Orte der Kreativität Wo Kunst entsteht – so einzigartig sind Ateliers

Von der kleinen Dunkelkammer bis zum großen Malsaal der Theatermalerei: So unterschiedlich wie Kunstwerke sein können, so verschieden sind auch ihre Entstehungsorte. Und während sich viele Kunstschaffende allein in ihr Atelier zurückziehen, arbeiten vor allem Studierende an Kunsthochschulen in gemeinsamen Räumlichkeiten, soweit es in Zeiten der Corona-Pandemie möglich ist. Einblicke in Orte der Kreativität: An der Hochschule für Bildende Künste Dresden, in einer alten Nudelfabrik in Zeitz und mit den Arbeiten der Weimarer Fotografin Sibylle Mania.

Teamarbeit im Großformat: Theatermalerei und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden

Bei den Studierenden der Theatermalerei wird im Großformat gearbeitet. Der mit Farbflecken übersäte Boden ist mit einer Folie abgedeckt, auf der große Stoffbahnen liegen. An den Wänden hängen 3-Meter-Lineale und Pinsel, die in ihrer Dimension wie Besen aussehen. Bis zu 70 Quadratmeter groß sind die Prospekte, wie die Bilder der Theatermalerei genannt werden, damit sie im Theater später auch aus der Ferne wirken. Auf dem dünnen Nesselstoff werden verschiedenste Materialien imitiert. Für das Theaterpublikum entstehen hier Illusionen von Stein, Holz, Metall oder eines Waldes. Vor allem wird hier zusammengearbeitet, die großformatigen Bühnenbilder sind Teamarbeit. "Im Malsaal wird eigentlich immer zusammengearbeitet", erklärt Lea, eine der Studentinnen. "Vor allem, wenn man großen Prospekte malt, die zehn mal sieben Meter sind. Das schafft man alleine nicht gut."

Platz wird auch im Atelier der Kostümbild-Studierenden an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Dresden benötigt. Mannequins tragen unfertige Anzüge und Kleider, mehrere Nähtische stehen bereit, Maßbänder hängen an den Wänden. Studierende haben in ihren Ateliers Kostüme zum Thema "Blühen und vergehen, blühen und zerfallen" entworfen. Kaktus, Artischoke und Birnblüte werden durch ihre Arbeiten menschlich und brauchen Raum, um ihre Pracht entfalten zu können – im Atelier wie auf der Bühne.

Virtuelle Kunst in der Industrieruine: "Authentic Spaces" in Zeitz

Die Wände sind weiß gefliest, davor zwei Computer, ein 3D-Drucker und um einen Tisch samtene Stühle. Industriestrahler, die gegen die Wände leuchten, sorgen für indirektes Licht, Kopfhörer baumeln an provisorisch zusammengeschraubten Stahlrohren. Alles strahlt eine hip-industrielle Atmosphäre aus in dem roten Backsteinbau mit morbidem Industriecharme, in der es nur wenige beheizte Räume, aber viele zerbrochene Fenster gibt. Einen Monat lang haben junge Künstlerinnen und Künstler hier in Zeitz in einer alten verlassenen Nudelfabrik gearbeitet.

"Das ist halt nicht so ein konventioneller Pinsel, dreckige Leinwand-Ateliers, sondern ein bisschen mehr Computer und Technik", sagt Fabian Lehmann. Mit Yannick Harter aus der Gruppe "This is Fake" arbeitet er hier zu virtueller Kunst. So surreal wie ihr Atelier sind auch ihre Kunstwerke, die eine Abschlussausstellung in der Fabrik zeigt. Motive aus der stillgelegten Nudelfabrik blitzen in allen Arbeiten auf, wie ein einbetoniertes Smartphone, ein Fundstück von hier. Beeindruckend sind vor allem die von ihnen geschaffenen virtuellen Welten, die mit der VR-Brille erlebbar werden. In der alten Fabrik treffen so Überreste einer vergangenen Zeit auf moderne Kunst.

"Blicke in 19 Ateliers": Fotoprojekt zu kreativen Arbeitsorten

Für die Weimarer Künstlerin und Fotografin Sibylle Mania liegt Ateliers ein ganz besonderer Zauber inne. Und so hat sie vor ein paar Jahren angefangen, sie zu fotografieren. Daraus ist ein Bildband geworden, "Blicke in 19 Ateliers", erschienen vor kurzem im Arnoldsche Verlag. Zu sehen sind ruhige, etwas entrückte schwarz-weiß-Bilder, auf denen immer nur die Räumlichkeiten zu sehen sind – und nicht die normalerweise darin arbeitenden Menschen.

Beispielhaft lässt sich an der Künstlerfamilie Möhwald ablesen, wie komplett unterschiedlich Ateliers aussehen können: Das Atelier des Vaters Otto Möhwald (früher Malerei-Professor an der Burg Giebichenstein in Halle) wirkt hell, leer und in seiner Aufgeräumtheit geradezu streng. Ein paar Pinsel sind zu sehen, ein Spiegel, ein Stuhl, eine Staffelei. In Sohn Martin Möhwalds Keramikwerkstatt dagegen herrscht fürs ungeübte Auge heilloses Chaos, Materialien und fertige Objekte stapeln sich wild auf Tischen und in Regalen, teilweise bereits überzogen von Spinnenweben. Für Sibylle Mania eine umso spannendere Szenerie. Sie sagt, man könne aus solchen Arbeitsorten viel über die Kunst der jeweiligen Personen lernen. Ateliers können ausufernde Gesamtkunstwerke sein oder nüchterne Arbeitsorte – das merkt man beim Durchblättern des Buches.

Mehr Atelierbesuche

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Genius loci - Wo Kunst entsteht" | 27. November 2020 | 18:05 Uhr