Porträt Vom Schlager zum Jazz: Wie Uschi Brünings Karriere in der DDR begann

Als Kind wollte Uschi Brüning Schlagersängerin werden, heute gilt die Leipzigerin als Grande Dame des Jazz in der DDR. Seit Beginn ihrer Karriere scheute sie keine Genreüberschreitung und sang Pop, Chanson, Blues, Schlager – oder Jazz an der Seite von Klaus Lenz, Günther Fischer und Manfred Krug. Die große stilistische Bandbreite ist bis heute das Merkmal der vielseitigen Sängerin. Der Jazz spielt für Uschi Brüning dennoch immer eine besondere Rolle – gerade im Alter. Am 4. März feiert sie ihren 75. Geburtstag.

Uschi Brüning 4 min
Bildrechte: imago images/Andreas Weihs

Sie zählt zweifellos zu den herausragenden Jazzsängerinnen Deutschlands: Uschi Brüning. Nun wird sie 75, geboren am 4. März 1947 in Leipzig. Herzlichen Glückwunsch!

"Wenn die Frau anfing, ging ich immer kaputt. Ich glaube, sie ist nicht schlechter als Ella Fitzgerald ..." – so wird Uschi Brüning 1973 in Ulrich Plenzdorfs Kultroman "Die neuen Leiden des jungen W." verewigt. Der Titelheld ist hin und weg von Uschi Brüning, der "Ella Fitzgerald aus Leipzig".

Berufswunsch Schlagersängerin

1947, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, wächst Uschi Brüning in einer noch an vielen Ecken zerstörten Stadt auf. Und: Einige Zeit auch im Heim. Hier entdeckt sie das Singen, das sie oft vor der Traurigkeit rettet.

Uschi Brüning 45 min
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Sängerin will Uschi werden, soviel ist schon als Kind klar – Schlagersängerin. Ihr Vorbild ist Caterina Valente. Der erste Aufritt folgt 1960, vor Werktätigen des VEB Galvanotechnik Leipzig. Mit 17 Jahren singt sie in einer Amateurband. Dennoch: Nach dem Abitur lernt Brüning zunächst etwas "Anständiges", wird Gerichts-Sekretärin in Leipzig.

Konzerte mit Legenden des DDR-Jazz

Dann aber, Ende 1969, ruft Klaus Lenz an, damals ein weithin bekannter Big-Band-Chef. Der Traum schlechthin, so erinnert sich Brüning, dort mal singen zu dürfen. Als Lenz gefragt habe, ob sie einsteige wolle, habe sie ihren Beruf im Gericht "an den Nagel gehängt". Zugleich nimmt sie eine Gesangs-Ausbildung an der renommieren Musikschule Friedrichshain auf.

Manfred Krug singt am 27.03.2015 während seines Konzertes in Potsdam (Brandenburg) auf der Bühne gemeinsam mit Uschi Brüning (r).
Uschi Brüning stand seit den 70ern immer wieder mit Schauspieler und Sänger Manfred Krug auf der Bühne. Bildrechte: dpa

Brüning singt von nun an ganz Unterschiedliches: Pop, Chanson, Blues, gerade anfangs auch Schlager. Ein Lebensbegleit-Hit aus diesen frühen Tagen wird der Titel "Dein Name". 1971 erscheint Brünings erste Langspielplatte bei AMIGA. Der Jazz kommt nach und nach, mit den Bands, in die Brüning geholt wird, mit den Musikern dort. Nach Lenz singt sie in den 70er-Jahren auch bei Günther Fischer, Reinhard Lakomy und mit Manfred Krug.

Pop, Chanson und Blues neben Free Jazz

Brüning setzt sich durch in der größtenteils männlichen Szene, zeitweise mit eigener Band. Der Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky wird ihr Partner, im Leben und oft auch auf der Bühne. Er fordert Brüning, lockt sie zum Free Jazz.

Das sei eine sehr gute Erfahrung für sie gewesen: "Weil mich das frei machte für die ganzen anderen Genres, die ich gerne singe. Und diese Freiheit brauchte ich dringend, denn ich war ziemlich zugeschnürt und schüchtern", so Brüning rückblickend in einem Hörfunkinterview aus dem Jahr 2015.

Uschi Brüning
Mit Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky ist Uschi Brüning seit 1982 verheiratet. Seit jeher inspirieren sich beide musikalisch. Bildrechte: dpa

Musikalischer Neuanfang nach 1989

Der Mauerfall und die deutsch-deutsche Vereinigung bedeuten auch für Brüning, nun Anfang 40, eine Zäsur. Im Westen zählt der einstige DDR-Exoten-Bonus nicht mehr, und in der Heimat wollen viele erstmal nur "Westware".

Der Jazz hat die meisten Möglichkeiten, und das kann ich auch noch machen, wenn ich 70, 80 Jahre bin und mich auf beiden Beinen halten kann. Er ist nicht abhängig von irgendeiner Mode.

Uschi Brüning, Hörfunkinterview (1991)

Brüning erfindet sich neu, tritt in ganz verschiedenen Konstellationen auf. Mal im Frauen-Quartett, mal mit deutschen Rockliedern oder vertonten Gedichten von Eva Strittmatter wie "Vor einem Winter" und "September", dann wieder mit Manfred Krug. Oder sie interpretiert in der Elb-Philharmonie Songs von Billie Holiday.

Autobiografie und Album "So wie ich" veröffentlicht

Wenn Uschi Brüning singt, ist es immer irgendwie Jazz: "Der Jazz hat die meisten Möglichkeiten, und das kann ich auch noch machen, wenn ich 70, 80 Jahre bin und mich auf beiden Beinen halten kann. Er ist nicht abhängig von irgendeiner Mode", sagt sie 1991 in einem Hörfunkinterview.

2019, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, hat Brüning mit "So wie ich" eine Autobiografie und ein gleichnamiges Album herausgebracht. Heute ist sie 75 und steht auf der Bühne – wieder und noch immer. Uschi Brüning aus Leipzig.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. März 2022 | 06:40 Uhr

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