Hafenstraße e.V. Meißen "Hier ist die Kultur!": Wenn sich Online-Konzerte wie live erlebt anfühlen

In den Clubs und Konzerthäusern ist es still, aber im soziokulturellen Zentrum Hafenstraße e.V. Meißen will man diese beklemmende Ruhe nicht mehr hinnehmen. Im November wurde ein Live-Online-Konzert mit Bezahlschranke mit dem schwedischen Singer/Songwriter Stefan Johansson organisiert, gefolgt vom Folk-Trio TROjKA Anfang März. Die Clubbetreibenden erzählen außerdem, wie sie sich in dem Krisenjahr über Wasser gehalten haben. Jetzt ging das dritte Konzert live aber coronakonform über die Bühne.

Christian, mit Künstlername Krishn, Kypke steht auf der großen Bühne im großen Saal des Hafenstraßen e.V. und begrüßt das Publikum live im Internet. Scheinwerfer werfen ihre Spots, die Nebelmaschine lässt die Zeit verschwimmen. Es ist Samstagabend, 20 Uhr in Meißen. Und für zwei Stunden öffnen sich vom Hafenstraßen-Club aus die Türen in die Welt.

Mit Online-Konzerten die Welt hereinholen

Eine Collage von Musizierenden
Ankündigung Online-Konzerte Bildrechte: Hafenstraße e.V.

Krishn Kypke verkündet den Gast des Abends: Omid Bahadori, der aus dem Iran stammt und seit vielen Jahren in Deutschland lebt. 80 bis 90 Konzerte im Jahr spielt Bahadori mit seiner Band Seeda eigentlich und das weltweit. Jetzt ist er zum ersten Mal in Meißen. Kypke sagt: "Weil wir die Welt jetzt nicht nach außen tragen können, kommen die alle zu uns." Und Bahadori ergänzt: "Man muss gucken, was man aus dieser Zeit gewinnen kann, nach vorne schauen und den Kopf nicht hängen lassen. Ich bin dankbar, weil jetzt ganz andere Sachen passieren." "Weltenentdecker", nennt Gastgeber Kypke den Musiker und "Traumzauberer in den Klangwelten", die auf vielen seiner Musikinstrumente entstehen.

Man muss gucken, was man aus dieser Zeit gewinnen kann, nach vorne schauen und den Kopf nicht hängen lassen. Ich bin dankbar, weil jetzt ganz andere Sachen passieren.

Omid Bahadori, Musiker
Drei Männer und eine Menorah im Hintergrund
Die Band TROjKA bei der Vorbereitung des Streamings Bildrechte: Hafenstraße e.V.

Am Ende des Saals, am Mischpult, sitzt Thomas Beetke. Seit zehn Jahren arbeitet er als selbstständiger Veranstaltungstechniker. Vor einem Jahr, genau mit Beginn der Pandemie, hat er seinen Meisterbrief abgeschlossen, selbst finanziert. "Heute ist meine Stimmung gut, weil ich seit Ewigkeiten mal wieder am Mischpult stehen darf, hier mal wieder live einen Künstler betreuen darf", sagt er. Bis November verdiente Beetke sein Geld in einem Supermarkt. Er bedauert, dass der sogenannte Unternehmerlohn sich bisher nicht durchsetzen konnte: "Jetzt versuch ich mich mit dem einen oder anderen Stream oder Onlineveranstaltung über Wasser zu halten."

Das Streaming noch professioneller machen 

Musiker auf der Bühne
Die Band TROjKA auf der Bühne Bildrechte: Hafenstraße e.V.

Am Ende des langen Arbeitspultes fließen die Bilder aus sechs Kameras auf die Bildschirme von Fotograf und Kameramann René Plaul. Die ersten 1.000 Euro von Soforthilfen hat er in Streaming-Technik investiert. Am Anfang der Pandemie ging es um schnelle und unkomplizierte Streams. "Und jetzt geht es darum, dass man in einen qualitativen und professionellen Bereich kommt", führt Plaul aus: "Ich glaub, der Unterschied ist, dass man versucht, diesen Live-Charakter zu erhalten, ohne dass es eine Fernsehshow wird. Dass, wenn man davor sitzt, wirklich das Gefühl hat, bei einer Aufnahme dabei zu sein, wie man sie vielleicht von Live-DVDs, von Livekonzerten kennt. Das ist unser Anspruch."

Dass man wirklich das Gefühl hat, bei einer Aufnahme dabei zu sein, wie man sie vielleicht von Live-DVDs, von Livekonzerten kennt. Das ist unser Anspruch.

René Plaul, Kameramann und Fotograf

Krishn Kypke ergänzt: "Es sollte was Besonderes werden. Da haben wir überlegt, was könnte man machen, dass es sich von einem normalen Konzert unterscheidet? Und dann sind wir auf die Idee mit dem Interview gekommen. Und zum Schluss hat man auch noch ein bisschen Publikumskontakt, der Künstler sitzt dann auch am Computer und chattet mit dem Publikum. Wir haben auch festgestellt, da es ein Livekonzert ist, dass die Leute zu Hause aufgeregt sind. Es wird auch applaudiert zwischen den Songs, das ist eigentlich Quatsch, aber man fiebert so mit und wir ja auch."

Aufgeregtes Publikum vor den Bildschirmen

Ganz hinten im Großen Saal des Hafenstraßen e.V. sitzt Antje Kypke vor dem Laptop und verfolgt den Stream übers Internet. Seit 21 Jahren ist sie die Eventmanagerin des soziokulturellen Zentrums in Meißen. Eigentlich wäre hier Platz für 300 Fans der Livekultur, für Konzerte, Kabarett, Kinderprogramme. Doch seit einem Jahr ist es hier still. Viele Jahre stand die Existenz des Vereins auf der Kippe, berichtet sie: "Wir sehen Corona ein Stück weit auch für uns als Chance, da wir uns jetzt digital erweitert haben. Diese Möglichkeit mit den Streaming-Geschichten erlaubt uns trotzdem die Kultur zu unterstützen. Das war wie ein Schubs ins digitale Zeitalter auf allen Ebenen. Wir können nur lernen und profitieren jetzt davon."

Das war wie ein Schubs ins digitale Zeitalter auf allen Ebenen. Wir können nur lernen und profitieren jetzt davon.

Antje Kypke, Eventmanagerin

Unterstützung leisten vor und hinter der Bühne, neue Perspektiven für Künstler und Crew ermöglichen, Gemeinschaft stiften in einer schwierigen Zeit. Der Hafenstraße e.V. in Meißen widersetzt sich der Stille. Hier spielt die Musik.

Das nächste Konzert findet mit der Band Canelle statt: Live und online, am 17.04.2021, 20:00 Uhr aus dem Hafenstraße e.V. in Meißen.

Omid Bahadori
Während Omid Bahadori auf der Bühne spielt, laufen die Bilder aus sechs Kameras auf die Bildschirme von Fotograf und Kameramann René Plaul. Bildrechte: Hafenstraße e.V.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2021 | 17:10 Uhr

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