Nachgeholt Dresdner Kabarett "Herkuleskeule" feiert 60. Geburtstag – "und dreht am Rad"

Mit einem Jahr Verspätung feiert Dresdens Kabarett-Theater "Herkuleskeule" seinen 60. Geburtstag. Unter dem Motto "Wir drehen am Rad" wird mit neuem Programm und kabarettistischem Großaufgebot im Stammhaus im Kulturpalast gefeiert. Mit dabei: Birgit Schaller, Hannes Sell, Detlef Nier und Philipp Schaller, die sich gemeinsam mit den Musikern Jens Wagner und Volker Fiebig durch die Krisen unserer Zeit provozieren.

Herkuleskeule Dresden 4 min
Bildrechte: Robert Jentzsch

Am 1. Mai ging sie über die Bühne – die Premiere zur Jubiläumsrevue des Dresdener Traditionskabaretts "Herkuleskeule". 60 Jahre jung ist man schon 2021 geworden – aus den bekannten Gründen wurde aber weder etwas aus einer großen Feier, noch aus dem Programm, das anlässlich dazu auf die Bühne kommen sollte. Also hat man die Feierlichkeiten und das Jubiläumsprogramm auf dieses Jahr verschoben.

Der Titel "Revue" hält so ziemlich, was er verspricht: vom Pailettenfummel bis zur "Showband" wurde fast alles aufgeboten, um die Satirehiebe diesmal stilecht in Glitzer zu verpacken, quasi als nötiger Budenzauber für scharfe Zeitkritik, dialektische Pointen und auch mal für den einen oder anderen Schenkelklopfer.

So ein Spagat zwischen Show und Satire kann nun gelingen oder nicht, im Falle von "Wir drehen am Rad" kann man aber vorab konstatieren, dass der Plan aufgegangen ist. Schon die musikalische Begrüßung reine Satire: denn die Eingangsworte "Wir haben Euch lieb" waren ganz sicher nicht als Anbiederei zu verstehen.

Jubiläums-Programm der Dresdner Herkuleskeule greift aktuelle Zeitfragen auf

Mit ihrem neuen Programm macht es sich die Herkuleskeule nicht leicht – ihrem Publikum aber auch nicht. Ziemlich zu Anfang wurde klar, dass es nicht etwa ein "Best of" der letzten sechs Dekaden geben würde, sondern ein Programm, ganz nah dran, an den aktuellen Zeitfragen. Verhandelt wird natürlich alles, was die Menschen momentan bewegt – von der Pandemie bis zum Ukraine-Krieg – pointiert satirisch und manchmal auch philosophisch nachdenklich.

Dass das Publikum nicht mit allem, was auf der Bühne ausgesprochen wird, einverstanden sein muss, ist dabei nicht nur einkalkuliert, sondern unbedingtes Anliegen, denn es ist nicht mehr wie damals – vor mehr als dreißig Jahren und vielleicht auch noch in den 90ern, da wurde das Kabarett wahrgenommen als Sprachrohr von unten nach oben. Man ging in die Herkuleskeule, um über das System zu lachen und war mit denen auf der Bühne d'accord. Das aber funktioniert in einer Demokratie so nicht und in Zeiten völlig diversifizierter Meinungen und Ansichten erst recht nicht. 

Wir stellen Fragen und lassen gegensätzliche Meinungen und Haltungen aufeinander treffen.

Philipp Schaller künstlerischer Leiter der Herkuleskeule

Das, was Kabarett heute im besten Falle leisten kann, formuliert Philipp Schaller,  künstlerischer Leiter der Herkuleskeule: "Zunächst glaube ich, dass man darauf vertrauen muss, dass die Leute denken wollen! Ich habe da ein großes Vertrauen, auch, dass das Publikum dialektisch denken will, und dass mehr und mehr die Nase voll davon haben, dass man ihnen Antworten liefert und erklärt: 'So ist die Welt'. Das machen wir übrigens nicht erst seit diesem Programm so, sondern schon lange. Dass wir also sagen: Wir stellen Fragen und lassen gegensätzliche Meinungen und Haltungen aufeinander treffen und der Zuschauer muss mitdenken und sich 'Seins' selber daraus mitnehmen."

Kulturpalast Dresden
Spielstätte der Herkuleskeule ist seit 2017 der Kulturpalast am Altmarkt in Dresden. Bildrechte: IMAGO / Volker Preußer

Philipp Schaller hat die Texte des aktuellen Programms zugeliefert – die inhaltlich nicht weniger potenten Songs, die eingebaut sind, und die das Ensemble mit vollem Stimmeinsatz präsentiert, stammen von verschiedenen Autoren, von "Schwarze Grütze" bis Axel Pätz. Kunstgriff der "Revue" sind übrigens Video-Glückwunschbotschaften der Herkuleskeulen-Gäste – die sind nicht ganz "echt", wirken aber so und spiegeln ziemlich gut wider, was sich so an Einträgen im Gästebuch des Kabaretts findet – von "großartig" bis "Volksverräter".

Themen wie Migration und Gendern kabarettistisch inszeniert

Diese Inszenierungs-Idee ist jedenfalls eine glänzende Folie, um im Stück Diskussionen zu entzünden – gleich, ob es um Migration oder das Gendern geht. Auch hier gab es auf der Bühne gegensätzliche Positionen zu hören, als jedoch die Frage fiel: "Hältst gendergerechte Sprache denn für Schwachsinn?" und die Antwort lautet: "Möglichst differenziert ausgedrückt – ja!" – da hatte die "Keule" das Publikum zu hundert Prozent auf ihrer Seite.

Sogar die aus Sömmerda angereiste Schulklasse konnte mitlachen – auch, wenn die jungen Leute in einigen Punkten anderer Auffassung gewesen sein mochten – das Programm kam an, was beweist, dass Teenager eben nicht nur mit Comedy "abzuholen" sind.

Die 15-jährige Mia sagte: "Ich denke schon, dass die meisten von uns sich sehr interessiert haben und dem Stück gefolgt sind. Ich fand es besonders interessant, als über Feminismus gesprochen wurde, das ist ein sehr spannendes Thema für mich und darüber rede ich auch gerne. Aber mit vielen Dingen, die gesagt wurden, konnte ich auch übereinstimmen."

Sollten die Meinungen dann aber doch auseinander gehen – auch gut – denn, wie Kabarettistin Birgit Schaller formuliert, geht es eben nicht darum, Wahrheiten zu verkünden, sondern um das Anregen von Diskussionen und Gedanken, zu denen man sich bei verschiedenen drängenden Themen hin bewegen könnte.

Herkuleskeule Dresden
Die Jubiläums-Revue der Dresdner Herkuleskeule begeistert auch das junge Publikum. Bildrechte: Robert Jentzsch

Dresdner Herkuleskeule feiert mit kabarettistischem Großaufgebot

Die satirischen Geschosse übrigens verpackt in eine tolle "Jubiläums-Glitzer-Revue" mit den schönen Kostümen von Anne Konstanze Lahr, geht's gegen Denkverbote und Schablonen – so agitieren höchst amüsant Hannes Sell, Detlef Nier, Philipp und Birgit Schaller gemeinsam mit der tollen "Showband" bestehend aus Jens Wagner und Volker Fiebi.

Für die farbvollen Regie ist Mario Grünewald zuständig bei "Wir drehen am Rad" – dem Jubiläumsprogramm zu 60 Jahren Herkuleskeule.

Mehr Informationen "Wir drehen am Rad" – Geburtstagsshow anlässlich des 60. Geburtstags der Dresdner Herkuleskeule

Herkuleskeule / Kulturpalast Dresden
Schlossstraße 2
01067 Dresden

Besetzung: Birgit Schaller, Hannes Sell, Detlef Nier, Philipp Schaller, Jens Wagner, Volker Fiebig
Buch: Philipp Schaller
Komposition, Arrangements & Musikalische Leitung: Jens Wagner
Lieder: Michael Frowin, Michael Feindler, Stefan Klucke, Michael Krebs, Axel Pätz, Hans-Eckardt Wenzel, Danger Dan, Suchtpotenzial, Erika Schirmer
Choreographie: Thomas Winkler
Kostüme: Anne Konstanze Lahr
Kostümanfertigung: Britta Jansen & Susanne Weigelt
Bühnenbild/Licht: Mario Radicke
Technische Leitung: Stefan Kopsch
Regieassistenz: Michael Rümmler
Regie: Mario Grünewald

Termine 2022:
4. Mai I 19:30 Uhr
9. Mai I 19:30 Uhr
23. Mai I 19:30 Uhr
1. Juni I 19:30 Uhr
14. Juni I 19:30 Uhr
21. Juni I 19:30 Uhr
1. Juli I 20 Uhr
31. August I 20 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Mai 2022 | 06:15 Uhr

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