Verlagsporträt Zu Besuch beim Leipziger Merve Verlag: Gefährliche Gedanken

Seit 1970 versorgte der Merve Verlag die Geister mit wildem Denken – von der Studentenbewegung bis zu Spontis und Punks. Mit Texten französischer Theoretiker wie Foucault, Deleuze und Guattari hat er sich einen Namen gemacht. Bis heute erscheinen die Bände im Taschenformat mit der berühmten Raute auf dem Cover. Seit 15 Jahren leitet der IT-Experte Tom Lamberty das mittlerweile in Leipzig ansässige Flaggschiff der kritischen Theorie.

Merve-Verleger Tom Lamberty
Bestritt einst Teile seiner intellektuellen Ausbildung mit geklauten Merve-Büchern: Merve Verleger Tom Lamberty Bildrechte: Nils Kahlefendt

Wer den kleinen, aber einigermaßen berühmten Merve Verlag sucht, der über 45 Jahre in einer für Überraschungsgäste immer offenen Schöneberger Wohnküche residierte, findet ihn seit 2017 im Leipziger Kolonnadenviertel – in einem Hinterzimmer der Theorie-Buchhandlung Rotorbooks. Ursprünglich beherbergten die Räume eine Fleischerei, daran erinnern Kacheln, ein umlaufendes Deckenfries und alte Schwerlast-Träger, an denen einst Schinken und Schweinehälften baumelten.

Im Zimmer von Merve-Verleger Tom Lamberty reichen gefüllte Bücherregale bis an die Decke, der Schreibtisch ist mit Papieren übersät, und eine Toiletten-Spülung rauscht so laut über unseren Köpfen, dass man eine sofort einsetzende Flutwelle befürchtet. Aktuell ist Lamberty mit der neuen, auf 35 Bände angelegten Friedrich-Kittler-Werkausgabe beschäftigt. Zu Recht ist der Verleger stolz, dass die nachgelassenen Texte, aber auch Schaltungsnotationen und Programmcodes des wohl einflussreichsten deutschen Medientheoretikers bei Merve erscheinen.

Merve Verlag: Zeitgeist in der Manteltasche

Tom Lamberty, 1961 in der westdeutschen Provinz geboren, trieb sich in den Achtzigern in der West-Berliner Alternativszene herum, lernte, was man alles mit Computern anstellen kann und las philosophische Bücher, als er Peter Gente und Heidi Paris, die Betreiber des Merve Verlags, kennenlernte. 1970 hatte Gente, zusammen mit seiner ersten Frau Merve Lowien, einen Verlag gegründet – so wie viele andere im Umfeld der Studentenbewegung.

Merve versorgte Studierende, Spontis und die Avantgarde des Kunstbetriebs über Jahrzehnte verlässlich mit wildem, linken Denken: Furore machte Merve mit den Franzosen, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Félix Guattari, Jean-Francois Lyotard, Paul Virilio und Jean Baudrillard; später ergänzt um Carl Schmitt und Niklas Luhmann. In den achtziger Jahren gehörten Merve-Bände zur obligatorischen Ausstattung eines intellektuell ambitionierten Zeitgenossen, in den Neunzigern las sie, wer als Student auf sich hielt. Erkennungszeichen ist bis heute die von Jochen Stankowski entwickelte Merve-Raute auf dem Cover.

Leipzig: Neustart in der alten Buchstadt

Merve Verleger Tom Lamberty
Merve-Verleger Tom Lamberty Bildrechte: Nils Kahlefendt

Als die unter der Ägide des ersten Kulturstaatsministers Michael Naumann gegründete Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene 2001 erstmals ihren Kurt-Wolff-Preis vergab, war Merve der erste Preisträger. Nachdem Heidi Paris in der Folge eines Suizidversuchs verstorben war, begann Tom Lamberty für den Verlag zu arbeiten – im Brotjob ist er bis heute für den IT-Konzern Cisco Systems tätig.

Nach dem Rückzug von Peter Gente übernahm Lamberty die Leitung bei Merve; als er mit seiner Familie von Berlin nach Naumburg umzog, wurde auch für Merve ein neues Kapitel aufgeschlagen – in der alten Buchstadt Leipzig. Vor allem nach Philipp Felschs großangelegter Studie "Der lange Sommer der Revolte" zur Merve-Geschichte (2015) drohte der Verlag zum eigenen Denkmal zu werden. Lamberty erinnert sich an Kultur-Touristen, die in den Berliner Verlagsräumen Fotos machen wollten: "Das war der Horror! Ich dachte: Bin ich jetzt im Museum?"

Verlag ohne Bürostunden

In der Signatur seiner E-Mails streicht Lamberty das Wort "Verlag" konsequent durch – ein richtiger Verlag, sagt er, war Merve nie. Ein Großteil seiner Arbeit besteht für Lamberty darin, Übersetzer, Herausgeber, Autorinnen und Autoren zwischen Paris, London und Leipzig miteinander zu vernetzen. Geregelte Bürostunden? Fehlanzeige! "Es gibt keine Öffnungszeiten oder dergleichen. Die Öffnungszeit heißt bei mir: Ping mich an!". Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Tom Lamberty auch in Leipzig nicht beschweren, 2020 erhielt der Merve Verlag den Deutschen Verlagspreis. Und auch die Leserinnen und Leser, die sich in den Dschungel der schwierigen Theorie-Texte begeben, wachsen zum Glück immer wieder nach.

Autor Nils Kahlefendt

Nils Kahlefendt, geboren 1962 in Zwickau, studierte Germanistik, Geschichte und Pädagogik in Leipzig, wo er seit 1983 lebt. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor und Journalist für Printmedien, Hörfunk und Kulturinstitutionen; u. a. MDR Kultur, Deutschlandfunk, F.A.Z., Stiftung Buchkunst. Seit 1997 ist er Korrespondent des Fachmagazins Börsenblatt, seit 2008 gehört er dem Kuratorium des Vereins der Hotlist der unabhängigen Verlage an. Seit 2019 ist er Teil des Organisationsteams des Literarischen Herbsts - Leipziger Festival für Literatur.

Programmhinweis

MDR KULTUR – Feature | Tag der Deutschen Einheit
Kein schöner Land
Eine deutsche Spurensuche mit dem Verleger Tom Lamberty
Von Nils Kahlefendt

Sprecher: Max Urlacher, Daniela Hoffmann
Regie: Lykke Langer
Redaktion: Katrin Wenzel
Produktion: MDR 2022 - Ursendung
Sendung: 28.10.2022 | 22:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Kein Schöner Land | 28. September 2022 | 22:00 Uhr

Abonnieren