Interview Naumburger Dom: Deshalb droht die Aberkennung des Welterbetitels

Der Naumburger Dom ist Unesco-Welterbe, wird aber auch von einer Kirchgemeinde genutzt. Die Gemeinde freute sich über die Neuinterpretation von Cranachs Marienaltar: für den 1541 zerstörten Mittelteil schuf der Leipziger Maler Michael Triegel ein imposantes Gemälde. Seit Anfang Juli kann der Altar im Westchor bewundert werden, wo sich auch die weltberühmten Stifterfiguren, darunter die schöne Uta, befinden. Sie sind der Grund, dass der Naumburger Dom heute Welterbe ist. Über die Einhaltung der damit verbundenen Auflagen wacht Manfred Schuller, einer von drei Experten der Icomos-Monitoring-Gruppe. Warum er Beschwerde einlegte, der Titel in Gefahr ist und eine Kirchgemeinde seiner Meinung nach Rechte für den Titel abtritt, erklärt er im Interview mit MDR KULTUR.

MDR KULTUR: Was sind die genauen Einwände gegen diesen Marienaltar?

Manfred Schuller, Architekt, Kunsthistoriker und Icomos-Experte: Es geht bei dieser Welterbe-Eintragung immer um den originalen Text. Warum also wurde der Naumburger Dom aufgenommen? Vor allem wegen des Westchors, und ich zitiere ganz kurz: "Dieses Gesamtkunstwerk, das Werk der Architektur, der Bildhauerei und der Glasmalerei integriert und verflicht – das war das Werk eines kreative Schöpfergeistes". Und das ist entscheidend: diese Einheit von Architektur, Bildhauerei und Glasmalerei aufeinander abgestimmt, sehr sensibel und zwar in einer Qualität, die im 13. Jahrhundert selbst im Vergleich mit Frankreich Bestand hat. Nur deswegen hat der Naumburger Dom seine Eintragung bekommen.

Und die sehen wir jetzt durch diesen Altar, der etwa 3,50 Meter hoch ist, gefährdet. Wenn Sie in den Dom reinkommen, sehen Sie jetzt schon vom Durchgang und Lettner, dass der Altar zwei der Figuren komplett verdeckt. Das heißt, diese Einheit der zwölf Figuren ist weg. Er verdeckt auch die untere Bahn der Chorscheitelfenster. Es ist schon ein ganz erheblicher Eingriff.

Der Dom ist ein Gesamtkunstwerk, das man durchschreiten kann. Man kann im Prinzip um diesen Altar herumgehen. Es wurde ja baulich nichts verändert ...

Nein, das ist schon mal gut. Aber, dass ich herumgehen muss, macht im Hinblick auf die Einheit keinen Sinn. Wenn Sie um den Altar außen rum gehen, dann stehen Sie direkt unterhalb der Glasfenster. Von denen sehen Sie also gar nichts mehr, weil Sie ganz steil nach oben schauen müssen, das betrifft auch die Skulpturen. Die waren dafür nicht gedacht. Die waren so geplant, dass man sie schon beim Eintreten bemerkt. Und auch beim weiteren Vorschreiten in Richtung Altar – der Altarblock ist ja noch aus dem 13. Jahrhunderts – hat man alle Figuren, alle Glasfenster in Sicht gehabt. Und das wird jetzt eminent gestört.

Es wird aber auch nicht bis in alle Ewigkeit gestört, sondern nur bis zum 4. Dezember, oder?

Wenn das so wäre, kann man vielleicht drüber reden. Ich bin einer der Monitoren für Naumburg, und wir haben seit 2020 die Domstifter beraten. Wir sind keine Verhinderungsbehörde. Aber wir haben dringend abgeraten, das so zu machen, bevor Paris, das Beratungszentrum für die Unesco, die Welterbe-Denkmalpflege-Organisation Icomos, reagiert. Wir haben es dorthin gemeldet und nicht nur wir, sondern auch die Koordinierungsstelle des Auswärtigen Amtes, die für Welterbeangelegenheiten zuständig ist. Und das ist nicht passiert. Das hat uns sehr gewundert, gerade weil auch andere fachliche Stellen, das Denkmalamt, sagten: Menschenskinder, wartet noch ab.

Inwiefern sind Sie in den Diskurs gegangen? Etwa mit der Kirchgemeinde, die das ja gut findet, dass der Altar bis zum 4. Dezember dort steht, aber auch der Künstler Michael Triegel natürlich. Inwiefern haben Sie einen Kommunikationsprozess angeregt, bevor es diese Beschwerde gab, die hochoffiziell ist?

Ja, die ist hochoffiziell. Aber zu der Frage: Nein, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, die Entscheidungsträger zu beraten, also die Domstifter und das Landesamt für Denkmalpflege. Die Gemeinde ist hier nicht entscheidend. Der Naumburger Dom, auch die Domstifter wollten, dass es ein Welterbe ist. Darüber entscheidet die Weltorganisation, die sich für kirchliche Belange nicht interessiert. Das ist bei den Denkmalgesetzen der Länder anders, da hat die Kirche tatsächlich Rechte.

Die Kirchgemeinde tritt also gewisse Rechte an ihrer eigenen Kirche ab, wenn die zum Welterbe ernannt wird?

Ja, das würde ich schon so sagen.

Glauben Sie, es gibt die Chance auf eine einvernehmliche Lösung?

Man muss da immer optimistisch sein. Es wäre schön, wenn die Warnungen ernstgenommen worden wären und die Diskussion stattgefunden hätte, bevor das (der Altar - Anmerkung der Redaktion) jetzt da steht. Eine zeitlich begrenzte Ausstellung halten wir für denkbar. Aber ich muss auch sagen, wir haben mit etlichen Zusagen von Seiten der Domstifter, ich muss es nun mal so sagen, keine guten Erfahrungen und sind da vorsichtig geworden.

Das Interview führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juli 2022 | 07:10 Uhr