Kritik Premiere von "Der Reichsbürger" am Theater Bautzen: Wie verführbar sind wir?

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen hat am 19. Januar ein Stück Premiere gefeiert, dessen Titel bereits Aufmerksamkeit erregt: "Der Reichsbürger" – ein vielbeachtetes Theaterstück in der Regie von Stefan Wolfram, uraufgeführt im Jahr 2018 in Münster. Die Inszenierung widmet sich nach Aussage des Autorenduos, Annalena und Konstantin Küspert, unter anderem der Verbindung rechter Positionen und linker Lebensweise und fragt: Wie viel "Reichsbürger" steckt eigentlich in uns? Eine Theaterkritik.

Redner auf dem Pult: Der Reichsbürger 8 min
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8 min

MDR KULTUR Theaterredaktuer Stefan Petraschewsky über die Premiere von "Der Reichsbürger" am Deutsch-Sorbischen Theater Bautzen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 20.01.2022 12:00Uhr 07:39 min

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Eigentlich ist es ein Vortrag: Der Intendant lädt einen Reichsbürger ein, und der darf im Theater einen Vortrag halten. Das ist hier die Grundkonstellation im Stück. Ein Stück, das im Februar 2018 uraufgeführt wurde, also vor vier Jahren. Am Theater in Münster. Im Westen. In Nordrhein-Westfalen. Ist es damit auch ein Stück, das in die Jahre gekommen ist? 2018 waren Reichsbürger noch nicht so präsent wie heute. Ihre Ansichten damit auch noch nicht so bekannt. Das war meine Befürchtung, dass hier Eulen nach Athen getragen werden. War dann aber nicht der Fall. Der Text funktioniert sehr gut. Funktioniert aktueller denn je.

Ideologischer Monolog eines Reichsbürgers

Das Stück ist ein langer Monolog. Rund 70 Minuten lang. Ein Ein-Personen Stück. Die Hauptfigur ist Wilhelm S., Elektriker und Hundefreund. Er kommt am Anfang auf die Bühne und sagt, er möchte besagten Vortrag halten. Er sei eingeladen worden vom Intendanten und der Chefdramaturgin, die dann auch mit Namen genannt werden: Lutz Hillmann und Eveline Günther. Das Stück spielt also mit der realen Situation vor Ort. Zu Beginn spricht Wilhelm S. das Publikum direkt an, fragt, ob wir frei seien? Aber seine Meinung eigentlich steht schon fest: natürlich nicht.

Redner auf dem Pult: Der Reichsbürger
"Der Reichsbürger" am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen wird von Marian Bulang gespielt. Bildrechte: Miroslaw Nowotny

Er will uns den Weg in die Freiheit zeigen. Dazu holt er weit aus und trägt die Argumente der Reichsbürger vor: dass die Bundesrepublik Deutschland gar nicht existiere, weil sie im Handelsregister der USA als GmbH eingetragen sei. Dass der Personalausweis gar nicht den gesetzlichen Vorgaben entspräche und deswegen ungültig sei. Dass das Deutsche Reich fortbestehe, weil wir immer noch ein besetztes Landes seien – siehe Airbase Rammstein. Dass immer noch die Haager Landkriegsordnung gelte und jedermann das Recht habe, sich unabhängig zu erklären und sein Grundstück unter Selbstverwaltung zu stellen.

Intendant Lutz Hillmann interveniert

Rhetorisch ist das gut gemacht. Oft gibt sich der Reichsbürger selbstkritisch, übernimmt die Perspektive des Publikums, sagt: "Das kommt Ihnen jetzt komisch vor, Sie denken, ich bin ein Spinner, aber hören Sie doch noch mal zu, denken Sie nach. Lassen Sie sich darauf ein." Am Ende markiert der Reichsbürger den Zuschauersaal samt Bühne als unabhängiges Gebiet – zieht ein gelbes Absperrband um Stuhlreihen und Vorbühne.

Theater Bautzen: "Die Reichsbürger"
"Der Reichsbürger" Wilhelm S. fordert das Publikum auf, neue Ausweise von ihm anzunehmen. Bildrechte: Miroslaw Nowotny

Er stellt es damit unter Selbstverwaltung und lässt abstimmen, ohne – schon wieder – richtig zuzuhören: Monarchie oder Republik? Gleichheit von Mann und Frau? Wehrpflicht? Asylrecht? Das sind ein paar Punkte – und der Reichsbürger weiß schon, was er will und lässt nicht lange mit sich reden. Einfach weiter und durch. Und dann erklärt er uns zur verfassungsgebenden Versammlung und das Ganze zur neuen Verfassung und fordert die Zuschauer auf, ihr Geld sicher anzulegen: in Staatsanleihen – "bei mir", im "Freistaat Wilhelmsburg".

Damit ist die Katze aus dem Sack, wenn man das befreiende Lachen des Publikums an dieser Stelle hinzurechnet. So läuft der Hase also. Da wird also auch nur mit Wasser gekocht. Business as usual, nur auf reichsbürgerisch! Oder? Dann fordert Wilhelm S. noch auf, neue Ausweise von ihm anzunehmen, er habe da etwas vorbereitet. Und die alten Ausweise wegzuwerfen. Doppelte Staatsbürgerschaft sei keine Option.

Lutz Hillmann
Am Ende des Stücks ergreift Intendant Lutz Hillmann im Stück "Der Reichsbürger" das Wort. Bildrechte: imago images/Steffen Unger

Unter dem Jackett trägt der Reichsbürger übrigens eine Pistole. Die sieht man vorher nicht. Wie bei Mackie Messer. Um "Wilhelmsburg" zu verteidigen, müsse man sich schließlich bewaffnen! Geht ja nicht, dass plötzlich sogenannte "Beamte" der "BRD GmbH" Zutritt zum souveränen Staatsgebiet verlangten! Kurz und gut: es schaukelt sich auf, wird immer absurder. Am Ende ergreift Lutz Hillmann das Wort, der Intendant, der im Publikum sitzt, und wirft den Reichsbürger aus dem Theater raus. So wird der Vortrag hier beendet. Großer Applaus am Ende.

Inszenierung will Reichsbürger nicht denunzieren

Der Reichsbürger steht im Anzug mit rotem Einstecktüchlein und Krawatte auf der Bühne. Die Haare auffällig nach hinten geföhnt. Eine Mischung aus Hermes und Mephisto, könnte man denken. Vom Anzug aber eher Typ Politiker oder wie jemand aus der Wirtschaft. Vom Äußeren also harmloser als das Innere ahnen lässt. Das ist wohl die Botschaft. Gut gedacht von Katharina Lorenz, die Bühne und Kostüm verantwortet.

Das Bühnenbild passt zur Grundidee des Vortrags, zu dem der Intendant eingeladen hat. Rednerpult und Clubsessel aus Leder für den gemütlichen Teil auf der ansonsten leeren Bühne. Wo sollte auch ein Bühnenbild herkommen? Wilhelm S. sitzt dann breitbeinig da: machohaft, siegesgewiss. Feine Botschaften, die hier auf der körpersprachlichen Ebene markiert werden. Wie auch der erste sichere Moment, wo Wilhelm S. das Jackett aufknüpft und denkt: So, jetzt hat der Fisch angebissen!

Theater Bautzen: "Die Reichsbürger"
"Der Reichsbürger" mit Anzug, Krawatte und rotem Einstecktüchlein. Bildrechte: Miroslaw Nowotny

Man merkt auch schnell: Diesen Vortrag hält der Reichsbürger nicht zum ersten Mal. Er weiß mit der Situation umzugehen. Er weiß, wie man sich ans Publikum ran robbt. Marian Bulang spielt das alles präzise. Glaubwürdig. Viele Zwischentöne. Und hat auch das Publikum immer im Blick. Er achtet auf die Reaktion, ist sehr konzentriert und hat 20 Seiten Text im Kopf. Hut ab!

Stefan Wolfram, der Regisseur, sagt nach der Premiere, dass es ihm wichtig gewesen sei, die Figur nicht zu denunzieren, sich nicht über sie lustig zu machen, sonst würde sie an Glaubwürdigkeit verlieren. An Bedrohlichkeit. Klar! Seine Regie ist passend, ist genau. Sie setzt vor allem auf den Text und die Figur.

Frieden, Freiheit, keine Diktatur?

Bleibt die Schlussfrage nach dem Publikum. Bautzen ist häufig in den Medien wegen sogenannter Corona-Spaziergänger, die auch gerne mal Polizisten attackieren, Böller auf sie werfen, Spiegel am Einsatzfahrzeug kaputttreten. Es gab vor kurzem die Diskussion um ein Bismarck-Denkmal, das wieder aufgebaut werden sollte.

Protestierer rangeln mit Polizisten bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen
Protestierende rangeln mit Polizisten bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Bautzen. Bildrechte: dpa

Harmlose Erinnerung oder politisches Statement gegen Vielfalt und Toleranz? Leute stehen mit Reichskriegsflagge an einer Bundesstraße und demonstrieren gegen eine Diktatur, die es ihrer Meinung nach gäbe?! Es gab in Bautzen ein umgebautes Hotel, dass Geflüchtete aufnehmen sollte und dann in Brand geriet. Man könnte also denken: Wenn Reichsbürger, dann in dieser Ecke. Was will da die Inszenierung?

Interesse ist jedenfalls da. Die Premiere war ausverkauft. Und es gilt auch hier die grundsätzliche Verabredung: Ich kaufe eine Karte und bekomme ein Stück Fiktion. Und genau diese Verabredung gibt natürlich auch einen Schutz. Der Zuschauer hat die Möglichkeit, den Argumenten des Reichsbürgers zuzuhören: Entspannt. Angstfrei.

Redner am Pult: Der Reichsbürger
Die Premiere von "Der Reichsbürger" war ausverkauft. Bildrechte: Miroslaw Nowotny

In diesem Spielraum, in dem man Dinge ausprobieren darf, ohne dass es schon Realität wäre. Und natürlich ging es auch mir so – ist man dann die ganze Zeit dabei zu versuchen, in diesen Text reinzukommen, zwischen die Zeilen, zwischen die Argumente. Was würde ich an dieser Stelle sagen, was würde ich den Argumenten entgegnen? Es klingt ja auch erstmal überzeugend. Wo ist die Grenze? Wo kippt das Ganze? Wenn am Ende die Parallelwelt im Spiel ist?

Theater Bautzen macht Angebot zum Diskurs

Sehr passend: Vor der Premiere nutzte einen Sportverein die Gelegenheit, auf dem Theatervorplatz Yoga zu machen. Den Körper zu trainieren. Natürlich auch Werbung. Der Firmenwagen stand mit Beschriftung gleich daneben. Im Theater fast der gleiche Vorgang. Werbeveranstaltung für die Reichsbürger. Und Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen da und trainieren ihren Kopf, machen ihn fit. Die Inszenierung ist eine gute Gelegenheit, sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen. Das Theater in Bautzen macht ein Angebot für die Gesellschaft, für den Diskurs. Gut, dass die Theater endlich wieder spielen dürfen!

Mehr Informationen zur Inszenierung "Der Reichsbürger"
von Annalena und Konstantin Küspert
Regie: Stefan Wolfram
Ausstattung: Katharina Lorenz
Dramaturgie: Eveline Günther
Dauer: 75 Minuten ohne Pause

Deutsch-Sorbisches Volkstheater
Seminarstraße 12, 02625 Bautzen
Großes Haus, Hauptbühne

Termine:
30.01.2022 um 19:30 Uhr
03.02.2022 um 19:30 Uhr
05.02.2022 um 19:30 Uhr
12.03.2022 um 19:30 Uhr
01.04.2022 um 19:30 Uhr
10.04.2022 um 15 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2022 | 12:10 Uhr

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