Klarinettist und Komponist Jazzikone Rolf Kühn ist tot

Der Jazzklarinettist und Komponist Rolf Kühn ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Kühn hatte seine Karriere beim Tanzorchester des Senders Leipzig begonnen. Später spielte er in den USA mit Weltstars wie Benny Goodman und John Coltrane.

Rolf Kühn
Der Jazzklarinettist Rolf Kühn hat von Leipzig aus eine Weltkarriere gestartet. Am Donnerstag ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Bildrechte: dpa

Der Jazzklarinettist und Komponist Rolf Kühn ist tot. Wie MDR KULTUR von Kühns Familie erfuhr, starb der Musiker am vergangenen Donnerstag im Alter von 92 Jahren. Kühn wurde 1929 in Köln geboren und wuchs in Leipzig-Lindenau auf, wo seine Mutter einen Tabakladen hatte. Sein Vater war Varietékünstler am Leipziger Kristallpalast.

Bereits im Alter von acht Jahren nachm Kühn ersten Klavierunterricht. Weil seine Mutter Jüdin war, durfte er aber nach 1938 in Nazideutschland offiziell keinen Musikunterricht mehr bekommen – und fuhr von nun an heimlich zu seinen Lehrern. Einer davon war der damalige Gewandhaus-Klarinettist Hans Berninger, bei dem er mit zwölf Jahren begann, sein Lieblingsinstrument zu lernen. Kurz zuvor hatte er zum ersten Mal Swing im Radio gehört.

Es hat mich von Anfang an fasziniert. Und ich hab meinen Vater belatschert, dass wir 'ne Klarinette kaufen sollen. Nachdem ich schon alles hatte: Saxophon, Hawaii-Gitarre. Das habe ich aber nur einmal gespielt, nie wieder angeguckt.

Rolf Kühn

Jahrzehnte später erzählte Kühn, wie er in dieser Zeit sechs, sieben Stunden am Tag Klarinette übte, bis die Unterlippe davon ruiniert war und sogar operiert werden musste.

Rolf Kühn ging über Westberlin in die USA

Nach Engagements beim Tanzorchester des Senders Leipzig (mit gerade mal 18 Jahren) und als Saxophonist beim RIAS-Tanzorchester in Berlin siedelte Kühn 1956 in die USA über, wo er mit Weltstars wie John Coltrane, Cannonball Adderley oder Chet Baker in legendären Jazzclubs auftrat, etwa im New Yorker "Birdland", dem Chicagoer "Blue Note" oder beim Newport Jazz Festival.

Ab 1958 war er Solist in den Orchestern von Benny Goodman (der ihm vertretungsweise sogar die Leitung überließ) und Tommy Dorsey. Kühns Ton als Klarinettist galt als unverwechselbar, MDR KULTUR-Jazzexperte Bert Noglik beschreibt ihn als "warm, rund, elegant und vollendet".

Rückkehr nach Deutschland

Rolf Kühn
Rolf Kühn im Jahr 1961 Bildrechte: IMAGO / Allstar

Anfang der 60er-Jahre kehrte Kühn nach Deutschland zurück und leitete das NDR-Fernsehorchester in Hamburg. In den Folgejahren nahm er mit diversen Künstlern Platten auf, darunter Pianist Chick Corea und Kühns 14 Jahre jüngerer Bruder Joachim, ebenfalls Pianist.

Rolf Kühn befasste sich mit damaligen stilistischen Entwicklungen wie Freejazz und Jazzrock, schrieb diverse Soundtracks für Kino- und Fernsehfilme und arbeitete als musikalischer Leiter an großen deutschsprachigen Bühnen wie dem Thalia Theater Hamburg oder dem Theater des Westens in Berlin.

Er war als Musiker bis ins hohe Alter aktiv. So hat er noch mit 90 Jahren die Musik zur Radiodokumentation "Kinder des Krieges" geschrieben. Vor gut zwei Jahren, im Mai 2020, sagte er bei MDR KULTUR, er freue sich schon "auf das übernächste Album".

Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. August 2022 | 08:15 Uhr

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