Theater Storms "Schimmelreiter" in Eisenach: Schullektüre entstaubt

"Der Schimmelreiter" von Theodor Storm gilt immer noch als ein Klassiker der Schullektüre. Das Junge Schauspiel Eisenach möchte dem eine junge und frische Bühneninterpretation entgegenstellen. Die neue Inszenierung, die im Februar 2022 Premiere feierte, verzichtet auf starre Rollenmuster und arbeitet mit vielen Effekten. Der niederländische Regisseur Jos van Kan stellt darin die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft zusammenarbeiten und uns weiterentwickeln können. Am 22. November 2022 ist das Stück zum letzten Mal in Eisenach zu sehen.

Schimmelreiter in Eisenach
Das Eisenacher Theater möchte eine frische Alternative zum Deutschunterricht bieten. Bildrechte: Dorit Günter

Hauke Haien ist ein ungewöhnlicher Mensch. Schon als Junge soll er sich für den Deichbau begeistert und später über neue Bauformen nachgedacht und Abstände vermessen haben. So beschreibt es Theodor Storm in seiner Novelle aus dem Jahr 1888 – seinem letzten großen Werk. In "Der Schimmelreiter" erzählt er die Geschichte eines am Ende doch glücklosen Mannes. Des späteren Deichgrafen, der alles versucht, viel gewinnt und doch auch erlebt, wie eine große Flut sein Leben vernichtet. 

"Ein Stoff", sagt der Chefdramaturg des Landestheaters Eisenach, Christoph Macha, "der wird gelesen, der wurde gelesen und der immer wieder neu interpretiert wird. Es ist die erste große literarische, westliche Geschichte, die das Thema Mensch und Natur so eindringlich behandelt." Im Mittelpunkt steht Hauke Haien, rechnend, kalkulierend und von der Angst gerieben, es könnte doch alles zu spät sein für neue Pläne und einen neuen Deich. Christoph Macha fasziniert an diesem Stück, "dass man einen Menschen sieht, der gute Ideen hat, aber sie nicht vermitteln kann. Das ist etwas, was wir kennen." 

Ensemble-Leistung aus Eisenach

Schimmelreiter in Eisenach
Die Eisenacher Inszenierung von "Der Schimmelreiter" verzichtet auf klare Rollenzuordnungen. Bildrechte: Dorit Günter

Das sechsköpfige Ensemble in Eisenach setzte diesen Stoff nun im Theater um: Schlichte Bühne mit Elementen, die geschoben, gedreht, mit Licht zur bedrohlichen Schattenkulisse verwandelt werden. Mit einem Hauke, der mal von einer Frau und dann wieder von männlichen Darstellern gespielt wird. Das gehört zur Handschrift des Niederländers Jos van Kan, der die Regie am Landestheater übernahm und neue Akzente setzen möchte. Mehrfach hat er für deutsche Bühnen gearbeitet: in Braunschweig, Dresden und nun in Eisenach.

Wenn er seinen eigenen Stil beschreiben soll, meint er nur: "Schwer zu sagen." Doch auf eines lege er Wert: Das Ensemble sei ein "creative team". Das heißt: Der Text gibt die Linie vor, doch damit werden die Akteure zu einer kreativen Gemeinschaft. So kommen Videos (auch live vom Handy auf die Rückwände projiziert), Musik, Klang und Schauspiel auf einer Ebene zusammen und vermengen sich. Jos van Kan setzt auf schnelle Kostümwechsel mitten auf der Bühne, auf viel Dynamik beim Spiel, wechselnde Rollen der Spielerinnen und Spieler unabhängig vom Geschlecht. Die Hauptfigur Hauke Haien wird gleich von mehreren Personen wechselseitig gespielt.

Frischer Blick auf den "Schimmelreiter"

Mehrere Personen in weißen Hemden und schwarzen Hosen stehen in V-Formation auf einer halbbeleuchteten Bühne.
Regisseur Jos van Kan war es wichtig, dass das Eisenacher Ensemble als Team die Inszenierung prägt. Bildrechte: Dorit Günter

Genau das, so formuliert es Jule Kracht, die Leiterin des Jungen Schauspiels Eisenach, sei eine Sicht auf den Stoff jenseits des Deutschunterrichts und damit auf der Höhe unserer Zeit: "Ich glaub das macht auch für Jugendliche so einen ganz neuen Weg auf." Auch mit Blick auf die Frage: Wie offen ist das Theater für Geschlechteridentitäten? In Eisenach zumindest gibt es nicht den Hauke. "Es ist mal eine Frau, mal ein Mann, mal ein großer Mann, mal ein kleiner Mann, einer, der aus Norddeutschland kommt. Und das macht auch diese Figur des Haukes so bunt."

"Wenn man die Möglichkeit hat, eine Interpretation von einem Team auf der Bühne zu sehen, hat man eine Chance, über dieses Stück nochmals anders nachzudenken", sagt Jule Kracht und setzt auf das Interesse der Schulklassen, den "Schimmelreiter" nochmals anders zu entdecken.

Gesellschaftliche Fragen am Jungen Schauspiel Eisenach

Jos van Kan läßt schwarz-weiße Schatten der Akteure erzeugen und den norddeutschen Deichnebel von einer Bühnenmaschine als bedrohliche Kulisse aufwallen. Er setzt auf Sound, sphärische-schrille Klänge, Musik – das darf auch mal Folklore sein. Was Jos van Kan erreichen möchte, ist auch ein Blick auf unsere Gesellschaft: Wie schafft man es, gemeinsam Probleme auszuloten, Gegensätzen Raum zu geben und doch Neues umzusetzen? 

Porträtbild von Jos van Kan: Mann mit Glatze und brauner Jacke sitzt am Strand und schaut in die Kamera.
Regisseur Jos van Klan wollte das zeitlose Thema in den Mittelpunkt rücken. Bildrechte: Jan Glas

Die gute Idee an sich, die reicht nicht aus. Man muss die Fähigkeit haben, mit anderen in einem Dialog zu sein, anderen zuzuhören, auch wenn sie deine Meinung nicht teilen und dann schauen, ob man irgendwie gemeinsam vorankommt.

Jos van Kan, Regisseur über die Eisenacher Produktion "Der Schimmelreiter"

Auch wenn Hauke Haien am Ende scheitert, so bleibt doch der Blick auf einen Mutigen, Widerständigen, der wagt – und teilweise gewinnt.  Ein unbequemer Einzelgänger, der Gutes wollte und doch einen hohen Preis dafür zahlte. Theodor Storm muss diese Geschichte beeindruckt haben, vielleicht weil der Schriftsteller im Hauptberuf eigentlich Jurist und Richter war, zum Beispiel in Heiligenstadt, wo man ihm heute ein Literaturmuseum widmet. Mit dem Museum hat das Landestheater Eisenach für diese Produktion kooperiert und die Novelle des 1817 in Husum geborenen Storm in einer Bearbeitung von John von Düffel jetzt auf die Bühne gebracht.

Die Aufführung "Der Schimmelreiter" nach Theodor Storm
Fassung von John von Düffel | ab 14 Jahren

In Zusammenarbeit mit dem Literaturmuseum "Theodor Storm" Heilbad Heiligenstadt

Regie: Jos van Kan
Bühne und Kostüme: Ursula Bergmann, Nora Lau
Musik: Wiebe Gotink

Besetzung:
Hauke Haien: Lisa Störr, Ole Riebesell, Christoph Rabeneck
Elke Volkerts: Alexander Beisel, Linda Ghandour, Friederike Fink
Tede Volkerts, der alte Deichgraf: Friederike Fink, Linda Ghandour
Ole Peters: Alexander Beisel, Lisa Störr
u.a.

Letzter Termin:
22. November 2022 | 11 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2022 | 07:40 Uhr

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