Interview Chemnitzer Theater: Warum die Corona-Bedrohung eine Schließung erzwingt

Ausgerechnet in ihrer sonst meistbesuchten Zeit, der Weihnachtszeit, sind die sächsischen Theater wegen Corona wieder geschlossen. Das sei aktuell aber notwendig, sagt Christoph Dittrich, Generalintendant der Städtischen Theater Chemnitz, im Interview. Die Einschränkungen am Haus seien nicht nur durch Verordnungen zu begründen, sondern auch durch Erkrankungen des Personals.

Oper Chemnitz
Die Oper in Chemnitz ist aktuell für Publikum geschlossen, ebenswo wie das Theater. Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Herr Dittrich, wie ist bei diesem erneuten Lockdown die Situation bei den Theatern Chemnitz, wie schätzen Sie die Stimmung ein?

Christoph Dittrich: Ja, sie ist natürlich gedrückt, die Stimmung. (...) Es ging ja alles recht schnell und auch wieder aus voller Fahrt heraus. Sie müssen sich vorstellen, dass wir ja dann nach der Sommerpause wirklich mit großer Energie dieses schwere Flugzeug wieder in die Luft gebracht haben, nach dieser langen, langen Pause, die wir hatten. Gerade auch im Musiktheater mit den großen Ensembles. Und jetzt zwingen wir das Flugzeug wieder zur Landung. Das ist eine unglaubliche Kraftanstrengung, die ja leider nicht das Publikum erreicht, sondern es ist einfach eine Bremsenergie, die notwendig ist.

Gleichwohl sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wahnsinnig diszipliniert. Wir sind auch in Sorge. Die Inzidenzen sind katastrophal. Wir haben immer wieder auch Erkrankungen, Quarantäne, erkrankte Kinder im Haus und in den Familien und mussten auch schon Vorstellungen absagen, weil eben ganz kurzfristig positive Testungen auftauchten und Erkrankungen, die natürlich auch immer Ängste beim spielenden Personal ausgelöst haben. Also der Spielbetrieb war sowohl durch Verordnungslage gefährdet, als auch wirklich von innen heraus durch diese sehr, sehr hohe Inzidenz, durch diese hohe Erkrankungslage.

Nun haben wir aus Leipzig schon die Kunde bekommen, dass die städtischen Kultureinrichtungen bis zum 9. Januar schließen. Wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Kunst- und Kulturbereich unterhält, prognostizieren viele: Das wird wohl bis 31. März 2022 so bleiben, dass die Kunst und Kultureinrichtungen geschlossen sind, sprich, der Lockdown anhält. Wie vermitteln Sie das jetzt Ihren Mitarbeitern?

Zunächst haben wir die Faktenlage wirklich erst einmal bis zum 12. Dezember. Wir sind mit unserem Träger im Gespräch, auch mit anderen Häusern und auch mit dem Freistaat, um eine Ahnung zu bekommen, wie es weitergehen könnte. Natürlich befürchten auch wir, dass am 13. Dezember nicht plötzlich die Welt wieder in Ordnung ist. Noch steigen die Inzidenzen, noch füllen sich die Krankenhäuser, eine sehr bedrohliche Situation.

Ja, wir haben gehört, dass die Leipziger Kollegen bereits bis zum 9. Januar schließen wollen. Und die Überlegungen, die Planungen, laufen bei uns in eine ähnliche Richtung, zunächst noch als Gedankenspiel. Aber wir können kaum noch Künstler in großen Gruppen zusammenbringen, (...) ohne Sorge. Und ich glaube nicht, dass das so schnell vorbei sein wird. Wir haben im Augenblick nicht die Angst, dass das noch weit bis ins Jahr 2022 hineinreicht. Wir hoffen schon, dass es etwas schneller geht, dass die Situation sich wieder bessert und gerade auch durch das verbesserte Impfniveau eine Stabilisierung erreicht wird. Aber, dass es am 13. Dezember vorbei ist, glauben wir leider nicht.

Dr. Christoph Dittrich
Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich Bildrechte: Theater Chemnitz

Wie muss ich mir das jetzt vorstellen im Schauspielhaus oder auch in der Oper? Sind das Häuser des Schweigens?

Nein. Im Augenblick versuchen wir, vor allen Dingen sinnvoll zu handeln. (...) Wir werden auch wieder über digitale Projekte nachdenken (...). Wir werden uns dann Mühe geben, uns unserem Publikum über die Advents- und Weihnachtszeit eben zumindest auf eine digitale Art und Weise zu nähern.

Vom Buchhandel höre ich immer, November und der Dezember seien die Monate, in denen der beste Umsatz durch das Weihnachtsgeschäft gelingt. Und auch von den Theatern hört man, das sind eigentlich die beiden Monate, die am stärksten brummen. Tut es deshalb besonders weh?

Ja, definitiv. Diese Zeit ist eigentlich eine, in der relativ wenig geprobt wird. Proben- und Vorstellungsbetrieb verschränken sich ja eigentlich die ganze Spielzeit über. Das ist im Dezember, teilweise auch noch im Januar anders: Da wird eigentlich gespielt, gespielt, gespielt. Dort haben wir an unserem Haus teilweise am Wochenende acht Vorstellungen, also vormittags, abends, Konzert in der Stadthalle, alles.

Die Bedrohung, die auch wir durch die Pandemie empfinden, scheint das so zu erzwingen.

Christoph Dittrich

Dort wird wirklich bis zum Umfallen geschuftet, um der hohen Nachfrage der hohen Emotionalität, die sich mit dieser Jahreszeit, mit dem Weihnachtsfest verbindet, gerecht zu werden. Das machen wir gern. Das gehört zu dem Beruf dazu, den wir haben. Und wenn das jetzt ausfällt, ist das sowohl von dieser Frage, wie werde ich diese herrliche Energie eigentlich los, wie auch von der wirtschaftlichen Seite wirklich schon eine Katastrophe. Aber ich muss es immer wieder sagen: Die Bedrohung, die auch wir durch die Pandemie empfinden, scheint das so zu erzwingen.

Überlegen Sie gerade, dass spezielle Inszenierungen als digitales Format produziert werden und dann wieder online zu sehen sind?

Ja, wir tun solche Dinge. Wir versuchen vor allen Dingen auch unser analoges Program zunächst einmal zu schützen und sinnvoll vorzubereiten für die Zeit, in der wir wieder spielen können. Und es gibt bestimmte Formate, die wir schon entwickelt haben. Ich möchte eins herausgreifen: Von unserem Figurentheater war der "Wandertag im Weltraum" erfunden worden, als ein Theaterstück, das live bei uns stattfindet und über ein Digitalmedium interaktiv zur Schulklasse übertragen wird. Das ist also kein Film, der dort abläuft, sondern wirklich auch mit der Rückmeldung der jungen Menschen passiert dort etwas in einer Live-Aufführung.

Und ich könnte mir vorstellen, dass es gerade auch für Schulklassen (...) eine sehr interessante Farbe jetzt vor der Weihnachtszeit sein könnte. Wenn man dann doch trotz aller pandemischer Bedrohungen eben auf die letzten Schultage vor den Weihnachtsferien zugeht, dort noch mal etwas Besonderes zu erleben. Zumal selbst die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden hinzugeschaltet werden können, die vielleicht erkrankt zu Hause sitzen, weil das durch den digitalen Apparat ja möglich ist.

Das Interview führte Andreas Berger für MDR SACHSEN. Für die schriftliche Fassung wurde es redigiert und leicht gekürzt.

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Dieses Thema im Programm: MDR 1 RADIO SACHSEN | 29. November 2021 | 20:05 Uhr