LOT im Gespräch Sollten deutsche Pop-Künstler mehr Haltung zeigen?

Wir leben in lauten, politisch aufgeheizten Zeiten, doch warum ist es in den deutschen Charts so leise? Wo sind die Songs mit Haltung? War früher mehr Protest? Oder müssen wir nur genauer hinhören? MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske spricht darüber mit dem Leipziger Songwriter LOT, der gerade sein Album "Nasenbluten" vorlegte, das zeigt: Das Private ist politisch. Nur über Selbsterfahrenes lässt sich überzeugend schreiben, findet er. Seine Playlist für Songs mit Haltung hat er dabei.

Der Leipziger Musiker LOT steht vor einer schwarz-weißen Wand.
Popmusiker mit Haltung: LOT Bildrechte: Another Dimension/Jens Dörre

MDR KULTUR: Als sich Herbert Grönemeyer bei einem Konzert in Wien für eine offene Gesellschaft aussprach, gegen "rechtes Geschwafel, Ausgrenzung, Rassismus, Hetze" gab es Beifall, aber danach auch Angriffe. Sogar mit Goebbels musste er sich für seine etwa einminütige Rede zwischen zwei Songs vergleichen lassen, weil er formulierte, "auch wenn Politiker schwächeln (...), dann liegt es an uns zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat." Und: "Kein Millimeter nach rechts". Außenminister Maas pflichtete Grönemeyer bei und Lindenberg. Aber wo waren die ganzen anderen Popkünstler aus Deutschland?

LOT: Wenn man auf Instagram unterwegs war, da hat man schon gesehen: Das wurde geteilt. Also das da überhaupt keine Unterstützung war, das habe ich so nicht wahrgenommen. Über die sozialen Medien habe ich das überhaupt erst als Ereignis realisiert. Man muss sehen: Der Künstler ist ja nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren, als ein Künstler die Plattform nutzen musste, die man ihm zur Verfügung stellte, bei Viva oder MTV, das ist schon ein bisschen länger her. Da konnte man mal im Interview ein Statement von sich geben oder bei Konzerten. Heute hat jeder seinen eigenen kleinen Nachrichtensender mit seinen 150.000 bis über eine Million Followern und kann darüber seine Botschaften selbständig verbreiten.

Ich würde gern noch einmal bei Herbert Grönemeyer bleiben. Ich habe ihn 2017 das letzte Mal sprechen können am Rande vom Reeperbahnfestival. Da ging es auf einem Panel genau um das Thema, was wir hier verhandeln. Seine Meinung war: Ich nehme zwar zur Kenntnis, dass es einzelne Künstler gibt, die sich äußern. Aber ich finde es trotzdem ein bisschen sehr leise, im Mainstream kommt das nicht an. Es sind am Ende immer wir Alten, die sich äußern.

Ich vertrete ja die äußerst schwierige Position: Auch Popmusik hat Haltung. Natürlich muss man dann auch einmal die Frage stellen: Wieviel Politik wünscht man sich in der Popmusik?

Dann schauen wir erstmal, was politische Haltung in einem Popsong wäre. Was war der letzte explizit politische Songs mit einer klaren Haltung, den Sie wahrgenommen haben?

Da gibt es einige. Jennifer Rostocks "Dann wähl die AfD" beispielsweise. Das war natürlich jetzt kein auf Maintream-Pop und für die Charts produzierter Song, aber durchaus von einer Künstlerin, die auch für die Charts relevant ist, die sich offen hingestellt und gesagt hat: Da stehe ich gegen an. In den sozialen Medien hat sie ein entsprechendes Feedback bekommen.

Jennifer Rostock hat dafür unglaublich viel Prügel einstecken müssen, auch vom rechten Rand. Sie hat dann an irgendeiner Stelle entschieden: Ich habe den Song veröffentlicht. Ich will dazu nichts mehr sagen. Kann es sein, das wir in einer so dermaßen zerrissenen Gesellschaft leben, dass es für Popkünstler, um es mal freundlich zu formulieren, extrem schwierig ist, eine politische Haltung einzunehmen, ohne zu riskieren, dass sich sein Publikum entzweit?

Ist das ein Problem? Ich war mit Alligatoah auf Tour. Das waren so Konzerte mit zweieinhalbtausend Leuten, Sitz-Publikum im Theater. Da hatte ich auch einen Song, in dem es ums Haltung-Zeigen geht. "Darth Vader" heißt der. Ich würde sagen, das ist ein anti- populistischer Song. Ich habe beim Konzert vorher immer kurz erklärt, um was es mir geht. Und obwohl ich nur der Support-Act war, habe ich mit Leuten am Merch-Stand heftige Diskussionen führen müssen. Die meinten, Du kannst dich hier nicht hinstellen und sagen, die AfD ist scheiße, das steht dir nicht zu, du bist Unterhaltungskünstler. Du sollst entertainen, aber nicht politisch bilden. Das ist nicht deine Aufgabe. Da habe ich dagegengehalten.

Um bei Jennifer Rostock zu bleiben, neulich hat sie in ihrer Insta-Story auch lange über Koffer geredet, wo sie die gekauft hat und wie praktisch die sind. Das gehört auch dazu, ob ich das jetzt schön finde oder nicht. Jeder Künstler hat mittlerweile da seine Kanäle und sein Publikum. Klar besteht auch die Gefahr, dass die Leute wegrennen, wenn du deine Haltung zeigst. Das muss jeder für sich entscheiden.

Ein Künstler wie Bosse hat kürzlich sinngemäß gesagt, es sei jetzt an der Zeit, sich als Künstler, als Popkünstler deutlich zu positionieren. In einem Interview vor vier, fünf Monaten. Aber im selben Interview hat er auch gesagt, wie schwer das sei. Es sei eine Sache, sich bei einem Konzert wie "Wir sind mehr" in Chemnitz auf die Bühne zu stellen, etwas anderes wäre es, einen guten politischen Song zu schreiben, der nicht plump ist, aber so klar in seiner Haltung, dass er nicht missverstanden wird. Ist das schwer?

Ja. Ich weiß, wie ich angefangen habe Songs zu schreiben, da empfand ich unsere Gesellschaft als so unpolitisch, dass ich Schwierigkeiten hatte irgendein Thema zu finden. Die AfD hat die Gesellschaft sehr stark politisiert. Es gibt Künstler in Bayern, auch in Sachsen oder Thüringen, glaube ich, jetzt nicht unbedingt die berühmten Leute, die tun sich zusammen für Anti-AfD-Songs, die sie präsentieren in den sozialen Medien. Das passiert. Oder nehmen Sie das neue Trettmann-Album. Haben Sie das mal gehört? Da gibt es diesen Song "Stolpersteine".

Die erinnern an Opfer des Holocaust, an Menschen, die von den Nazis aus ihren Wohungen geholt, deportiert und umgebracht wurden, weil sie jüdisch waren ...

Und diesen Song macht Trettmann, der ist auf jeden Fall einer der Top Ten-Künstler in Deutschland.

Sie sagen, AfD und Pegida haben die Gesellschaft politisiert. Ich erinnere, als Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde und im Feuilleton kommentiert wurde: Super, gute, aufregende und relevante Kunst und Kultur, auch Musik entsteht ja in zerrissenen Zeiten. Denken wir an Punk, Grunge oder Techno. Jetzt kann Kunst endlich wieder politisch werden, weil wir uns aufregen und aufreiben aneinander. Trotzdem habe ich das Gefühl, mal das Trettmann-Beispiel beiseite, es passiert nicht wirklich, dass die Kunst oder der Pop sich nach vorn bewegen ...

Es ist nicht so, dass wir hier einen Zustand haben, der beispielsweise mit den Achtundsechzigern zu vergleichen ist. Definitiv nicht.

Aber "MeToo" oder "Fridays For Future" wären doch Ansatzpunkte, wo eine gesellschaftliche Diskussion im Gange ist. Wo ein Künstler anknüpfen und sagen könnte: Hier muss ich womöglich sogar den Leuten, die auf der Straße gehen, eine Stimme geben. Mit einem Song.

Das ist richtig. Aber es gibt so ein schönes Zitat von Paul McCartney: "Ein politischer Song ist nicht dafür da, die Welt zu verändern. Er ist dafür da, die Menschen daran zu erinnern, dass die Welt verändert werden muss."

Ich war bei der großen "Fridays for Future"-Demo am 20. September in Leipzig. Da ist auch Dota Kehr aufgetreten. Man hatte durchaus das Gefühl, dass es dort eine Spannung gab, Bewegung. Da waren 20.000 Leute! Da passieren Dinge. Aber die Medienrezeption ist eine ganz andere. Man schaut sich dann auf YouTube ein Video dazu an, das sind keine Sachen, die vom Öffentlichen produziert werden.

Ich meine, Rezo hat aus dem Nichts der CDU riesengroße Probleme beschert, worauf man dann nicht mal eine Antwort gefunden hat. Das ist auch Popkultur irgendwo. Die hat ihre Wirkung, auch wenn der Rezo da jetzt nicht singt. Oder Kraftklubs "Chemie Chemie Ya", wo es um diesen übertriebenen Drogenkonsum in der Jugendkultur geht oder um Apathie in "Drei Schüsse in die Luft". Die Leute machen sich schon Gedanken, gerade Kraftklub und Kummer.

Trettmann hat mit "Grauer Beton" einen weiteren Song geschrieben, den man definitiv mal hören sollte. Der eben funktioniert, weil er von sich selber erzählt. In "Skyline" von Trettmann mit UFO361 und Samy Deluxe, da gibt es ganz klare Kapitalismuskritik. Die junge Generation, die 20-, 25-, vielleicht bis 30-Jährigen, die sind politisch. Unter denen findest du am ehesten Leute, die Vegetarier oder Veganer sind und sagen, sie möchten ihr Leben nicht auf Dinge ausrichten.

Ist es einfacher, einen Song zu schreiben über etwas, was scheinbar weit weg ist?

Genau andersherum. Ich finde immer, erstmal über sich selbst zu erzählen und von da aus auf ein Thema zu kommen, ist das Glaubhafteste. Ich kann jetzt nicht ein ganzes Album schreiben über das Leid in Afrika, ohne in Afrika gewesen zu sein. Das würde ich mir selber nicht glauben. Auf meiner neuen Platte "Nasenbluten" gibt es zum Beispiel einen Song über meine Familie. Die eine Hälfte ist Türkisch, die andere Deutsch. Und man mag sich nicht, was auch mit der Scheidung meiner Eltern zusammenhängt.

Dieses Bild auf dem Tisch
Zeigt meine Familie und mich
Links muslimisch, rechts katholisch
Natürlich ist das Bild nur eine Collage
Diese Bagage kriegt nie jemand
Zusammen zum Fotografen
Sie hier unten wird seit Jahren ignoriert
Von ihm und ihr, als ob sie gar nicht existiert
Ich würde gerne mit euch allen essen gehn'
Ich würde gerne, doch ich weiß, dass es nicht geht
Und wir sind alle allein (...)
Wie will ich hoffen
Dass das Land sich mal verträgt
Wenn es nicht mal in Familien geht

LOT Aus: "Allein"

Ich habe lange überlegt, ob ich den Song schreiben soll. Und dann schlussendlich gedacht: Ja, ich rede über mich, über meine Familie und komme damit irgendwie in zwei, drei Zeilen auch mit der Gesellschaft in Verbindung. Also: Ja, das kann man machen. Auch wenn es Diskussionen gibt. Wie neulich nach einem Konzert in Bochum mit einer jungen Türkin, die mir sagte, sie sei pro AfD, wir Deutschen sollten uns doch freuen, dass da endlich wieder jemand Stopp sagt. Das ist auch völlig in Ordnung. Nur muss man eine Grenze ziehen, etwa zum rechten Flügel dieser Partei.

Um auf die Funktion von Popmusik in dieser ganzen Debatte zurückzukommen, darf man nicht vergessen, dass sie in erster Linie immer Unterhaltungsmusik war. Auch zu Zeiten der Liedermacher-Bewegung gab es neben Leuten wie Biermann oder Hannes Wader eben auch einen Reinhard Mey, der mega erfolgreich war. Und es gibt momentan sehr viel deutsche Popmusik.

Was noch mehr die Frage aufwirft, warum sie sich meist nicht zu sehr mit gesellschaftlichen Dingen auseinandersetzt. Viel dreht sich einfach um sich selber ...

Auch da eine Empfehlung von meiner Playlist: "Sand in die Augen" von Danger Dan. Er hat eine Tochter bekommen und schreibt darüber, wie sexistisch er HipHop jetzt findet. Das ist ja die Krux beim HipHop, den ich eigentlich liebe. Auf der einen Seite maßt man sich da immer an, sprachlich so wahnsinnig eloquent zu sein, fein zu rappen und toll zu reimen. Gleichzeitig kommt immer dasselbe: Ich deale mit Drogen und Waffen, hab' meine Glock immer schussbereit. Ich hab'n dickes Auto. Ich feier' mit der Gang und die Frauen sind alle hot. Das läuft immer so als Grundsujet wie ein Brummen mit. Deswegen freue ich mich über Künstler wie Trettmann und Songs wie "Stolpersteine", "Grauer Beton" oder "Skyline", die da komplett rausbrechen, oder eben Danger Dans "Sand in die Augen".

Es gibt natürlich auch HipHop, Popmusik, Singer-Songwriter, also Liedermacher, die ganz klar rechts sind. Davon gibt es viele in Deutschland, die natürlich ihr Forum finden innerhalb der Identitären Bewegung, der AfD oder ähnlichen populistischen Gruppierungen wie den Heimatschutzverbänden. Ich werde keine Namen nennen, weil ich in keinster Weise Werbung machen möchte. Es gibt politische Musik mit Haltung im positiven wie im negativen Sinne.

... und eventuell sogar erweitern.

Genau, gerne erweitern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Hendryk Proske, MDR KULTUR-Musikredakteur.

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MDR KULTUR - Das Radio Sa 14.09.2019 16:05Uhr 27:59 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2019 | 19:05 Uhr

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