Branchen-Auswirkungen Tanzschulen: eine vergessene Branche in der Corona-Pandemie

Viele Branchen in Kunst und Kultur sind sehr unterschiedlich durch die pandemiebedingten Corona-Lockdowns gekommen. Während viel über Sänger, Musiker oder auch Museen gesprochen wurde, fiel ein Berufszweig, der auch einen hohen Stellenwert für die Gesellschaft hat, fast völlig aus dem Blickfeld: Die Tanzschulen.

Junges tanzendes Paar beim Abschlussball einer Tanzschule
Vor der Pandemie und ohne Kontaktbeschränkungen hatten es Tanzschulen leichter. Bildrechte: imago/imagebroker

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden in hunderten Tanzschulen klassische Tänze, aber auch Discofox und Salsa gelehrt. Dabei stehen vor allem Schülerinnen und Schüler auf der Tanzfläche oder Paare. Für die hieß es monatelang, die Füße stillzuhalten oder nach Alternativen zu suchen, um die Tanzschritte nicht zu verlernen.

Umsatz-Einbußen durch Corona

Eine der größten Tanzschulen Sachsen-Anhalts ist die Tanzschule Eichelmann in Halle. Bei Tanzschulleiter Marcus Eichelmann liegen die Nerven noch immer blank:

Ein schwarzgekleidetes Paar steht in Tanzpose vor einem großen Spiegel. Neben ihnen steht eine schwarz gekleidete Frau.
Ein Paar in einer Tanzschule muss der Lehrerin nicht unbedingt nahe kommen. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

"Mittlerweile sind wir in Sachsen-Anhalt bei der 14.Verordnung angekommen, die sich andauernd ändern kann. Tagesaktuell wurden ständig neue Sachen verabschiedet, Verbote erteilt, und Planung ist in dem Sinne ja gar nicht mehr möglich."

Rund 50 Prozent seines Umsatzes hat Eichelmann während der Pandemie eingebüßt. Wie viele Tänzerinnen und Tänzer ihm in der Zeit weggebrochen sind, weiß er nicht genau. Fakt ist: Die Schülerinnen und Schüler konnten nicht tanzen, es kamen keine Anfänger und auch keine Brautpaare. Für die anderen gab es die unterschiedlichsten Ausweichprogramme. Es wurden Videos gedreht, Calls veranstaltet, es wurde Fernunterricht erteilt.

Tanzschulen fühlten sich von der Politik missverstanden

Einige Verordnungen haben die Tanzschulen aber nicht verstanden. Zum Beispiel: Es dürfen sich nur zwei Haushalte treffen. Dabei stand der Tanzlehrer rund 10 bis 15 Meter weit weg, während ein Paar tanzen durfte.

"Es finden ja keine Kontakte in dem Sinne statt, sondern, wenn sie mit ihrem Partner hierherkommen, kommen die Leute aus einer Hygienegemeinschaft", so Marcus Eichelmann. Ein Ehepaar dürfe eigentlich zusammen tanzen, man berühre nur die eigene Frau oder den eigenen Mann. Das komme bei den Verordnungsschreibern nicht so richtig an.

Das wäre genauso, als wenn Sie eine Plexiglasscheibe im Ehebett aufbauen oder am Frühstückstisch.

Marcus Eichelmann, Tanzschulleiter

Jens Pötzschke leitet die Tanzschule Pötzsche-Nebl in Pirna und hat am Beginn der Pandemie den Kundinnen und Kunden Videos zugeschickt und Onlinekurse angeboten. Gehalten werden konnten damit nur Stammkunden. Als Vertreter des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes e.V. ist Pötzschke als Regionalbereichsleiter für die Tanzschulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig.

Tanzen lässt sich schlecht online lernen

Walzer
Wer Standardtänze lernt, profitiert davon auch abseits der Tanzflächen. Bildrechte: Colourbox

Er erzählt, dass die Tanzschulen im ersten Lockdown überhaupt keine Rolle spielten. "Beim zweiten Lockdown hat sich das dann ein bisschen verändert und verbessert. Und wir haben das in Sachsen zum Beispiel erreicht. Und ich weiß von Herrn Eichelmann, dass das in Sachsen-Anhalt ähnlich positioniert ist wie auch in Thüringen, dass wir eigentlich so der Bildung zugeordnet sind, was auch richtig ist, da wir auch einen Bildungsauftrag haben beispielsweise. Und das ist natürlich ein langer Kampf gewesen, dort eben die Entscheidungsträger auch in die richtige Bahn zu bringen."

Tanzschulen gehören nun also zur Bildung. Natürlich geht es hier viel auch um Bewegung und Sport, aber auch um Etikette und Abstand. Wie eine Tanzschule die Pandemie überstanden hat, hängt sehr viel damit zusammen, wie lange sie existiert. Ronny Pietsch hat seine Tanzschule "führbar" in Jena erst 2019 gegründet. Für den jungen Unternehmer eine denkbar schlechte Zeit.

Von Förderprogrammen profitierte nicht jede Tanzschule

"Die Pandemie war für uns extrem schwierig zu bewältigen, weil wir durch eine Vielzahl der Förder- und Wirtschaftsprogramme durchgefallen sind", erzählt Pietsch. So habe er keinen pandemiebedingten Schnellkredit beantragen können.

Denn dafür hätte er nachweisen müssen, dass er in den vorhergehenden Geschäftsjahren keine wirtschaftlichen Probleme hatte und dass er zusätzliche Raten tilgen kann. "Und das ist in einem zweiten Geschäftsjahr halt extrem schwierig, weil da sehr viele Investitionen noch gelaufen sind, weil da ja sowieso das Geschäft erst mal so richtig in Gang gekommen ist", so Pietsch. Zum Glück habe sein Unternehmen zu Beginn der Pandemie eine sehr gute wirtschaftliche Situation gehabt. Deshalb sei er bislang ohne Förderprogramme durch die Pandemie gekommen.

"Führbar" gibt es nur noch, weil die Tanzfamilie weiter Beiträge bezahlt hatte. Eines jedenfalls hat Ronny Pietsch gelernt: als Leiter einer Tanzschule selbstbewusster aufzutreten. Denn Tanzschulen sind ganzheitlich.

Beim Tanzen lernt man fürs Leben

Mit einem Bildungsauftrag lernen die Kinder Gruppenzugehörigkeit, Team-Play, Jugendliche lernen Umgangsformen und werden auf das spätere Leben vorbereitet. Dazu bietet eine Tanzschule Bewegung – und Tanz senkt laut Studien nachweislich das Demenzrisiko. Man muss sich eben auch Schrittfolgen merken. Für Paare hat der Tanz auch oft eine therapeutische Wirkung. Hinzu kommt: Tanzen hat immer auch mit Musik zu tun und gehört damit auch zur Kultur. Tanzschulbetreiber Pietsch: "Weil wir in den Tanzkursen den Leuten ermöglichen, dem Alltag zu entfliehen."

Langsam beginnen die Leute wieder sich im Takt des Wiener Walzers zu bewegen, tanzen Discofox, Salsa oder Tango. Und auch wenn einige Tanzschulen die Pandemie nicht überlebt haben oder sehr angeschlagen daraus hervorgehen, eins hat diese Zeit sie gelehrt: Sie besitzen einen hohen gesellschaftlichen Wert. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juli 2021 | 12:10 Uhr

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