Gespräch mit Sänger Daniel Knauft 30 Jahre Leipziger Vokalensemble Amarcord: "Wir halten die Fahne hoch!"

Vor 30 Jahren gründeten fünf ehemalige Thomaner das Vokalensemble, das erste "a cappella"-Festival schenkten sie sich zum fünfjährigen Bestehen. Heute sind Ensemble und Festival eine Institution, die Stars und Newcomer vereint. 2022 nicht mehr nur digital, sondern bis zum 30. April endlich wieder live auf der Bühne mit Publikum. Allerdings fällt der Nachwuchs-Wettbewerb beim Festival erneut flach. Immer noch pandemie-bedingt, was Amarcord-Sänger Daniel Knauft (l.) bei aller Freude übers Doppel-Jubiläum nachdenklich macht. Der studierte Mediziner konnte die Lockdown-Zeiten als Impfarzt bestreiten, über die Langzeitfolgen für die Kultur in Zeiten der Pandemie und des Ukraine-Krieges hat er mit MDR KULTUR gesprochen.

MDR KULTUR: Macht Singen glücklich, Herr Knauft?

Daniel Knauft: Definitiv. Es gibt genügend Gründe, unglücklich zu sein. Aber die vergesse ich beim Singen. Es ist Interaktion, es lässt mich Dinge mit Freunden tun. Wir kennen uns nun besonders gut bei Amarcord, mit allen Verwundbarkeiten, mit allen Schwächen, die beim Singen offen zutage treten. Die Stimme ist ja der Spiegel schlechthin. Und Kritik an diesem Spiegel ist immer auch Kritik an dem Menschen. Das muss man wissen. Aber wenn wir uns wirklich aufeinander einlassen, wenn ich bereit bin, was in die Waagschale zu werfen, dann entstehen Dinge, die extrem glücklich machen. Das sind kostbare Augenblicke, die auch beim Publikum etwas zum Schwingen bringen.

Am Anfang war das gemeinsame Singen nach der Thomanerzeit ein Freizeitspaß mit Ambition, waren da Die Prinzen als ehemalige Thomaner und erfolgreiche a cappella-Pop-Truppe als Vorbild irgendwo im Hinterkopf?

Nicht nur im Hinterkopf. Wir waren unglaublich stolz, dass der Thomanerchor so präsent ist durch diese Ehemaligen. Ich wage sogar zu behaupten, dass der Erfolg der Prinzen was für die Neuaufstellung des Chores nach der Wende gebracht hat. Denn die Gründe, sein Kind dorthin zu geben, die waren ja zu 80 Prozent weggebrochen: das Abitur machen können, ohne sich ideologisch verbiegen zu müssen, mit dem Chor reisen zu können ... Also wir waren stolz auf sie, aber wir wollten nicht die zweiten Prinzen werden, auch wenn es da mal einen "Übernahmeversuch" in diese Richtung gab.

Ein lebensveränderndes Ereignis war für mich, das Hilliard Ensemble 1995 bei einem Konzert in Weimar zu erleben. Wir haben uns dann da mit klopfendem Herzen bei deren Summer School in England beworben und wurden angenommen. Man kann ja a-cappella-Gesang nicht in dem Sinn studieren, man kann nur zu den Vorbildern gehen. Eigentlich so wie früher: Du lernst von den Meistern. Und bekommen haben wir bei diesen Weltstars auch eine Lektion in Demut und Menschlichkeit. Ohne diese Erfahrung hätte es uns, glaube ich, als Profi-Gruppe gar nicht gegeben.

Sie haben dennoch erst mal Medizin studiert, was Ihnen in den Pandemiezeiten geholfen hat: Sie haben als Impfarzt gearbeitet. Wurden Sie von Musikerkolleginnen oder -kolleginnen um diese Möglichkeit beneidet?

Das hätte ich auch ehrenamtlich gemacht, ich halte die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe für einen Segen und kann Aufklärungsgespräche so mit bestem Gewissen führen. Dann kam, als die Not größer wurde, weil das faktische Berufsverbot länger anhielt, natürlich der wirtschaftliche Faktor, damit Geld verdienen zu können. Neid ist mir nie begegnet.

Für uns als Ensemble war es keine Option, zu Hause zu stranden und zu warten, bis die Pandemie vorübergeht. Irgendwann waren wir aber des Streamings müde, trotz all der Fördertöpfe, die das bedeutet hat. Es war für Kulturschaffende ja eine doppelt absurde Situation, in einer existenziellen Krise kreativ sein zu sollen, Förderanträge zu schreiben und mit Kolleginnen und Kollegen um limitierte Stipendien zu konkurrieren. Darauf hätte ich gern verzichtet. Dass wir diesen Stempel "nicht systemrelevant" auf die Stirn bekamen, das schmerzt heute noch.

Wie relevant ist also Kultur, wie fällt Ihre Bilanz aus: Gibt es Long Covid-Erscheinungen mit Blick auf das Publikum, das zurückhaltender ist oder wahnsinnig gestiegene Kosten aufseiten von Konzertveranstaltern?

Ich glaube, es wird nicht wieder so wie vorher. Da wurde ein Schalter umgelegt, in jedem Einzelnen, aber auch in der Gesellschaft. Ich habe wirklich Angst, dass wir zivilisatorisch eine ganze Ecke zurückgefallen sind. Hinzu kommt mit dem Krieg gegen die Ukraine nun die zweite Krise, die uns alle überrennt und hilflos macht. Das macht die Position nicht besser: Gespiegelt zu bekommen, dass Annäherung auch über die Kultur eben keinen Wandel schafft. Das war eine Idee, die sogar mal funktioniert hat in Zeiten des Kalten Krieges, die aber jetzt gescheitert ist. So wie die Idee vom Wandel durch Handel. Trotzdem können wir was tun: Wir singen ein Gebet für die Ukraine. Aber wir erreichen damit die bereits Erreichten. Das ist extrem bitter, zu merken, es lässt sich keine rote Linie ziehen.

Amarcord ist ein Vorbild für die Szene geworden: Ist Leipzig ein gutes Pflaster für den Chor- und a cappella-Gesang? Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Das Feld ist gut bestellt. Aber ich mache mir schon Sorgen um den Wettbewerb, der Teil unseres a cappella-Festivals ist. Dass wir ihn anders als das Festival erneut absagen mussten, liegt nun nicht an Corona-Maßnahmen, sondern daran, dass Gruppen nicht genug Zeit zum Proben fanden oder von Infektionen betroffen waren. Das ist ein Trauerspiel. Es ist wichtig, dass Leipzig diesen Leuchtturm-Charakter behält. Ich fühle mich da kollegial verbunden, aus der Empathie heraus, dass wir selber einmal Newcomer waren, aber auch aus gesundem Kultur-Egoismus: Ohne Nachwuchs – bei den Ensembles, aber auch im Publikum – geht es nicht. Deswegen machen wir ja auch Konzerte für Kinder und Heranwachsende. Wir gehören auch zum "Team Vorsicht". Aber die Kultur in der Pandemie erst mal auf Null zu drehen, das war ein Riesenfehler. Der Schaden ist immens. Ich sehe keine wirkliche Lösung außer dem Engagement von jedem Einzelnen. Wir versuchen Rückenwind zu schaffen für die Szene und die Fahne hochzuhalten.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Angaben zum Festival A cappella-Festival in Leipzig
Bis 30. April 2022

Es gibt elf Konzerte in Kirchen, Theatern oder auch im Leipziger Gewandhaus mit Vokalensembles aus Deutschland, Großbritannien, Irland, Schweden, Spanien und Brasilien: Amarcord, Tenebrae, David James & John Potter und Jacob Heringman, Cantoría, Ringmasters, Anúna, Ordinarius, Quintense u.a.

Für alle Konzerte gibt es noch Restkarten. Erstmals werden vier Live-Konzerte zusätzlich im Livestream übertragen.

Das ganze Programm gibt es unter: www.a-cappella-festival.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2022 | 12:00 Uhr