Lesezeit | 04.04.2022 – 18.04.2022 Henri Alain-Fournier: Der große Kamerad

Henri Alain-Fourniers einziger vollendeter Roman, auch bekannt unter dem Titel "Der große Meaulnes", zählt heute zu den romantischsten Werken der französischen Literatur. Es ist die Geschichte einer tiefen Jugendfreundschaft, die von enttäuschter Liebe, Abenteuern und der Suche nach dem verlorenen Paradies erzählt. Nach dem Ersten Weltkrieg avancierte das Werk zum Kultbuch einer jungen Generation. Es liest Rudolf Jürgen Bartsch.

Der französiche Schriftsteller Henri Alain-Fournier (1886-1914)
Der französiche Schriftsteller Henri Alain-Fournier (1886-1914) Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR
Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 29 min
Bildrechte: imago images/Mary Evans
Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 28 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 29 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 28 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 28 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 29 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 29 min
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Nicolas Duvauchelle (Augustin Meaulnes) & Emilie Dequenne (Valentine) im  Film "Le Grand Meaulnes" (F 2006) nach dem gleichnmigen Roman von Henri Alain-Fournier 29 min
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Am Vorabend des ersten Weltkriegs, im Herbst 1913, erschien Henri Alain-Fourniers (1886-1914) erster und einziger vollendeter Roman "Le Grand Meaulnes" ("Der große Meaulnes", seltener "Der große Kamerad"). Das Debüt fand unmittelbar große Beachtung und kam in die engere Auswahl für den Prix Goncourt. Ein Jahr später, im September 1914, fiel der französische Schriftsteller auf dem Schlachtfeld von Les Eparges, er wurde nur 27 Jahre alt. In der Zwischenkriegszeit erlebte das Werk eine Renaissance, es wurde zum Kultbuch einer jungen Generation und begeisterte so unterschiedliche Autoren wie André Gide, Henry Miller und Klaus Mann.

Der große Meaulnes

Die Geschichte spielt in der nordfranzösischen Provinzstadt Sainte-Agathe in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts. An einem Sonntag im November wird der 17-jährige Augustin Meaulnes von seiner Mutter, einer wohlhabenden Witwe, als Pensionsschüler in die Obhut der Familie Seurel gegeben. Der schweigsame, charismatische Junge zieht die Mitschüler in seinen Bann und wird fortan "Der große Meaulnes" genannt. François Seurel, der kränkliche Sohn des Lehrerehepaars und Erzähler der Geschichte, findet in ihm einen langersehnten Freund.

Eines Tages verschwindet Meaulnes, nachdem er sich heimlich eine Pferdekutsche ausgeliehen hat, um François' Großeltern vom Bahnhof abzuholen, und kehrt drei Tage später in zerzauster Kleidung, verwirrt und übermüdet zurück. Erst nach einigen Wochen berichtet er dem Freund von seinem seltsamen Abenteuer.

Meaulnes hatte sich auf der Fahrt zum Bahnhof verirrt, Pferd und Wagen verloren und war am nächsten Tag zu einem geheimnisvollen Gut gelangt, auf dem ein seltsames Maskenfest gefeiert wurde. Verkleidet hatte er sich unter die Gäste gemischt und war bei einer Kanufahrt einem jungen Mädchen begegnet, in das er sich augenblicklich verliebt hatte. Als das Fest ein jähes Ende fand, war er überstürzt mit anderen Gästen nach Sainte-Agathe zurückgekehrt.

Auf der Suche nach dem verlorenen Land

Seither versucht Meaulnes den Weg zu dem geheimnisvollen Gut, dessen Namen und Lage er nicht kennt, zu rekonstruieren und das schöne Mädchen wiederzufinden. Sein ganzes Streben richtet sich auf diese "Suche nach dem verlorenen Land". Sie führt zu weiteren Abenteuern und Verirrungen und bleibt doch vergebens, denn die Wirklichkeit kann mit dem überhöhten Traumbild nicht mithalten.

Aber wie sollte ein Mensch, der auch nur einen Augenblick im Paradiese geweilt hat, wieder wie alle anderen leben können? Was für andere Glück bedeutet, erschien mir lächerlich, und als ich mich eines Tages in aller Aufrichtigkeit entschloss, genau wie alle anderen zu leben, da sammelte ich am gleichen Tage Gewissensbisse für lange Zeit in mir an …

Henri Alain-Fournier Der große Kamerad

Alain-Fournier erzählt in dieser wehmütigen Geschichte einer Jugendfreundschaft vom Verlust der Kindheit und dem Übergang zum Erwachsensein, von der Sehnsucht nach Abenteuern, Liebe und Glück. Der Roman besticht durch seine poetischen Naturschilderungen und die meisterhafte Verflechtung von Traum und Wirklichkeit.

Der Schriftsteller Henri Alain-Fournier

Henri Alain-Fournier (eigtl. Henri-Alban Fournier) wurde 1886 in La Chapelle-d’Angillon als Sohn eines Lehrerehepaars geboren. Er verbracht seine Kindheit in der Sologne, bis er mit 12 Jahren aufs Internat nach Paris geschickt wurde.

1901 ging er nach Brest um Marineoffizier zu werden, brach diesen Weg aber wieder ab und absolvierte das Abitur in Bourges. Dank eines Stipendiums konnte er ab Herbst 1903 das Lycée Lakanal in Sceaux besuchen, wo er sich auf Aufnahmeprüfungen an einer der Elitehochschulen vorbereitete, die er jedoch nicht bestand. Hier begegnete er seinem langjährigen Freund Jacques Rivière, der 1908 seine Schwester Isabelle heiratete.

Am Himmelfahrtstag 1905 hatte Alain-Fournier in Paris eine flüchtige Begegnung mit einer jungen Frau, Yvonne de Quièvrecourt, die er aber wieder aus den Augen verlor. Zwei Jahre später erfuhr er, dass sie verheiratet und für ihn unerreichbar war. Diese Erfahrung, die ihn in eine tiefe Krise stürzte, inspirierte ihn zu seinem Roman "Le Grand Meaulnes".

Von 1907 bis 1909 absolvierte er seinen Militärdienst und arbeitete anschließend als Sekretär und Literaturkritiker in Paris. Er schrieb Kurzgeschichten, Gedichte und Essays. Von Juli bis November 1913 erschien sein Roman "Le Grand Meaulnes" in fünf Fortsetzungen in der Zeitschrift "La Nouvelle Revue Française", bei der Jacques Rivière als Redaktionssekretär arbeitete. Er begann mit der Arbeit an einem zweiten Roman mit dem Titel "Colombe Blanchet", der unvollendet blieb.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 wurde Henri Alain-Fournier als Leutnant der Reserve eingezogen und fiel am 22. September bei Kämpfen südlich von Verdun. Seine sterblichen Überreste wurden erst 1991 anhand einer Dienstmarke in einem Massengrab identifiziert und auf den Soldatenfriedhof in Saint- Rémy-la-Calonne umgebettet.

Der Sprecher Rudolf Jürgen Bartsch

Rudolf Jürgen Bartsch, geboren 1921, war Schauspieler, Kabarettist, Sprecher und Schriftsteller. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Literatur und Theaterwissenschaft in Mainz. Er war Mitbegründer der Mainzer Zimmerspiele im Haus am Dom, das er zehn Jahre lang leitete, und ab 1960 Leiter der Theaterabteilung des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Er schrieb zahlreiche Rundfunkfeatures, führte Regie und war als Sprecher u.a. in einem der berühmten Paul-Temple-Hörspiele zu hören. Bartsch starb 2000 in Köln.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Henri Alain-Fournier: Der große Kamerad (9 Folgen)

Es liest Rudolf Jürgen Bartsch
Produktion: SWF 1973

Sendung: 04.04.2022 – 18.04.2022 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 04.04.2022 – 18.04.2022 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier 6 Monate zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. April 2022 | 09:05 Uhr

Alle Folgen der Lesezeit zum Hören

Der große Meaulnes
Bildrechte: dtv

Buchtipp Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes

Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes

Übersetzt von Cornelia Hasting und Otfried Schulze
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 978-3423142212
11,90 EUR

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