Premiere am Staatsschauspiel "Macbeth" in Dresden: Spektakuläre Shakespeare-Show von Christian Friedel

Auf diesen "Macbeth" haben viele Theaterfans gewartet: Mit seiner ersten großen Inszenierung begeisterte Schauspieler Christian Friedel an der Seite seiner Band Woods of Birnam das Premierenpublikum am Staatsschauspiel Dresden. Zu sehen gab es eine große, laute Shakespeare-Show mit allem, was das Theater zu bieten hat. Auch wenn bei all der Action wenig Raum für Nuancen zwischen den Rollen und im Text blieb, hat das spektakuläre Theaterereignis unseren Kritiker mitgerissen.

Macbeth hält ein Schwert in der Hand, hinter ihm steht eine Menge.
Christian Friedel hat Macbeth inszeniert, spielt die Titelrotte und singt an der Seite seiner Band Woods of Birnam den Soundtrack zum Stück. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Die Standing Ovations eines begeisterten Publikums im bis auf den letzten Platz gefüllten Schauspielhaus wollten einfach nicht enden. Den mehr als 40 Mitwirkenden auf der Bühne sah man die Erleichterung an. Es endlich geschafft zu haben, diese Arbeit zu zeigen. Zweimal musste die Premiere verschoben werden, im September 2020 gab es nur eine stark abgespeckte Corona-Fassung zu sehen. Da fällt einiges ab.

Knapp drei Stunden lang haben Christian Friedel und sein Team alles aufgefahren, was das Theater hergibt, und eine opulente Shakespeare-Show geliefert. Mit Musik von Pop bis Industrial, mit Licht und Nebel, mit sich unaufhörlich drehenden und hebenden und verschiebenden Bühnensegmenten, mit Videoprojektionen, Tanzchoreografien und – im Zentrum des Abends – einem wie eigentlich immer souveränen Christian Friedel als Macbeth und Frontman der Band.

Christian Friedels Shakespeare-Premiere als Regisseur

Der "Macbeth" ist die erste Shakespeare-Inszenierung, in der Friedel auch die Regie führt. Der legendäre "Hamlet" von 2012 – mehr als hundertmal in Dresden gespielt und zudem in Düsseldorf als Gastspiel sehr erfolgreich – war eine Inszenierung von Roger Vontobel. Dann folgte "Searching for William", ein szenisches Konzert, mit dem "Woods of Birnam" extrem viele Fans dazugewonnen haben, mit dem sie sogar vor der Kulisse Schloss Helsingör gespielt haben, dem historischen Hamlet-Schauplatz. Das war unvergleichlich. Nun also zum ersten Mal eine klassische Theater-Inszenierung von Friedel und den "Woods".

 Schauspieler tanzen, im Hintergrund ist eine Band mit Macbeth zu sehen.
Christian Friedel singt als Macbeth an der Seite seiner Band Woods of Birnam. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Woods of Birnam liefern Soundtrack für Macbeth in Dresden

Friedel hat dafür eine eigene Stückfassung geschrieben, in der Macbeth selbst, sein Wahnsinn und sein Ende bereits zu Beginn aufflackern und damit einen Rahmen bilden für seinen mörderischen Weg auf den Thron. Dieser Weg wird brachial gespielt, die Faszination am Bösen wird stark betont. Dieser Mann scheut weder Intrige noch Mord oder Krieg, um seinen Willen zu bekommen. Friedel und das Ensemble spielen diesen Strudel der Gewalt mit martialischen Bildern und Sounds, es dröhnt und grollt – und fast ununterbrochen spielt die Band dazu live auf der Bühne einen Soundtrack, der auch mal poppig wird, sogar etwas kitschig darf es mal sein, aber im Grunde die Erzählweise für den Abend vorgibt. Hauptsächlich ist sie laut und intensiv.

Shakespeare-Text geht vor lauter Action unter

Es herrscht kein Mangel an düsteren und mystischen Stimmungen, was perfekt zum "Macbeth" passt. Nicht zu vergessen – wir sind im Wald von Birnam, der Friedels Band ihren Namen gab. Aber zugleich drohen diese Stimmungen den Shakespeare-Text zu erdrücken. Die allermeisten Szenen werden kämpferisch vorgetragen, regelrecht proklamiert, mit viel Pathos und "Drama" in den Gesichtern. Da ist wenig Raum für Psychologie, für Zwischentöne, für das Verhältnis der Figuren.

Friedel als Macbeth mit seinem frauenfeindlichen Menschenbild und sein Widerpart Lady Macbeth, gespielt von Nadja Stübiger – da steckt eine spannende Entwicklung drin: Anfangs treibt sie Macbeth in die Gewalt, später will sie ihn bremsen, schafft es aber nicht mehr. Beide sind großartig in den heftigen Dialogen, kraftvoll, aber wie auch insgesamt an dem Abend gibt es kaum Ruhepunkte, wenig Nuancen. Der weitgehend "laute" Vortrag wird irgendwann zu leerem Pathos und Monotonie.

Lady Macbeth greift ihrem Mann ins Gesicht.
Macbeth (Christian Friedel) und sein Widerpart (Nadja Stübiger) liefern sich heftige Dialoge. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Großartiger Inszenierung fehlen die Nuancen

So bleiben am Ende zwei sich scheinbar widersprechende Eindrücke. Einerseits ist der "Macbeth" eine gigantische Leistung, mindestens erste Liga. Sie wird Menschen ins Theater bringen, angesichts des vielerorts herrschenden Zuschauerschwunds eine gute Sache.

Andererseits kann diese sehr moderne Präsentation nicht ganz überspielen, dass der Shakespeare-Text dahinter relativ altbacken vorgetragen wird. Christian Friedel und Nadja Stübiger und den großartigen Dresdner Schauspielern und Schauspielerinnen - eine erstklassige Besetzung! – bleibt wenig Raum für Nuancen. In den Rollen, aber auch in Bezug auf den sprachgewaltigen Shakespeare-Text. Es wirkt, als sei alles der großen Show untergeordnet – die man sich dennoch unbedingt ansehen sollte. Sie ist ein Theaterereignis, wie es sie nicht allzu oft zu sehen gibt.

Macbeth steht mit Krone und zornigem Blick am Mikrofon.
"Macbeth" am Staatsschauspiel Dresden ist ein sehenswertes Theatereignis. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Angaben zum Stück Macbeth
von William Shakespeare

Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2
01067 Dresden

Aufführungen:
Montag, 28. November, 19:30 Uhr
Mittwoch, 14. Dezember, 19:30 Uhr
Donnerstag, 29. Dezember, 19:30 Uhr

Weitere Vorstellungen im Jahr 2023.

Mehr zum Staatsschauspiel Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2022 | 08:40 Uhr

Mehr MDR KULTUR