"Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" Bautzen: Wenn ein Stück über die Liebe zum Kommentar des Ukrainekrieges wird

Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die Premiere zunächst verschoben, jetzt kommt "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" in eine neue Zeit. Es geht um die Liebe, mit all ihren Licht- und Schattenseiten – der tieferliegende Kern des Stückes geht jedoch weit darüber hinaus. Durch den Ukrainekrieg hat er eine neue, aktuell-politische Dimension erhalten. Und aus einer bitteren Gesellschaftskomödie wird ein Plädoyer für einen besseren Umgang der Nationen miteinander.

Das Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" hat im Original 20 Szenen, bei der Inszenierung in Bautzen sind es 15, es bleiben aber alles Szenen, die das Thema Liebe durchdeklinieren.

Die Situationen in den Szenen ist dabei immer zugespitzt, die dramatischsten Momente wie ausgeschnitten und hintereinandergefügt. Und die Botschaft des Textes ist schnell klar: Es geht um uns Menschen, die wir nicht fähig sind, miteinander zusammenzuleben. In Beziehung zueinander zu bleiben. Das Miteinander bleibt auf der Strecke, weil wir selber das verhindern – oder die Umstände, in denen wir leben.

Ein Kuss für einen Atomkrieg?

Einmal geht es um die Hochzeit, das Standesamt. Auf der Bühne sind der künftige Ehemann, seine künftige Gattin und ihre Schwestern. Quasi im letzten Moment kommt peu à peu heraus, dass der Mann alle Schwestern geküsst hat. Wohl auch mehr. Der Gatte soll der Gattin nun seine Liebe "beweisen". Und die absurde Frage steht plötzlich im Raum, ob ein falscher Kuss einen "Atomkrieg" auslösen kann.

Fünf lachende Schauspielerinnen
Wieviele Frauen darf ein Bräutigam küssen? Bildrechte: Uwe Soeder

Die Liebe nicht verstanden

In einer anderen Szene geht es um einen Geistlichen, der seit zehn Jahren eine Beziehung zu einer Prostituierten hat. Jetzt habe er die Frau fürs Leben gefunden, sagt er, und will seine bisherige Beziehung für zehn Jahre "Verdienstausfall" entschädigen. Er begreift nicht, dass es hier gar nicht um Geld ging, sondern um Liebe. Trotz aller Fürsorge und eines liebevollen Tons ist er nicht in der Lage, einen Perspektivwechsel vorzunehmen.

Es gibt eine Szene, die zeigt einen Lehrer in einer Art Verhörsituation. Er soll seinen Schüler in seinem Bett haben schlafen lassen. Die Eltern sind entsetzt. Ist das Missbrauch von Schutzbefohlenen? Oder Empathie mit einem Gehänselten? Es bleibt in der Schwebe.

Wenn die Liebe vergessen wird

Es gibt auch die Szene – vielleicht die schönste am Abend – zwischen einem alten Ehepaar. Problem: Sie ist dement, im Pflegeheim, und kann sich gar nicht mehr an ihr Leben, an ihre gemeinsamen Kinder erinnern. Täglich grüßt das Murmeltier. Beim Besuch des Gatten fällt der stückgebende Satz, wenn er sich an den Moment des Kennenlernens erinnert: "Es war perfekt. Wir waren wie zwei Hälften, die sich verloren hatten. Es war, als wenn Nordkorea und Südkorea ihre Grenzen öffnen und sich wiedervereinigen würden. Es war ein Fest!"

Krieg als aktueller Denkraum

Und es gibt eine Szene – die bitterste am Abend – da zieht der Sohn in den Krieg. Die Mutter will das nicht. Der Vater soll ihn aufhalten. Aber der ist stolz auf dessen Mut und Willenskraft. Worauf die Mutter ein Ultimatum stellt: "Wenn du nichts unternimmst, um unseren Sohn zu retten, dann verlierst du mich für immer." Der Mann fragt: "Sind das deine Waffen?" Die Frau antwortet: "Ja, sieht so aus, als wäre Krieg zwischen uns ausgebrochen."

Mehrere Schauspieler schauen in eine Richtung
Trotz aller Leichtigkeit schlummert in dem Stück eine teife Dramatik Bildrechte: Uwe Soeder

Bei diese Szene hätte man zur Uraufführung 2013 wohl eher den Islamischen Staat im Hinterkopf. Heute ist es die Ukraine, die wir mitdenken (müssen). Gut ist aber, dass Regisseur Stefan Wolfram das alles offen lässt, in der Schwebe hält. Durch diese Abstraktion gibt es einen eigenen Denkraum, Spielraum für das Publikum.

Bühnenbild: Wenn Schnee zu Blut wird

Statt auf Naturalismus setzt Wolfram auf Abstraktion. Schon im Bühnenbild von Katharina Lorenz. Die leere, schwarze Bühne. In der Mitte steht eine Art Glaswürfel 4 x 4 Meter, eine Art verdichteter Innenraum, der hier und da bespielt wird. Kurz nach Beginn fällt roter Bühnenschnee, vielleicht auch Rosenblätter. Technisch betrachtet ist diese Schneemaschine ein Netz, das im Schnürboden über die gesamten Bühnenbreite an zwei Stangen aufgehängt ist. Wenn man diese Stangen leicht nach oben und unten bewegt, fallen die Schneeschnipsel heraus. Hier werden die Stangen samt Netz und Schnee sichtbar nach unten gefahren und komplett ausgekippt, so dass ein richtiger roter Schneeberg entsteht.

Am Ende – Stichwort: der Sohn zieht in den Krieg –  ist der Schnee natürlich auch Blut. Und sieht in der nächsten Szene mit einem Lichteffekt aus wie Glut, wie Holzbalken und Schutt nach einem Bombenangriff. Regisseur Stefan Wolfram setzt auch hier auf Abstraktion und starke Zeichen. Auch in den Kostümen sind die jeweiligen Rollen eher zeichenhaft markiert und alles andere als naturalistisch, individuell ausgestaltet. Auch das also schlüssig und passend zur Regieidee.

Inszenierung setzt auf die Schauspieler

Die Schauspieler kommen mit diesem Setting der Regie am Ende gut zurecht. Es ist eine runde Ensembleleistung. Eine Inszenierung, die vor allem auch auf die Schauspieler setzt. Allerdings braucht der Motor etwas Zeit, um warm zu laufen.

Unterm Strich ist es ja ein ernstes Thema, das hier mit Witz und Komik daherkommt. Komik, Lachen bleiben aber im Halse stecken, weil wir uns hier selbst erkennen. Am Anfang fehlte den Schauspielern noch ein wenig das Vertrauen: Die Hingabe an einen Stil, der dann konsequent durchgehalten wird. Es gab ein paar Fluchtgesten Richtung Sommertheater, die aufgesetzt witzige und eingeübte Geste. Vermutlich spielt sich das noch ein und zurecht, sonst wäre das ein Wermutstropfen.

Eine Frau steht in einem großen, quadratischen Kasten mit halbtransparenten Fenstern, darum stehen andere Schaispieler
Das Bühnenbild ist einfach gehalten aber wirkungsvoll Bildrechte: Uwe Soeder

Gut auch, dass der Abend eine klare Gesamtchoreografie hatte. Es geht immer um die ganze Gruppe, fünf Frauen und fünf Männer. Und die Beziehungen in dieser Gruppe, aus der dann für die einzelnen Szenen mit zwei, drei, vier Leute heraus treten.

Oft bleiben die anderen auf der Bühne sitzen, gucken zu. Bleiben also involviert. Ganz so wie Atome oder Elementarteilchen, die sich anziehen und abstoßen, in unterschiedlichen Konstellationen miteinander reagieren.

Neben Worten auch Tanz und Musik

Regisseur Wolfram beherrscht die Kunst der Übergänge. Es gibt auch kleine Choreografien zu Kammermusikstücken, die zwischen den Szenen manchmal eingespielt werden. Dann tanzen die Schauspieler miteinander, kommen sich also nahe. Musik statt Worte. Die Idee ist gut, die choreografische Umsetzungen aber nicht so gelungen. Sie wirkte aufgesetzt und bemüht.

Neben diesen Choreografien gibt es aber auch ein paar mehrstimmige Volks- und Liebeslieder, die Tasso Schille, der Leiter der Bühnenmusik in Bautzen, mit dem Ensemble einstudiert hat. Das ist eine harmonische, poetische Ebene, die das utopischen Moment vorstellt. Sauber einstudiert und eindrucksvoll als Kontrapunkt zu all dem Hickhack! Es geht also auch anders!

Subtiler Kommentar zum Ukrainekrieg

Ich hatte mit vor der Premiere die Frage gestellt, ob der Intendant vor den Vorhang tritt und ein paar Worte zum Krieg in der Ukraine sagt. Statements gehören ja derzeit zum guten Ton. Hier ist es nicht so.

Stattdessen ein starkes Schlussbild. Alle zehn Schauspieler liegen verteilt im roten Schnee, in diesem Blut, in dieser Glut. Jeder hat eine kleine Rauchpatrone dabei, die er oder sie dann zündet. Es sieht aus wie verkohlte Leichen. Dazu wird links am Bühnenportal ein blaues Rechteck projiziert, rechts ein gelbes. Die Farben der Ukraine. Aber auch die Farben von Bautzen. Krieg also einerseits und andererseits vielleicht auch die sogenannte Spaltung der Gesellschaft hierzulande, die inzwischen wie ein Luxusproblem wirkt. Mehr braucht es nicht. Das Stück in seiner Art ist selbst ein Kommentar zum Ukrainekrieg. Subtil und umso passender.

Die Aufführung "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas"

von Joël Pommerat
aus dem Französischen von Isabelle Rivoal

Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen/Němsko-Serbske ludowe dźiwadło Budyšin
Seminarstraße 12, 02625 Bautzen

Regie: Stefan Wolfram
Ausstattung: Katharina Lorenz
Musik: Tasso Schille
Choreographie: Gundula Peuthert

Termine
04. März 2022, großes Haus, Hauptbühne, Premiere
13. März 2022 | 15:00 Uhr | großes Haus, Hauptbühne
18. März 2022 | 19:30 Uhr | großes Haus, Hauptbühne
20. März 2022 | 19:30 Uhr | großes Haus, Hauptbühne
21. April 2022 | 19:30 Uhr | großes Haus, Hauptbühne
12. Mai 2022 | 19:30 Uhr | großes Haus, Hauptbühne

Darsteller:
Katja Reimann, Fiona Piekarek-Jung, Gabriele Rothmann, Maja Adler, Larissa Ruppert, Alexander Höchst, Marian Bulang, Niklas Krajewski, Frank Schilcher, Ralph Hensel

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. März 2022 | 16:40 Uhr

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