - Das Radio Di 02.08.2022 06:00Uhr 06:54 min

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Und das war dann der magische Moment?

Ich glaube, der magische Moment war, als ich das erste Mal in Thüringen gespielt habe, in einem stillgelegten Gefängnis in Gräfentonna. Das war so abgefahren, einfach wegen der Räumlichkeiten. Ich war so angespannt und aufgeregt und am Ende auch so glücklich, meine Musik dort präsentieren zu können, das hat mich total euphorisiert nach Hause fahren lassen. Und damit ging es eigentlich los. Also das war der Schlüsselmoment für mich.

In der Doku "Technohouse Deutschland" geht es auch um das Freiheitsgefühl der 90er-Jahre im Osten. Inwiefern war es für Dich prägend, als DJ im Osten groß geworden zu sein?

Ich bin ja zur Wendezeit noch relativ klein gewesen, stand kurz vor meinem zwölften Geburtstag. Für dieses Nachwende-Freiheitsgefühl Anfang der Neunziger war ich einfach noch zu klein. Aber die ganzen Möglichkeiten, die sich durch die Wende ergeben haben, konnte ich natürlich wunderbar mitnutzen: die vielen Brachen, verlassenen Fabrik-Gelände, die nicht mehr genutzt worden, weil die DDR-Wirtschaft ja schon vor der Wende am Ende war, und überall lag noch Strom, man konnte einfach reingehen und was machen.

Seit 1996 hatte Techno in Deutschland eine große Entwicklung hingelegt. Was sind so für Dich die wichtigsten Stationen bis heute?

Die Loveparade war natürlich sehr wichtig. Ich finde sie heute nicht mehr so wichtig und fand es Quatsch, dass es sie dieses Jahr nochmal gab. Die Musik ist sehr international geworden durch Städte wie Berlin und Frankfurt. Der Osten hat, glaube ich, sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil er von den ganzen großen Stars aus Detroit, Frankfurt, Berlin oder sonst woher bespielt wurde.

In Mitteldeutschland scheinen gerade die Festivals, das SonneMondSterne Festival zum Beispiel, sehr auf Freundschaft zu beruhen. Ist das heute, wo es ein bisschen kommerziealisierter zugeht, immer noch der Fall?

Ich kann das jetzt nur aus der Berliner*innen-Sicht sagen, ich bin ja seit 2006 weg und Teil des Kater Clubs. Und das ist für mich Familie. Ich würde jetzt einfach mal unterstellen, dass es in der Distillery, beim SonneMondSterne-Festival oder beim Nachtdigital zwar schon neue Generation gibt, aber dass das familiäre Gefühl noch da ist, egal, ob es kommerzieller wird oder nicht.

Was würdest du jüngeren Kolleginnen raten, die heute eine DJ-Karriere starten?

Spielen, spielen, spielen, so oft es geht. Und nicht so viel darüber nachdenken, was mal aus einem werden soll. Ich finde wichtig, dass man gute Musik auflegt, präsent ist und versucht, auf guten Events zu spielen. Aber ohne die Leute so zu nerven.

Und wenn man das Gefühl hat, man wird vielleicht nicht gehört, dann einfach etwas Eigenes machen: Ob es das eigene Label ist für die eigene Musik, die man produziert oder ein kleines Festival oder Event. Das hat mir unheimlich geholfen, weil ich dadurch immer vernetzter wurde und viele Freundschaften gegründet habe auf dieser Basis. Man hat sich gegenseitig gebucht und getroffen, Musik geschätzt und zusammengehört, aufgelegt und getanzt. Das war für mich immer die Basis.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

(Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. August 2022 | 07:10 Uhr