Aktion in Bad Berka Zweites "Seuchenparlament": Corona-Spaltungen im Dialog überwinden

Beim "Seuchenparlament" im thüringischen Bad Berka treffen ganz gewöhnliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen zum Thema Corona und Impfen aufeinander, bereits zum zweiten Mal. Was sie eint, ist der Wille, eine mögliche gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. Dazu wollen sie ins Gespräch kommen. Mit einfachen Regeln: Zuhören, Ausredenlassen – und manchmal eine Pause machen.

Zwei Menschen sitzen auf Stühlen voreinander und schreiben auf Zettel.
In verschiedenen Konstellationen werden Befindlichkeiten und Ansichten ausgetauscht Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Obwohl die meisten Corona Beschränkungen in absehbarer Zeit aufgehoben werden - und der Krieg in der Ukraine das Problem eigentlich relativiert haben sollte -, sind die Corona-Demonstrationen immer noch sehr gut besucht. Meist richtet sich der Protest jetzt gegen eine geplante Impfpflicht.

Die gegensätzlichen Positionen ziehen sich quer durch die Gesellschaft, durch Familien, Freundeskreise, Vereine. Aber es mehren sich auch die Stimmen, die auf eine Versöhnung drängen.

Nun gibt es eine Veranstaltungsreihe, die sich "Seuchenparlament" nennt, und genau diesem Gedanken, dem Austausch und der Versöhnung verpflichtet ist. Am vergangenen Freitag ging es bereits in die zweite Runde in Bad Berka, einer Kleinstadt knapp 20 Kilometer südlich von Weimar.

Unterschiedlichste Meinungen im Austausch zu Corona

Entwickelt wurde die Idee von Nikolaus Huhn aus Weimar, den man in diesem Zusammenhang durchaus als Aktionskünstler bezeichnen kann. Das ist schon an dem provokanten Namen des Veranstaltungsformates "Seuchenparlament" abzulesen.

Mehrere Menschen sitzen auf Stühlen einender gegenüber und unterhalten sich in einer Halle.
Der Titel "Seuchenparlament" ist eine augenzwinkernde Überspitzung. Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Huhn räumt zwar ein, mancher würde behaupten, dass Corona gar keine Seuche sei und die Veranstaltung auch nicht sehr demokratisch. Denn das Procedere ist so, dass man sich für eine Teilnahme bewerben muss und dann von den Organisatoren nach einer Kontaktaufnahme ausgewählt wird. Es sollen auf jeden Fall Teilnehmer dabei sein, die das ganze Meinungsspektrum repräsentieren, das sich zum Thema Corona in den letzten zwei Jahren herausgebildet hat.

Gesellschaftliche Spaltungen überwinden

Im Saal des Zeughauses in Bad Berka tagte das "Seuchenparlament" bereits zum zweiten Mal. Knapp zwanzig Stühle waren im Kreis aufgestellt, auf einem Hocker in der Mitte lag das Mikrofon. Alle Teilnehmer kamen mit durchaus ähnlichen Erwartungen. Auch sie sehen in der Spaltung der Gesellschaft eine unglückliche Entwicklung, die nach Möglichkeit zu überwinden ist.

Methodisch setzt der Abend auf verschiedene, zum Teil spielerische Gesprächsformen. Die wichtigsten sind das Ausredenlassen, das Zuhören – und die Pausen. Erstrebenswert ist ein langsames, aber gemeinsames Denken, gerade auch bei unterschiedlichen Positionen.

Zwischendurch tief durchatmen

In der Aufwärm- und Kennenlernphase erzählte jeder geradezu assoziativ, was ihm zu den letzten beiden Jahren einfällt, was ihn bewegt hat. Alle waren gutwillig, vorsichtig.

Nach der Pause dann wurde mit gegensätzlichen Begriffspaaren gearbeitet wie Freiheit und Sicherheit, Vertrauen in die Wissenschaft oder nicht, Zweifel oder Zuversicht. Jeder sollte seine Position begründen, musste aber auch versuchshalber die Gegenposition einnehmen. Die Betriebstemperatur stieg zusehends und als dann noch das Thema Impfen aufkam, mussten Huhn und seine Co-Moderatorin immer mal wieder alle tief durchatmen lassen.

Gegenseitiges Verständnis suchen

Man kann das, was hier stattgefunden hat, als eine Initialzündung verstehen, als einen Versuch, verschiedene Ansichten, verschiedene Erfahrungshintergründe ins Gespräch zu bringen und vor allem ins gegenseitige Verständnis.

Einer der Teilnehmer stammt hier aus Bad Berka. Die Kleinstadt hat kaum 8.000 Einwohner und doch treffen sich auch hier seit einiger Zeit Menschen zum montäglichen Spaziergang. Der junge Mann war von dieser sichtbaren Entfremdung und Zuspitzung sehr bewegt. Er hatte bereits am ersten Termin des "Seuchenparlamentes" teilgenommen und hat sich dann in der darauffolgenden Woche mit dem Bürgermeister von Bad Berka vor das Rathaus gestellt und mit den Spaziergängern geredet. Der Tenor bei den Demonstranten war: "endlich traut sich mal jemand".

Am 4. März fand die zweite Zusammenkunft des "Seuchenparlamentes" in Bad Berka statt. Nachfolgetermine soll es auch an anderen Orten geben: in Bautzen und Weimar, Jena und Lobenstein.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon, das von einem Mann gehalten wird.
Der offene Austausch erzeugt Verständnis oder zumindest Anerkennung unterschiedlicher Positionen. Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. März 2022 | 13:10 Uhr

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