Ausblick auf neue Saison Annaberg-Buchholz: Was im Eduard-von-Winterstein-Theater 2022/23 gefeiert wird

Mit Goethe wurde das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz vor bald 130 Jahren eröffnet, nach dem Zweiten Weltkrieg stand zuerst Schillers "Kabale und Liebe" auf dem Programm. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit am 10. September 2022 wird ins Jubiläumjahr hineingefeiert. Dann kommt Schillers Drama um Liebe, Intrigen und Politik wieder auf die Bühne. Neben den "Klassikern" verspricht Intendant Moritz Gogg Neuentdeckungen für die Saison 2022/23, die er der Frage nach Menschlichkeit und Toleranz gewidmet hat.

Moritz Gogg, neuer Intendant am Eduard-von-Winterstein-Theater, sitzt im Zuschauerraum des Theaters.
Intendant Moritz Gogg im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz Bildrechte: dpa

Was Menschlichkeit und Toleranz heute bedeuten, fragt die Erzgebirgische Theater und Orchester GmbH in der neuen Spielzeit. Eröffnet wird sie am 10. September 2022 im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz mit einem großen Fest rings um das Haus, das in der nächsten Saison auch sein 130-jähriges Bestehen feiert.

Frage der Spielzeit: "Werden wir menschlich gewesen sein?"

Mit Blick auf das Spielzeit-Motto erklärte Intendant Moritz Gogg am Donnerstag im Gespräch mit MDR KULTUR, er wolle mit allen Programm-Angeboten auf die Bedeutung von Toleranz in der heutigen Zeit aufmerksam machen. Dabei geht es Gogg zufolge einerseits um die Wahl der Stoffe, andererseits aber auch um die Art der Inszenierung, nämlich "um eine ganz eigene Ästhetik".

So bemühe sich das Haus, Stücke auszugraben, "die sich nicht totgespielt haben, sondern die zum Beispiel aus politischen Gründen vom Spielplan verschwanden". Als Beispiel nannte er die Operette "Der reichste Mann der Welt" von Hans Müller, die 1936 in Wien uraufgeführt, als Werk eines jüdische Librettisten aber bald vom Spielplan genommen worden sei. 2021 wurde die Operette von Müller und Benatzky, die gemeinsam bereits 1930 mit "Im Weißen Rössl" einen Hit gelandet hatten, in Annaberg-Buchholz aus der Versenkung geholt. Nicht ohne das Schicksal des Librettisten in der Inszenierung "anzusprechen", wie Gogg betont.

Mozarts "Zauberflöte" und "Andersen"-Musical

Entdeckungen versprach der gebürtige Österreicher auch für die Saision 2022/23. Fünf Uraufführungen und drei deutsche Erstaufführungen, zehn Philharmonische Konzerte und glanzvolle Ballabende stünden auf dem Programm genauso wie Kirchenkonzerte und Lesungen sowie ein breites Angebot im Kinder- und Jugendtheater.

Gepflegt würden Werke des Kernrepertoires wie Mozarts "Zauberflöte". Zu den Musiktheater-Highlights der neuen Saison gehörten neben "Falstaff", einer Oper in zwei Akten von Michael William Balfe auch die Operette "Hopfen und Malz" von Startenor Daniel Behle sowie die Oper "Dorian Gray" nach Oscar Wilde. Auch auf zwei neue Musicals darf sich das Publikum freuen: Die One-Nonnen-Show "Schwester Robert Annes Musical-Kurs" und "Andersen – Ein märchenhaftes Leben" über den dänischen Dichter von "Däumelinchen" oder der "Kleinen Meerjungfrau" feiern in Annaberg-Buchholz Premiere.

Das Eduard-von-Winterstein-Theater.Â
Das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz lädt auch 2022/23 zu Neuentdeckungen. Bildrechte: dpa

Schauspielpremieren: "Ruhe! Hier stirbt Lothar" und "Extrawurst"

Als eine von fünf Schauspielpremieren kündigte Oberspielleiterin Jasmin Sarah Zamani eine Bühnenfassung des gleichnamigen Films "Ruhe! Hier stirbt Lothar" an. Die Tragikomödie war 2021 mit Jens Harzer und Corinna Harfouch in den Hauptrollen im Ersten zu sehen. Darin bekommt Lothar, eher ein Menschenfeind, eine tödliche Diagnose. Nachdem er Wohnung und Besitz aufgegeben und den Hund verschenkt hat, erfährt er im Hospiz, dass sie ein Irrtum war. Statt sich aufs Ende vorzubereiten, muss er nun einen kompletten Neustart hinlegen.

Premiere feiern außerdem "Ein Kind unserer Zeit" nach dem Roman von Ödön von Horváth oder ein Klassiker wie Schillers "Kabale und Liebe". Auf dem Programm steht außerdem die Komödie "Zwei Geister sind einer zu viel" von Noël Coward. Mit dem Schauspiel "Extrawurst" von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob wird die Frage nach der Toleranz an einem urdeutschen Ort, nämlich am Grill verhandelt. Die gut gemeinte Idee, dem einzigen muslimischen Mitglied eines Tennisclubs einen eigenen Rost zu spendieren, um Schweinefleisch-Kontakt zu vermeiden, stürzt den Verein in eine Zerreißprobe.

Angebote für Kinder und Jugendliche: Poetry Slams

Für Kinder und Jugendliche gibt es demnach wieder Angebote wie das Theater im Klassenzimmer, Schultheatertage und Schülerkonzerte oder Poetry Slams. Ebenso sind Einführungen und Publikumsgespräche, ein abwechslungsreiches Programm auf der Studiobühne oder Serenadenkonzerte für den Winter und das Frühjahr 2022/2023 geplant. Wiederaufgenommen wird unter anderem Nick Hornbys Monolog "Nipplejesus", der in der vergangenen Spielzeit in der Manufaktur der Träume zu sehen war und ab April 2023 in der Tetzel-Passage in Annaberg-Buchholz zu erleben sein wird.

Jubiläum: 130 Jahre Eduard von Winterstein-Theater

Der deutsche Schauspieler Otto Gebühr als Friedrich der Groߟe (l) mit Eduard von Winterstein (r) in einer Szene des Stummfilms "Fridericus Rex", 1922.
Eduard von Winterstein (r.) in einer Szene des Stummfilms "Fridericus Rex", 1922 Bildrechte: dpa

Als erstes Theater im Erzgebirge wurde das Haus am 2. April 1893 mit einer Festaufführung von Goethes "Egmont" und Eduard von Winterstein in der Titelrolle eröffnet. Betrieben wurde es zunächst in Spielgemeinschaft mit dem Fürstlichen Hoftheater Gera. 1919 wurde es von der Stadt übernommen. Intendant Hans Heinz Kämpff baute ein eigenes Ensemble auf und versuchte, ein obererzgebirgisches Städtebundtheater zu organisieren. In den folgenden Krisenjahren drohte mehrfach die Schließung. In der NS-Zeit firmierte es ab 1933 unter dem Namen Grenzlandtheater Obererzgebirge. Im September 1944 wurde es kriegsbedingt geschlossen, aber bereits im Mai 1945 mit ersten Konzerten wieder bespielt.

Die erste Nachkriegsspielzeit begann im Juli 1945 mit Schillers "Kabale und Liebe". Nach umfassender Sanierung wurde das neue Haus im Oktober 1981 als Eduard-von-Winterstein-Theater mit Lessings "Emilia Galotti" wieder eröffnet. 1992 wurde ein neues Werkstatt- und Verwaltungsgebäude in Betrieb genommen, 1993 wurde erneut umfassend renoviert. Das Theater verfügt heute über 295 Plätze und eine Studiobühne für maximal 50 Besucher. 1998 wurde das Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters in die Ergebirgische Theater- und Orchester GmbH integriert, in der gegenwärtig 151 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2022 | 13:30 Uhr