Musiktipp Karl die Große: Gesellschaftskritisches Songwriting aus Leipzig

Das neue Album der Leipziger Band Karl die Große trägt den Titel "Was wenn keiner lacht". Sowohl musikalisch als auch inhaltlich geht das Kollektiv um Sängerin Wenke Wollny darin einen Schritt weiter: Spielerisch, aufgeklärt und clever paart die Band urbanen Jazz-Pop mit Songwriter-Elementen und hangelt sich dabei entlang der ganz großen Themen unserer Zeit. Das klingt schwierig – im Fall von Karl die Große ist es jedoch ein Unterfangen, das von Liebe und Leichtigkeit getragen wird.

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Karl die Große ist ein Leipziger Kollektiv von Musikerinnen und Musikern. Die Songs werden nicht nur kollektiv gearbeitet und arrangiert – im Kollektiv ist es vielleicht auch etwas einfacher, einmal mutig zu sein. "Immer einmal mutig am Tag" – so das selbstgewählte Motto der sechs Musikerinnen und Musiker. Kompromisse? Fehlanzeige. Und so wurde nicht groß darüber nachgedacht, was man bei einer Single zu beachten hätte oder was gerade angesagt sei. "Wir haben einfach Musik gemacht", erzählt die Sängerin Wenke WollnyKeine Kompromisse bei der Musik, keine Kompromisse bei den Texten. Dafür hat Wenke Wollny die Beobachterposition des vergangenen Albums verlassen und sich mutig aus ihrer lyrischen Komfortzone herausgetraut.

Diesmal war es so, dass ich dachte, ich möchte geradeheraus alles ansprechen, was mich bewegt und möchte kein Blatt vor den Mund nehmen.

Wenke Wollny, Sängerin der Band Karl die Große

Über falsche Vorbilder und gesellschaftlich befeuerte Selbstzweifel

Wenke Wollny
Sängerin Wenke Wollny beschäftigt sich in ihren Texten unter anderem mit feministischen Themen. Bildrechte: Marco Sensche

So werden beispielsweise in dem biografischen Song "Das dicke Mädchen hat es den Berg hochgeschafft" falsche Vorbilder und Erwartungshaltungen sowie gesellschaftlich befeuerte Selbstzweifel kraftvoll niedergesungen. Die Texte auf dem Album "Was wenn keiner lacht" sind biografisch. Aber Wenke Wollny wird es auch immer wichtiger, gesellschaftliche Metaebenen in die Lieder einzuziehen – und so ist "das dicke Mädchen" eben nicht nur ein Song über erfahrenen Spott und Missachtung.

Sängerin Wenke Wollny erklärt: "In dem Lied ging es mir auch darum, zu gucken, wie mit Frauen umgegangen wird, die etwas erreicht haben. Da gibt es dann die Boulevardpresse, in der es darum geht, wer jetzt wieviel ab- und zugenommen hat. Und dann gibt es die Politikerin, wo es dann doch wichtig ist, in welchem Outfit sie aufgetreten ist." All das stecke in den Songs. Diese textlichen Schichtungen sind definitiv eine neue Qualität im Songwriting von Karl die Große.  

Ähnlich versiert und clever wie beim "dicken Mädchen" geht die Band in "Generation A" mit der Frage nach einer gesunden Kommunikation der Generationen um oder erteilt in "Allesgönner" den "Allesgönnern unserer Zeit" eine popmusikalische Abfuhr. Die schlaue Erzählkunst auf "Was wenn keiner lacht" – das oft beschworene Narrativ guter Popmusik – findet auf diesem Album einen echten Wohlfühlort.

Popmusik in annähernder Vollendung mit hochkarätigen Gästen

"Was wenn keiner lacht" ist auch musikalisch ein großer Wurf. Verglichen mit dem Vorgänger "Warum müsst ihr Superhelden immer so übertreiben", klingen Karl die Große noch direkter, noch komplexer, noch vielseitiger – die musikalische Poesie verliert das Kollektiv dabei aber nie aus den Augen. Es klingt immer organisch und clever – nie gezwungen verkopft oder konstruiert. Popmusik in annähernder Vollendung. Das mit Fatoni, Maeckes und Francesco Wilking auch noch hochkarätige Gäste auf dem Album vertreten sind, ist schön, zeigt aber vor allem, dass Karl die Große sich in den letzten Jahren einen festen Platz in der deutschen Popkultur erspielt haben.

Gar nicht so schwer war es deshalb, Francesco Wilking zum von Theodor Fontane inspirierten Duett "Du bist noch nicht da" mit ins musikalische Boot zu bekommen, erzählt Wenke Wollny – man kennt sich und hat sich zu schätzen gelernt: "Francesco mochte unser Album total gerne und hat gefragt, ob wir auf dieser 'Unter meinem Bett'-CD mitmachen wollen. Da haben wir dann einen Song eingereicht, und ich durfte mit ihnen viele Konzerte spielen. Und da lernt man dann wieder andere Leute kennen. Ich habe das Gefühl, man kann super viele Leute fragen und bekommt dann auch wirklich eine Antwort. Ich habe gemerkt, dass es mir total wichtig ist, diesen Austausch zu pflegen." 

Ein tanzbares Album zwischen Pop-Chanson, Indie und süßer Melancholie

"Was wenn keiner lacht" ist ein klug erzähltes und mit viel Herz eingespieltes Album, irgendwo im intergalaktischen Raum zwischen den Galaxien Pop, Chanson und Indie. Ein Album, das Zeit und auch ein bisschen Mut erfordert, um es gewissenhaft zu hören, um sich den Worten und Gedanken zu stellen. Aber es ist auch ein Album – und das ist für gute Popmusik nicht ganz unwichtig – zu dem man losgelöst tanzen kann, nur um sich dann im nächsten Moment in tiefe süße Melancholie fallen zulassen. Rundherum ein großer Wohlfühlmoment für Herz und Hirn in Langspielplattenlänge. 

Bandmitglieder "Karl die Große"
Wenke Wollny, Christian Dähne, Simon Kutzner, Clemens Litschko, Antonia Hausmann und Yoann Thicé sind Karl die Große Bildrechte: Marco Sensche

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2021 | 07:40 Uhr

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