Neuer Publikumsrenner "Bambi" am tjg Dresden – mehr als Disney-Kitsch

Die Geschichte von Bambi, dem kleinen Rehkitz mit den großen Augen, das seine Mutter verliert und unterstützt von den Freunden des Waldes erwachsen wird, gehört zu den bekanntesten Geschichten der Kinderliteratur und Filmgeschichte. Das Theater Junge Generation (tjg) in Dresden greift tief in die Wundertüten des Theaters und könnte mit "Bambi" für einen neuen Publikumsrenner sorgen.

Bambi 4 min
Bildrechte: Marco Prill/tjg. theater junge generation Dresden
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Heike Schwarzer über die Premiere des Kinderklassikers "Bambi" am Theater Junge Generation in Dresden.

MDR KULTUR - Das Radio Do 27.01.2022 06:00Uhr 04:10 min

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Der Wald ist groß: ein ganzer Bühnenraum voller unvorhersehbarer Momente, begrenzt durch ein undurchdringbares Gespinst von Zweigen, das je nach Tages- oder Jahreszeit in unterschiedlichen Farben leuchtet und lebendig wird. Hier lebt Bambi mit seiner Mutter.

Seit 100 Jahren dient die Geschichte des Rehkindes als Stoff für Bücher, Filme und Theater. "'Bambi' ist ein Stück Weltliteratur für Kinder", erklärt Ulrike Leßmann, Chefdramaturgin am Theater Junge Generation Dresden. 1923 wurde es geschrieben von Felix Salten. "Das ist fast in Vergessenheit geraten", so Leßmann weiter, "weil inzwischen die Wahrnehmung durch die Disney-Verfilmung so überlagert ist. Bambi ist einerseits die Geschichte eines trauernden Rehkitzes, aber es ist auch – und das stellen wir in dieser Fassung in den Mittelpunkt – die Geschichte einer Gemeinschaft von Waldtieren, von Wesen und Pflanzen, die zusammen ihre Stärke entwickeln – also eine Geschichte über Solidarität."

Vielfältiges Puppentheater

Das kleine Reh Bambi, das seine Mutter verloren hat und aus Trauer verstummt, ist auf der Dresdner Theaterbühne nicht größer als eine gewöhnliche Spielfigur aus Kunststoff. Für Regisseur Lorenz Seib ist das eine symbolhafte Größe: "Das heißt, es geht wirklich um die Kindheit dieses Rehs. Gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden endet unser Stück – anders als das Buch."

Zwei Spieler stehen hinter einem Tisch, daneben eine Gestalt mit Fuchsmaske.
In Dresden werden alle Mittel der modernen Bühnenkunst eingesetzt. Bildrechte: Marco Prill/tjg. theater junge generation Dresden

Lorenz Seib hat die Disney-Verfilmung nie gesehen, weder als Kind, noch in der Vorbereitung auf die Inszenierung. Ihm dient das Theaterstück von Oliver Schmaering als Vorlage. Stilistisch und spielerisch greift er dafür zu einer fantastischen Vielfalt von Mitteln. "Wir haben ein Ensemble aus drei Puppenspielern und einer Schauspielerin und sehr unterschiedliche Spielweisen: Es gibt Puppen, Masken, statische Figuren, eine Kamera. Oliver Schmaering schrieb dieses Stück sehr fragmentarisch, mit sehr unterschiedlichen Perspektiven, mehreren Erzählerfiguren und wir reagieren damit auf sein Stück."

Bühnenzauber im Dresdner Kindertheater

Mitten auf der halbrunden Bühne steht ein massiver Block, der sich vielfach öffnen und in Einzelteile zerlegen lässt. Er wird zur Wiese, zur Höhle, zum Versteck, zum Abgrund und zur Gefahr für die Tiere, die zur Familie für das verstummte Bambi werden.

Als der Wiener Autor und Jäger Felix Salten 1923 seinen Roman "Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde" veröffentlichte, wollte er keine idyllische oder romantische Geschichte erzählen, betont Ulrike Leßmann, die das Theaterstück dramaturgisch betreute. "Er wollte zeigen, dass die Welt nicht nur ein sonniges Paradies ist. Da er ein passionierter Jäger war, habe ihn die Jagd überhaupt erst befähigt, so auf die Natur zu schauen und diesen Roman zu schreiben. Erst durch die Überschreibung von Walt Disney ist es dann zu diesem Bild des kulleräugigen Rehkindes gekommen."

Ein Mensch mit Fuchsmaske läuft über die Dresdner Bühne, im Hintergrund stehen grüne Quader im Halbdunkel.
Die "Bambi"-Inszenierung konzentriert sich auf die Erzählung über die Natur. Bildrechte: Marco Prill/tjg. theater junge generation Dresden

Der Autor Felix Salten wurde darüber fast vergessen. Das sogenannte "Bambi-Syndrom" habe ganz im Gegensatz zu Saltens Intention gestanden, so Leßmann, "nämlich die Natur als gut, als unschuldig, als den Menschen gegenübergesetzt wahrzunehmen, also eine Art kindliche, infantile Naturwahrnehmung, was damit zu tun hat, dass unser Alltagsleben eben immer weniger mit Natur zu tun hat."

Das Bambi-Rehkitz auf der Dresdner Theaterbühne ist unbeweglich, starr vor Trauer und Angst. Keine klimpernden Disney-Kulleraugen verzücken in Dresden. Nur ganz am Ende findet Bambi seine Sprache zurück. Gelacht wird trotz Trauer und Gefahren und es wird tief in die wunderbarsten Wundertüten des Theaters gegriffen. "Bambi" am Theater Junge Generation hat die Chance zum neuen Publikumsrenner – nicht zu Unrecht.

Weitere Informationen "Bambi" von Oliver Schmaering nach Felix Salten
Theater für Kinder ab 6 Jahren

Regie: Lorenz Seib
Ausstattung: Lisette Schürer
Musik: Christoph Hamann
Dramaturgie: Ulrike Leßmann
Mit: Marie Thérès Albrecht, Patrick Borck, Carlo Silvester Duer, Uwe Steinbach

Nächste Termine:
27. Januar, 10 Uhr
30. Januar, 16 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2022 | 07:10 Uhr

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