Jüdisches Leben Rabbinerin Jonas-Märtin aus Leipzig: "Es fehlt an Wissen über das Jüdischsein"

Die Leipzigerin Esther Jonas-Märtin ist eine von elf Rabbinerinnen in Deutschland. Sie bemängelt, dass es hierzulande große Bildungslücken über das Judentum gibt. Deswegen gründete sie 2018 das Haus Lebensbaum, ein Lehrhaus zum jüdischen Leben.

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Rabbinerin Esther Jonas-Märtin Bildrechte: Privat

Der Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin fehlt es in der Bevölkerung an breiter Bildung über aktuelles jüdisches Leben. Sie sagte MDR KULTUR, es gebe zum Beispiel generell zu wenig Wissen darüber, wie der jüdische Kalender aussieht oder welche Werte innerhalb des Judentums bestehen. Als Beispiel nennt Jonas-Märtin die Bedeutung des Sabbats für Juden: "Das ist wirklich eine ganz wichtige Sache. Da das Christentum immer mehr an Bedeutung verloren hat, hat auch der Sonntag als Ruhetag an Bedeutung verloren. Damit ist auch eine gewisse Nachlässigkeit verbunden." Das sei bei Juden anders. Man solle öfter beachten, was für das Gegenüber vielleicht gerade im Kalender steht, so die Rabbinerin.

Sie werde selber häufig gefragt, warum Juden nicht zu bestimmten Veranstaltungen kommen. Oft stelle sich dann heraus, dass die Termine Freitagabend oder Samstagmorgen stattgefunden hätten. Jonas-Märtin hat dazu eine klare Haltung: "Wenn ihr nicht die Möglichkeiten schafft, dass ein religiöser jüdischer Mensch daran teilnehmen kann, dann muss es nicht erstaunlich sein, dass Juden nicht teilnehmen." Da fehle es an Wissen über das Jüdischsein – was es bedeutet und beinhaltet.

Stereotype zum jüdischen Leben

Bezogen auf ihre Profession ergeht es der Leipziger Rabbinerin ähnlich. Die meisten wüssten gar nicht, dass Frauen diesen Beruf ausüben, berichtet sie. Das finde sie merkwürdig, da es in Deutschland immerhin elf Rabbinerinnen gebe. "Wenn man sich ein bisschen interessiert, bekommt man das schon mit. Aber Vorbehalte oder Stereotypen über jüdisches Leben in Deutschland halten sich eben sehr hartnäckig."

Diesbezüglich macht Jonas-Märtin auch den Medien einen Vorwurf: Es fehle "die Sichtbarkeit verschiedener Modelle – Jüdischsein versus das, was als jüdisch erkennbar ist. Da hätte die Medienlandschaft gern, dass es eindeutig erkennbar ist." Das spüre sie besonders, weil sie eben nicht in dieses Image des gelockten, schwarz behüteten und schwarzberockten Mannes passe.

Haus Lebensbaum – ein Lehrhaus in Leipzig

Für eine bessere Bildung über jüdisches Leben hat Jonas-Märtin 2018 in Leipzig das Projekt "Beth Etz Chaim" gegründet – zu Deutsch: "Haus Lebensbaum". Dabei stehe vor allem das moderne jüdische Leben im Fokus. "Ich versuche ganz altes Wissen von der hebräischen Bibel bis zu modernerer jüdischer Auslegung mit dem Leben im Hier und Jetzt zu verknüpfen." Es gehe darum, Sinnhaftigkeit zu stiften. Das "Haus Lebensbaum" richte sich an alle, die bereit zum Dialog und zu einem respektvollen Umgang sind. "Das Lehrhaus ist auch ein Raum dafür, Ideen auszuprobieren, über Werte und Inhalte zu diskutieren ­– immer aufgrund von Texten, die ihren Ursprung in jüdischer Tradition haben."

Esther Jonas-Märtin stammt aus Leipzig. Sie absolvierte ein Studium der Germanistik und Religionswissenschaften an der dortigen Universität, sowie Jüdische Studien und Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt zu "Frauen in Deutschland nach 1945 zwischen Religion und Politik" an den Universitäten Bonn und Bochum. 2011 nahm sie das Rabbinats-Studium am Hebrew Union College in Jerusalem auf. Ein Jahr später wechselte sie an die Zigeler School for Rabbininics Los Angeles und schloss 2017 mit dem Master of Arts in Rabbinics und der Ordination zur Rabbinerin ab.

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