"Monster wie wir" Theater Dessau thematisiert sexuelle Gewalt

Am Alten Theater Dessau, das zum Anhaltischen Theater Dessau gehört, ist seit dem 16. Oktober ein Stück zu sehen, das auf dem Romandebüt "Monster wie wir" der Leipziger Lyrikerin Ulrike Almut Sandig beruht. Erzählt wird die Geschichte von Ruth und Viktor, die in einer sächsischen Kleinstadt in den späten DDR-Jahren aufwachsen und sexuelle Gewalt erfahren haben. Die Inszenierung zeigt, wie die beiden zurück ins Leben finden. Ein Stück, das sich vor allem an junges Publikum richtet; auch Aufführungen für Schulklassen sind geplant.

Protagonisten des Theaterstücks "Monster wie wir", Ruth und Viktor, albern miteinander herum.
Die Inszenierung von "Monster wie wir" am Anhaltischen Theater Dessau ist kein düstere Auseinandersetzung mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Bildrechte: Claudia Heysel

"Monster wie wir" - das Stück von Katrin Plötner nach einem Buch von Ulrike Almut Sandig feiert am 16. Oktober am Theater Dessau Premiere. Es geht um sexuellen Missbrauch und den Umgang mit diesem Trauma. Das Publikum erwartet aber kein durchgängig düsterer Abend, vielmehr erzählt das Stück vom Umgang mit dem Erlebten und zeigt, wie die Protagonisten zurück ins Leben finden. Gespielt wird im Foyer des Theaters, sodass die Zuschaurinnen und Zuschauer und die beiden Schauspieler sich dadurch sehr nah sind, was die Eindringlichkeit des Stückes unterstreicht.

Lyrikerin Ulrike Almut Sandig lieferte literarische Vorlage

Die Protagonisten sind Ruth und Viktor, die sich bereits im Kindergarten kennenlernen. Sie spielen miteinander und werden dicke Freunde. Die Kinder, so wird im Laufe des Stückes klar, sind Opfer von sexueller Gewalt. Um die Traumata erträglich zu machen, werden ihre Peiniger zu Vampiren, von denen sie sich ausgesogen fühlen. "Monster wie wir" spielt in den letzten Jahren der DDR, schildert den Untergang des Regimes und erzählt, wie es den beiden Protagonisten nach dem Fall der Mauer geht. Denn nun sind alle Sicherheiten weg, die Vampire aber immer noch da.

Protagonisten des Theaterstücks "Monster wie wir", Ruth und Viktor, reiten auf einem Kuscheltier und haben Metalleimer über den Kopf gezogen.
Die beiden Protagonisten des Stücks sind seit dem Kindergarten befreundet. Bildrechte: Claudia Heysel

Viktor flüchtet sich in die rechte Szene, Ruth beginnt mit dem Violinenspiel. Anders als im Roman hat sich Regisseurin Katrin Plötner für das Klavier entschieden, da die Schauspielerin Cara-Maria Nagler das Instrument spielen könne. Während beide Protagonisten ihren eigenen Umgang mit der Gewalterfahrung finden, verlieren sich die Freunde aus den Augen. Ob sie wieder zusammenfinden, erfährt man am Ende des Stückes, in dem sich die Regisseurin nur für einen Teil des Buches entschieden hat. Denn in dem wird explizit und auch seitenlang Gewalt beschrieben.

Umgang mit sexueller Gewalt aktueller den je

Die Gewaltdarstellung brauche sie für die Bühne nicht, sagt Plötner: "Ich verstehe, warum man das macht, weil es ein Fakt ist, dass diese Gewalt stattfindet. Ich brauche das aber nicht als Reproduktion auf der Bühne." Außerdem sei es sehr schwer, auf der Bühne Gewalt darzustellen, ohne dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler wirklich gegenseitig verletzen müssten. "Oder ohne dass es lächerlich wird", erklärt Plötner. Deswegen hat sich die Regisseurin dazu entschlossen, die Geschichte von Ruth und Viktor als eine Geschichte von Freundschaft und Entwicklung zu erzählen.

Ruth, Protagonistin des Theaterstücks "Monster wie wir", sitzt gedankenverloren vor einem Klavier.
Für die Figur Ruth ist Musik eine Fluchtmöglichkeit. Bildrechte: Claudia Heysel

Es geht um einen neuen Opferbegriff: Darum, dass wir zwar die Wunden eines Traumas mit, an oder in uns tragen, aber niemals nur darauf reduziert werden dürfen. Nicht von uns und nicht von anderen. Die Suche nach einem neuen Begriff für Menschen, die ein Trauma erfahren haben, macht das Stück aktueller denn je. Denn Opfer sind später meist Menschen, die große Kräfte entwickeln, da sie sich ins Leben zurückkämpfen müssen, wie es auch Ruth und Viktor in den Stück "Monster wie wir" tun. Sie finden sich nicht mit ihrem Schicksal ab, sondern nehmen es in die Hand.

Beratungsangebot für junges Publikum und Schulklassen

Im Vorfeld der Inszenierung hat sich die Regisseurin lange mit dem Thema sexuelle Gewalt beschäftigt. Sie war erstaunt über den Fakt, dass Menschen im Durchschnitt zehn Jahre brauchen, um über das Erlebte reden zu können. Dabei gibt es viele Betroffene: Fast jede siebte Frau in Deutschland ist von sexualisierter Gewalt betroffen. In dieser Statistik fehlen Jungen und Männer, zudem ist die Dunkelziffer hoch.

Das Schauspiel "Monster wie wir" richtet sich an alle, aber vor allem junges Publikum soll kommen. Außerdem sind Aufführungen für Schulklassen geplant. Allein gelassen werden die jungen Leute mit der Geschichte allerdings nicht. Eine Vertreterin von Wildwasser, dem Verein gegen sexuelle Gewalt, wird im Alten Theater in Dessau dabei sein und bei Bedarf Rede und Antwort stehen oder Hilfsmöglichkeiten für Betroffene oder ihre Angehörigen aufzeigen.

Ruth, Protagonistin des Theaterstücks "Monster wie wir", verdeckt sich mit den Händen das Gesicht.
Szene aus dem Theaterstück "Monster wie wir" am Alten Theater Dessau. Bildrechte: Claudia Heysel

Mehr über das Stück "Monster wie wir"
Schauspiel nach Ulrike Almut Sandig

Inszenierung: Katrin Plötner
Ausstattung: Anna Brandstätter
Mitarbeit Ausstattung: Rayén Zapata
Sound und musikalische Leitung: Michael Lohmann
Dramaturgie: Kornelius Luther
Ruth: Cara-Maria Nagler
Viktor: Andreas Hammer

Altes Theater Dessau
Lily-Herking-Platz 1
06844 Dessau-Roßlau

Aufführungen:
16.10.21, 20 Uhr (Premiere)
20.10.21, 18 Uhr
22.10.21, 20 Uhr
30.10.21, 20 Uhr
01.11.21, 10 Uhr
04.11.21, 10 Uhr
14.12.21, 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2021 | 08:15 Uhr