Premiere Dürrenmatts "Die Physiker" am Spinnbau Chemnitz: zu brav, zu bieder

Friedrich Dürrenmatts Komödie "Die Physiker" zählt zu den viel gespielten Stücken auf unseren Bühnen. Ein Stück über die ethischen Fragen der Wissenschaft, genau 60 Jahre alt, geschrieben vor dem Hintergrund des Kalten Krieges mit seiner atomaren Bedrohung. Am Samstag hatten "Die Physiker" Premiere im "Spinnbau", der Ausweichspielstätte des Schauspiels Chemnitz. Eine Kritik.

Szene aus "Die Physiker" am Theater Chemnitz
Die Komödie "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt ist ein zeitloser Klassiker – in Chemnitz allerdings kommt sie eher altbacken daher. Bildrechte: Dieter Wuschanski

Seit ein paar Tagen wissen wir, dass das Chemnitzer Schauspiel bis 2026 im Gebäude des ehemaligen VEB Spinnmaschinenfabrik zuhause sein wird. So lange wird die Sanierung des Theaters dauern. Der Spinnbau ist eine gute Lösung, das Gebäude strahlt einen enormen Charme aus: mit einem Flair von Industriegeschichte im Eingangsbereich, an der Bar und im Hauptfoyer. Mit denselben Deckenlampen, die auch im Palast der Republik leuchteten.

Zeitlose Fragen

Friedrich Dürrenmatts Komödie "Die Physiker", geschrieben 1962, passt auf den ersten Blick perfekt in das Ambiente des Spinnbaus. Obwohl die Fragen, die Dürrenmatt darin stellt, zeitlos sind. Es geht darum, ob es ethisch vertretbar ist, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die in den falschen Händen beispielsweise zum Bau einer Atombombe verwendet werden können.

Einer der Protagonisten des Stückes, der Physiker Möbius, spielt der Welt (sogar seiner Frau) vor, er sei verrückt. Sogar der König Salomo sei ihm erschienen. Damit will er verhindern, dass seine Forschungsergebnisse missbraucht werden. Er will sie geheim halten, sie sogar vernichten.

Im Laufe des Stückes stellt sich dann heraus, dass zwei andere Insassen der Heilanstalt, ebenfalls Physiker, ausländische Agenten sind, die Möbius seine Geheimnisse entlocken und ihn gar entführen wollen. Selbst die Leiterin der Anstalt, Mathilde von Zahnd, verfolgt in Wahrheit nur den Plan Möbius' Forschungen zu stehlen und zu vermarkten. Es kommt, wie es kommen musste, wie Möbius selbst es befürchtet hat: "das einmal Gedachte kann nicht mehr zurückgenommen werden". Die Atombombe ist schließlich auch erfunden worden. Die Fragen, die Dürrenmatt stellt, gelten auch heute noch.

Schönes Bühnenbild

Das macht die Inszenierung deutlich, ganz ohne das Stück zu aktualisieren. Sie nennt weder Ort noch Zeit. Die Szene ist eine psychiatrische Klinik. Wir schauen auf einen Gemeinschaftsraum – ein schönes Bühnenbild von Regisseur Malte Kreutzfeldt: Links und rechts sind zahlreiche Türen, auf der Hinterbühne ein verspiegelter Raum, aus dem die Physiker überwacht werden. Das alles kann 1962 spielen oder heute, man weiß es nicht.

Szene aus "Die Physiker" am Theater Chemnitz
Das Bühnenbild stammt von Regisseur Malte Kreutzfeldt. Bildrechte: Dieter Wuschanski

Die Regie konzentriert sich textgetreu auf die Handlung, in der zunächst jeder der drei Physiker eine Krankenschwester umbringt – die Gründe erfahren wir erst gegen Ende des Abends. Ein Kommissar scheitert an den Ermittlungen, weil die Täter offenbar Verrückte sind, die sich für Einstein und Newton und Möbius halten. Dabei geht es komisch zu, es wird gelacht, es ist eine Komödie. Aber es gibt nichts, was in irgendeiner Weise vom Text abweicht. Keine Anspielungen in Text, Musik, Bühne oder den Kostümen. Das Ganze wirkt fast schon museal.

Ein bisschen Klamauk

Wie toll das sein kann, war kürzlich in einer Tschechow-Inszenierung in Halle zu erleben: "Der Kirschgarten", da ging das aufs Wunderbarste auf. "Die Physiker" sind allerdings beinahe schmerzhaft konventionell. Es gibt viele kleine Regie-Ideen, ein bisschen Klamauk, als der Kommissar auftritt, aber insgesamt wirkt der Abend ziemlich antiquiert.

Eine moderne Interpretation des Stückes ist nicht zu erkennen. Auch mit der schönen symmetrischen Bühne mit ihren vielen Türen links und rechts wird wenig gespielt. Die Texte wirken aufgesagt, was vielleicht auch dem Festsaal in der Ausweich-Spielstätte geschuldet ist. Der ist eben kein Theatersaal. Dennoch: bis zur Pause sind diese "Physiker" zu brav, zu bieder.

Sehr altbacken

Danach kommt kurz ein bisschen Schwung in den Abend, als der Kommissar verzweifelt aufgibt und mit der letzten der ermordeten Krankenschwestern einen Walzer tanzt. Eigentlich die schönste Szene des gesamten Abends, in der Andrea Zwicky und Marko Bullack wirklich mal (kurz) aufspielen.

Grundsätzlich ändert sich nichts an der Haltung der Inszenierung. Regelrecht hilflos wirkt, dass dauernd alle mit Waffen aufeinander zielen, einmal knallt sogar eine Handgranate oder Blendgranate, dann zischt Nebel auf die Bühne – das ist selten ein gutes Zeichen, wenn es knallen muss auf der Bühne. Zum Ende hin debattieren die drei Physiker – nun nicht mehr als Irre – miteinander über ethische Fragen. In Malte Kreutzfeldts Inszenierung wirkt das beinahe wie klassischer Frontalunterricht, sehr altbacken.

Szene aus "Die Physiker" am Theater Chemnitz
Die Inszenierung hat ihre komischen Momente, der große Jubel jedoch blieb aus. Bildrechte: Dieter Wuschanski

Die Botschaft des Stückes kommt zwar an, wirkt aber angesichts der aktuellen Weltlage in dieser Inszenierung fast ein bisschen zweitrangig oder zumindest theoretisch. Zwei insgesamt recht biedere Stunden, der ganz große Jubel ist ausgeblieben. Am besten aufgegangen sind die komischen Momente, die das Stück bietet. Ganz sicher wird der Spinnbau in den nächsten Jahren frischere Premieren als "Die Physiker" erleben.

Weitere Informationen "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt
Spinnbau, Chemnitz

Regie und Bühne: Malte Kreutzfeldt
Kostüme: Christine Hielscher
Dramaturgie: Kathrin Brune

Weitere Termine:
Freitag, 30. September, 19:30 Uhr
Samstag, 08. Oktober, 19:30 Uhr
Samstag, 22. Oktober, 18 Uhr
Sonntag, 13. November, 15 Uhr
Samstag, 4. Februar 2023, 19:30 Uhr
Freitag, 24. Februar 2023, 19:30 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

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