Wiederentdeckung eines Welterfolgs Oper "Manru" in Halle: "Ein Sound mit Suchtpotenzial"

Ignacy Jan Paderewski war Komponist, erster polnischer Ministerpräsident nach dem Ersten Weltkrieg und als solcher Mitunterzeichner des Versailler Vertrags. Seine Oper "Manru" war nach der Uraufführung international erfolgreich – und verschwand dann zu Unrecht in der Versenkung. Jetzt ist sie wieder da, die Oper Halle führt sie wieder auf. Dem brisanten Wortgebrauch "Zigeuner" in dem Werk stellt sich das Haus offensiv, es wird im Programmheft ausführlich erörtert – was unser Kritiker lobt.

Viele Menschen stehen auf der Opernbühne
Die Oper "Manru" wurde am 29. Mai 1901 in der Semperoper Dresden uraufgeführt. Jetzt ist sie an der Oper Halle zu sehen. Bildrechte: Bühnen Halle, Foto: Anna Koalta

Die Oper "Manru" von Ignacy Jan Paderewski (1860-1941) kommt heutzutage, so wie jetzt in Halle, als ambitionierte Ausgrabung auf einen Spielplan. Nach ihrer Uraufführung – immerhin 1901 in Dresden unter Ernst von Schuch – war sie im Handumdrehen ein echter Welterfolg des damaligen Pianisten-Weltstars. Dass das Werk nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwand, lag am politischen Engagement des Komponisten für die staatliche Wiedergeburt Polens.

Komponist Paderewski war erster Ministerpräsident Polens

Paderewski geriet zwischen die Fronten. Den Polen war er zu deutsch, den Deutschen zu polnisch. Bis 1920 war Paderewski der erste Ministerpräsident und Außenminister des wiedergegründeten Polens und unterzeichnete in dieser Funktion 1919 den Versailler Vertrag für seine Heimat.

Porträt von Ignacy Jan Paderewski
Dem Pianisten, Komponisten und Politiker Ignacy Jan Paderewski wird nachgesagt, international auf Frauen sehr attraktiv gewirkt zu haben. Bildrechte: imago/UIG

Anklänge an Folklore und Wagner

An der Komposition selbst hat all das nicht gelegen. Die hat eine emotionale Durchschlagskraft, die bei einem heute ja immer noch auf Spätromantik und Verismo geeichten Opernpublikum direkt ankommt! Da gibt es sehr eigenständig (nach-)erfundene Folklore mit großen Chören.

Darsteller auf einer Bühne 8 min
Bildrechte: Bühnen Halle/Anna Kolata

Aber sie steigert sich auch atemberaubend ins Wagnerformat. Mal wird an das Finale des ersten Walküre-Aktes erinnert. Das große Liebesduett im zweiten Akt kann mit "Tristan und Isolde" mithalten. Nordeuropäischer Verismo auf den Schultern Wagners – so ungefähr. Das klingt alles sehr farbig, sehr melodisch. Ein Sound mit Suchtpotenzial.

Das Libretto hat Alfred Nossig (1864-1943) in Deutsch verfasst. Text und Musik passen also haargenau, im Detail mit einer ausgiebigen Neigung zum Endreim, auf "Herz" folgt "Schmerz" und so weiter. Und es finden sich auch so markige Sätze wie "Wird der Mond am Himmel voll, da wird der Zigeuner toll." Ein Spottlied, das Manru auch ganz persönlich verfolgt und regelrecht fertig macht.

Wortwahl "Zigeuner" wird im Programmheft der Oper Halle erörtert

Er entstammt der Roma-Sippe der Erumanuels, sie ist ein Bauernmädchen. Als Paar leben sie isoliert, weil sowohl die bäuerliche Dorfgemeinschaft als auch die Roma vehement gegen diese Verbindung sind und beide verstoßen haben!

Das Wort "Zigeuner" ist auf eine ca. drei Meter hohe Glasbox auf der Opernbühne gesprüht
Das Wort "Zigeuner" ist groß auf eine der Glasboxen gesprüht – Erläuterungen dazu gibt es im Programmheft der Oper Halle. Bildrechte: Bühnen Halle/Federico Pedrotti

Es geht zwar um die im Libretto zigfach so benannten Zigeuner, ihr Selbstverständnis beziehungsweise die Klischees, die die anderen mit ihnen verbinden. Aber es geht generell um Konflikte in einer Gesellschaft. Diese Roma könnten auch für Juden oder andere Gruppen stehen.

Im Programmheft wird der Umgang mit der brisanten Vokabel unter der Überschrift zwischen "Rufmord und Verklärung" ausführlich erörtert.

"Manru"-Inszenierung als Schwachstelle

So wie der Grundkonflikt mit einer scheiternden Liebe verbunden ist, würde das Ganze szenisch einen beherzten Zugriff auf oder durch die zeitlichen und inhaltlichen Schichtungen ermöglichen, ja erfordern. Leider bleibt das die Inszenierung von Katharina Kastening komplett schuldig. Das ist der Schwachpunkt dieses ansonsten so beachtlichen Projektes.

Drei Darsteller auf einer Bühne
Die Inszenierung von Paderewskis "Manru" in Halle hat für unseren Kritiker einige Schwachstellen. Bildrechte: Bühnen Halle/Federico Pedrotti

Die Bühne von Ausstatter Gideon Davey besteht aus einer schwebend-beweglichen durchscheinenden Trennwand. Dahinter gibt es zwei Glasboxen als Hütte der Kleinfamilie mit Kind. Einmal ist das Wort "HEIDE" an die Hütte geschmiert, mal das Wort "ZIGEUNER". Die Bauernbevölkerung kommt als festlich aufgehübschte Hochzeitsgesellschaft von heute daher. Bei den Roma ist das Ganze etwas bunter. Dazu gibt es eine Chorregie und Personenführung, die eher arrangiert und zum Teil recht unbeholfen wirkt. Da bleibt der komponierte pogromartige Übergriff auf Ulana und Manru am Ende des ersten Aktes im Grunde eine Rangelei auf dem Dorffest.

Auf der Bühne: eine ca. 3 Meter hohe Glasbox mit dem aufgesprühten Wort "Heide"
Die Glasbox mit dem aufgesprühten Wort "Heide" Bildrechte: Bühnen Halle, Foto: Anna Koalta

Natürlich braucht man keine Folklore mit Originalkostümen, wie sie Paderewski für die Vorstellungen an der MET von 120 Jahren aus der Hohen Tatra nach Amerika holen ließ. Aber eine sinnliche Ebene, die das historische und gesellschaftliche Konfliktpotenzial wirklich entwickelt, die bräuchte man schon. Hier scheitert "nur" ein Emanzipationsversuch zweier Liebender, die ihren sozialen und kulturellen Prägungen letztlich nicht entkommen.

Musikalische Glanzleistung von Staatskapelle Halle und Solisten

Musikalisch glänzt vor allem die Staatskapelle unter ihrem ersten Kapellmeister Michael Wendeberg. Thomas Mohr überzeugt als Manru mit wagnererprobter und flexibler Strahlkraft. Romelia Lichtenstein ist als Ulana vor allem in den lyrischen Passagen berührend und setzt natürlich all ihre Erfahrung und Technik ein, um die dramatischen Anforderungen ihrer Partie zu bewältigen.

Am Ende werden neben dem Orchester das ganze Ensemble und die Chöre zu Recht vom Premierenpublikum gefeiert! Fazit: Eine Ausgrabung, die auf jeden Fall lohnt und nirgendwo sonst live zu erleben ist!

Zwei Darsteller auf einer Bühne, sie im Kleid, er mit Holzfällerhemd und Zopf
Kammersängerin Romelia Lichtenstein spielt Ulana, Thomas Mohr spielt ihren Mann Manru Bildrechte: Bühnen Halle/Anna Kolata

Die Aufführung "Manru"

Lyrisches Drama in drei Akten von Ignacy Jan Paderewski
Libretto von Alfred Nossig nach Józef Ignacy Kraszewskis Roman "Die Hütte am Rand des Dorfs" (1852)

In deutscher Sprache mit Übertiteln
Koproduktion mit der Opéra National de Lorraine, Nancy, Frankreich

Mitwirkende:
Staatskapelle Halle
Chor der Oper Halle
Statisterie der Oper Halle
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Regie: Katharina Kastening
Ausstattung: Gideon Davey

Manru: Thomas Mohr
Ulana, seine Frau: Kammersängerin Romelia Lichtenstein
Ulanas Schwester: Peggy Klemm, Christina Mattaj
Hedwig, Ulanas Mutter: Gabriella Guilfoil, Svitlana Slyvia
Urok: Levent Bakırcı
Oros: Ki-Hyun Park
Asa: Franziska Krötenheerdt

Aufführungen:
Samstag, 19. März 2022, 19:30 Uhr | Oper – Großer Saal
(Live-Übertragung der Premiere auf DeutschlandRadio und MDR-Klassik)

Sonntag, 27. März 2022, 16 Uhr | Oper – Großer Saal
Freitag, 01. April 2022, 19.30 Uhr | Oper – Großer Saal
Freitag, 22. April 2022, 19.30 Uhr | Oper – Großer Saal
Sonntag, 22. Mai 2022, 18 Uhr | Oper – Großer Saal
Donnerstag, 30. Juni 2022, 19.30 Uhr | Oper – Großer Saal

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2022 | 13:15 Uhr

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