Jubiläum Theater Eisleben wird 70: Kleines Haus, starke Leistung

Das Theater Eisleben feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Noch vor einigen Jahren wurde es fast kaputtgespart, heute leistet es wichtige Bildungsarbeit, besonders für Jugendliche. In der neuen Spielzeit 2022/2023 beweist das kleine Haus seine Vielfalt mit Stücken von Friedrich Schiller über Juli Zeh bis Sibylle Berg. Vom Aufstieg und Fall eines kleinen Theaters.

Theater Eisleben, Außenansicht bei Dämmerung 7 min
Bildrechte: Theater Eisleben, Jens Schlüter
7 min

Aufstieg und Fall eines kleinen Theaters: Das Theater Eisleben wurde kaputtgespart und geringgeschätzt. Heute leistet es wichtige kulturelle Bildungsarbeit besonders für Jugendliche. Matthias Schmidt berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Do 22.09.2022 06:00Uhr 07:13 min

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Die Jubiläums-Spielzeit beginnt um 9:30 Uhr. Willkommen im Alltag des Theaters Eisleben. Die erste Premiere heißt "Chica Chica", ist ein Klassenzimmerstück von Maarten Bakker und wird aufgeführt in der Katharinenschule Eisleben. Regelmäßige Gastspiele in Schulen und Städten ohne eigenes Theaterensemble gehören – neben den Produktionen im eigenen Haus – zu den Aufgaben des Theaters Eisleben, das es beinahe nicht bis zum 70. Geburtstag geschafft hätte.

Vor ziemlich genau neun Jahren standen die Zeichen in Eisleben auf Theaterschließung. Der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt hatte 2013 die Landesförderung auf null Euro gesetzt, und hätten die kommunalen Träger, die Stadt Eisleben und der Landkreis Mansfeld-Südharz nicht mansfeldisch-sturköpfig zu ihrem Theater gestanden und sogar mehr Geld zur Verfügung gestellt, dann wäre es das gewesen.

1953 auf Anregung von Wilhelm Pieck gegründet

Eigentlich ein ganz absurder Vorgang, das Theater zu schließen, in einer Stadt, die nicht einmal ein Kino hat – aber so war es damals: Sachsen-Anhalt schaute ganz verliebt auf Luther und die Reformation, was brauchte es da Theater? Weiter ging es für das Theater als "Kulturwerk", sogar die Bezeichnungen "Landesbühne" oder "Theater" waren untersagt. Seit ein paar Jahren finanziert das Land das Theater Eisleben wieder mit, zur Zeit sogar inklusive der anstehenden Tariferhöhungen.

Gegründet wurde das Eislebener Theater 1953 auf Anregung von DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Viele der führenden Politiker des Arbeiter- und Bauernstaates stammten tatsächlich aus dem Proletariat, und eines ihrer großen Ziele war es, den arbeitenden Menschen die "bürgerlichen Höhen" der Kultur zugänglich zu machen – zum Beispiel den Bergleuten aus dem Mansfelder Land Theater.

Mehrspartenhaus, "Landbühne Halle" und großer Einschnitt 2013

"Thomas-Müntzer-Theater" wurde es genannt, auch hier stimmte die Symbolik: Die DDR verstand Müntzer als frühen Revolutionär. Ein Restaurant mit Tanzsaal wurde umgebaut, die "Terrasse", und 1956 als Theater eingeweiht. 1960 wurde sogar ein Mehrspartentheater daraus, mit mehr als 200 Mitarbeitern und der Musiktheatersparte des geschlossenen Stadttheaters von Köthen. Schon immer bestand ein Teil der Theaterarbeit in sogenannten Abstechern in andere Städte des Landes. Vorwiegend im Bezirk Halle, eine Zeit lang nannte man sich sogar "Landbühne Halle".

Menschen auf einer Demonstration halten Schilder hoch, auf denen unter anderem steht "Stoppt den Kulturabbau" oder "Also, Zumachen fällt aus"
Ulrich Fischer, Intendant der Landesbühne Sachsen-Anhalt Lutherstadt Eisleben, und andere Kulturschaffende demonstrieren im Juli 2013 vor der Staatskanzlei in Magdeburg gegen die Kürzungungen des Kulturetats. Bildrechte: dpa

Nach der Wende verlor das Theater relativ schnell seine Musiktheatersparte, und eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass immerhin das Schauspiel erhalten blieb. Nach den damaligen Maßgaben des Deutschen Bühnenvereins waren viele Städte im Osten eigentlich zu klein für ein eigenes Theater, und auch bei Eisleben war es knapp. Nach dem großen Einschnitt von 2013 hat das Haus heute nur noch 40 Mitarbeiter, davon drei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler. Was ich, ehrlich gesagt, für gefährlich wenig halte. Gerade "in der Fläche" braucht es mehr Kultur, mehr Theater.

Intendant Ulrich Fischer, seit 1994 im Amt und damit einer der dienstältesten Intendanten im ganzen Land, schaut trotz steigender Kosten für die Künstler (die Mindestgagen für Schauspieler sind endlich gestiegen) und das Haus optimistisch auf die kommende Spielzeit und die neuen Etatverhandlungen im nächsten Jahr.

Inklusive einiger Gäste, die für einzelne Produktionen dazugebucht werden, leisten Fischer und sein kleines Team viel mehr, als man denkt. Wenn nicht gerade Corona ist, spielt dieses Ensemble mehr als 200 Vorstellungen im Jahr, darunter zwölf Premieren.

Mann lächelt in die Kamera: Porträt des Intendanten des Theaters Eisleben, Ulrich Fischer
Ulrich Fischer ist seit 1994 Intendant des Theaters Eisleben und damit einer der dienstältesten Intendanten des Landes. Bildrechte: dpa

Neue Spielzeit mit Inszenierungen von Sibylle Berg und Juli Zeh

Am 1. Oktober 2022 beispielsweise hat "Kabale und Liebe" Premiere. Da werden neun Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne stehen und in der Regie von Sonja Wassermann dem Trauerspiel von Schiller ein neues Gewand verpassen. Im November gibt es "Wonderland Ave" zu sehen, ein Stück von Sibylle Berg mit Science-Fiction-Elementen, zum Ende der Spielzeit dann "Über Menschen" nach dem Erfolgsroman von Juli Zeh. Gerade in der kleinen Stadt braucht es eine gute Mischung zwischen Klassikern und auch neuen Stoffen und Themen, die bei den Menschen verfangen. Juli Zehs Roman spielt auf dem Lande, wenn auch in Brandenburg, aber die Probleme dort sind ähnliche. Dazu kommen die Klassenzimmerstücke, das Weihnachtsmärchen – viel mehr, als man denken könnte bei so einem kleinen Haus.

Frau in schwarz gekleidetm mit roten Locken und Brille schaut in die Kamera: Porträt der Schriftstellerin Sybille Berg
In der Spielzeit 2022/23 werden am Theater Eisleben nicht nur Klassiker wie ein Weihnachtsmärchen und Schillers "Kabale und Liebe" gezeigt, sondern auch eine Inszenierung von "Über Menschen", dem Roman von Juli Zeh, und "Wonderland Ave" von Sibylle Berg (im Bild). Bildrechte: imago images/Sven Simon

Das Motto der neuen Spielzeit heißt "Es ist überstanden. Ich hab' dich ja wieder", ein Zitat aus "Kabale und Liebe". Die Corona-Jahre haben auch dem Theater Eisleben zugesetzt, und wie an vielen Orten hofft man jetzt, dass die Zuschauer wiederkommen. Die Abonnentenzahl habe sich kaum verringert, sagt Ulrich Fischer, was ein Erfolg sei, aber der Run auf die Karten zu Spielzeitbeginn sei deutlich geringer als früher gewesen. Damit ist das Theater Eisleben in guter Gesellschaft.

Jubiläumsfeier für Ende der Spielzeit geplant

Das Publikum kehrt an vielen Orten nur zögerlich zurück und insofern steckt in dem Motto "Es ist überstanden" sicher beides: Der Fakt, dass das Publikum sein Theater wieder hat und die Hoffnung, dass das Theater sein Publikum zurückbekommt, jetzt, wo "ES überstanden" ist oder zu sein scheint. So richtig gefeiert wird der 70. Geburtstag übrigens erst am Ende der Spielzeit – und mit Sicherheit nicht um 9:30 Uhr.

Redaktionelle Bearbeitung: Sabrina Gierig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2022 | 08:40 Uhr

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